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14-10-2017   Details
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Fernsehen verändert zwangsläufig unser Gehirn

2 Fragen an Prof. Dr. Gerald Hüther
2 Fragen an Prof. Dr. Hüther zum Medien- und Fernsehkonsum

sowie überarbeitete Besprechungen von Fernsehsendungen

(Prof. Dr. Gerald Hüther, Leiter der Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Univ. Göttingen und Mannheim/Heidelberg, Psychiatrische Klinik 37075 Göttingen)


Frage 1:

Welche Faktoren müssen alle zusammen eintreten, damit Fernsehen wirklich dumm macht?

Die wichtigsten Lernprozesse kommen durch eigene Erfahrungen in Gang. Wer passiv vor dem Fernseher sitzt, macht keine Erfahrungen mehr. Bei Kindern ist das besonders fatal. Sie brauchen vor allem eigene Körpererfahrungen, und dazu müssen sie sich bewegen.

Fast alles, was wir lernen, lernen wir von anderen Menschen in einer lebendigen Beziehung. Aber das klappt nicht vor dem Fernseher.

Wir brauchen unser Gehirn nicht zum Betrachten von bunten Bildern, sondern um uns in der realen Welt zurecht zu finden. Wenn Menschen die im Fernsehen vorgeführte Welt mit der realen Welt zu verwischen beginnen, geraten sie hirntechnisch auf Abwege.

Den Nervenzellverschaltungen im Gehirn geht es ähnlich wie unseren Muskeln: Sie bilden sich so heraus, wie man sie benutzt. Je einfacher die Nutzung, desto kümmerlicher wird die Vernetzung im Hirn.



Frage 2:

Inwiefern hat sich unser Gehirn vor lauter Fernsehen bereits verändert – im positiven (lernen durch fernsehen?), wie auch im negativen Sinne (Aggressionen, Sensibilität, Sozialverhalten)?

Das Gehirn verändert sich ständig. Es ist wie eine Baustelle, wobei das Haus, das da entsteht davon abhängt, welche Materialien gerade angeliefert werden. Das Material, mit dem das Hirn herausgebildet wird, sind die Erfahrungen die wir machen. Schnelle Bilderfolgen und ständige Szenenwechsel führen dazu, dass die Nervenzellnetze in den höheren Verarbeitungszentren auch rasen und entsprechend nur lose mit einander verknüpft werden können. Ständige Aufregung und das Erzeugen von Angst und Stress versetzen das Gehirn in einen Zustand von Dauererregung. Unter solchen Bedingungen können nur schwer neue und vor allem komplizierte Verbindungen im Hirn entstehen. Die Botschaften und Inhalte, die das Fernsehen transportiert, hinterlassen entsprechende Spuren im Gehirn und prägen so unser Denken und Handeln.

Es ist also zwangsläufig so, dass Fernsehen unser Gehirn verändert. Wie diese Veränderung aussieht, hängt davon ab, womit wir unser Hirn (vor dem Fernseher) füttern.



Überarbeitete Besprechungen von Fernsehsendungen:

01 "Tatort" (Krimi)
02
"CSI" (Krimi)
03
"Nachrichten"
04
"Alarm für Cobra" (Action Serie)
05 "Smalville" (Action Serie)
06
"Verbotene Liebe" (daily soap)
07
"Lindenstraße"
08
"GZSZ" (daily soap)
09
"Video-Clips"
10 "Big Brother" (Reality Show)
11 "Das Geständnis" ("Reality" Lebensberatung)
12
"Jack Ass" (Reality Show)
13
"Die Abschlussklasse" (Jugend-Reihe)
14
"Vera am Mittag" (Talk-Show)
15
"Wer wird Millionär" (Quiz)
16
"Welt der Wunder" (Doku-Serie)
17
"Desperate Housewifes" (US-Serie/Satire)
18
"Lost" (US-Serie/Drama)
19
"SpongeBob" (Zeichentrick)
20
"Digimon" (Zeichentrick)


01 "Tatort"
Solide Spannungsbögen, die das erwachsene Gehirn selten überfordern und wobei die Spannung gelöst wird. Lädt zum Mitdenken ein und fördert die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und komplexe Beziehungsmuster zu durchschauen. Allerdings: Der Tatort spielt immer vor alltäglichen Kulissen. Der Effekt: Da die Bedrohung jeden treffen könnte, werden Ängste erzeugt. Bei Personen, die bereits ängstlich sind, kann die so geschürte Angst irrationale Züge annehmen.

02 "CSI" (Krimi)
Wird unser Gehirn von heftigen Effekten überwältigt, wie es bei den vielen aufgeschnittenen Leichen der Fall ist, werden besonders jene neuronalen Vernetzungen von Reizen  überflutet, die für unser Einfühlungsvermögen zuständig sind. Folge: Wir gewöhnen uns an den Schock, nehmen die Bilder immer ungerührter zur Kenntnis. Für das Gehirn mag das ein vernünftiger Abwehrmechanismus sein, für das soziale Gewissen und für unsere Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden ist es ein Desaster.

03 "Nachrichten"
Studien belegen: 34 % aller Beiträge bei den Privaten sind gewalthaltig (12% bei den Öffentlichen). Gewaltdarstellungen hinterlassen Spuren im Gehirn: Amygdala und andere emotionale Zentren werden stark aktiviert. Wenn die Gewaltszenen mit den starken Emotionen verknüpft werden, landen sie tief im Langzeitgedächtnis. Angstzustände, Ohnmachtgefühle können die Folge sein. Wer versucht, nicht emotional auf die Bilder zu reagieren, muss seine Gefühle unterdrücken. Auch das hat Folgen.

04 "Alarm für Cobra" (Action Serie)
Schwerstarbeit für unser Gehirn. Die schnellen Bildwechsel in Verbindung mit starken visuellen und akustischen Reizen erzeugen ein Ausmaß an neuronaler Erregung, das sich bis ins limbische System ausbreitet und jeden klaren Gedanken verhindert: Stress. Effekt: Konzentration und Lernfähigkeit bleiben auf der Strecke. Hinzu kommt die nachweislich prägende Darstellung gewaltverherrlichender Bilder: Actionfans neigen zu Aggressionen.

05 "Smalville" (Action Serie)
Verheerende Gefahren, brutale Auseinandersetzungen, etliche Tote. Im Nachmittagsprogramm hat diese Serie nichts zu suchen. Untersuchungen legen die Vermutung nahe, dass solche Fernsehinhalte mit den ausgelösten emotionalen Zuständen in der Amygdala derart stabil verknüpft werden, dass sie später kaum wieder vergessen werden und die Vorstellungswelt davon stark geprägt wird.

06 "Verbotene Liebe" (daily soap)
Die Lieblingssendung der 10 bis14jährigen Mädchen, die durch das tägliche Mitleben am Bildschirm in gefährliche Parallelwelten geraten: Sie suchen in diesem Alter nach Orientierung und ihr Gehirn läuft Gefahr, Realität und das in diesen Sendungen Dargestellte zu vermischen. Der Alltag wird so leicht zur Soap-Bühne. Größtes Problem: Die starke Identifikation mit den dürren Stars. Sie erhöht das Risiko, an Magersucht zu erkranken.

07 "Lindenstraße"
Man begleitet die Darsteller, wie früher die Verwandtschaft, die in der modernen Gesellschaft ihren Zusammenhalt weitgehend verloren hat. Die Lust auf "Lindenstraße", entspricht dem Bedürfnis nach überschaubarem Gemeinschaftsleben, das heute leider über das Medium Fernsehen intensiver gelebt wird als in der Realität.

08 "GZSZ" (daily soap)
Professionelles Fernsehen von der banalsten Seite. Das Schlimme: Fast die Hälfte aller Zuschauer ist gerademal 11 Jahre alt. Bei täglichem Konsum bekommen sie ein völlig verzerrtes Bild vom Leben, das sich tief in ihr Gehirn eingräbt. Studien über Vielseher ergaben: Sie übernehmen die Wertvorstellungen, die ihnen die Serienhelden suggerieren.

09 "Video-Clips"
Das Gehirn ist durch die Reizüberflutung überfordert und nur noch in der Lage, die einfachsten Sachverhalte zu verarbeiten. So werden Botschaften transportiert: In mehr als 70% der Clips wird aggressives Verhalten gezeigt, oft in Kombination mit Sex. Jugendliche Vielseher (75 % wollen so sein, wie ihr Pop-Idol) kopieren Outfit und Verhaltensweisen oft 1:1. Vermittelt wird dieses sogenannte Imitationslernen durch Spiegelneurone im Gehirn.

10 "Big Brother" (Reality Show)
Hier wird eine Gemeinschaft  von Exzentrikern vorgeführt, die um jeden Preis auffallen wollen. Die dabei zur Schau gestellten Angebereien und Obszönitäten gefährden die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen. Ihr Gehirn speichert die Botschaft ab: Wer in unserer Gesellschaft noch Wert legt auf Respekt und Mitgefühl, wird zum Außenseiter. Folge: Tiefe Beschädigungen im moralischen Bewusstsein.

11 "Das Geständnis" ("Reality" Lebensberatung)
Reale Lebensberatung wird versprochen, ein plattes Laienschauspiel im Gerichtssaal wird geliefert. Ein "schlechtes Gewissen haben" ist die Basis unserer Moral, Ehrlichkeit ein hoher Wert. Mit diesen Grundlagen des moralischen Bewusstseins wird auf miserablem Niveau Schindluder getrieben.

12 "Jack Ass" (Reality Show)
Diese Reality-Show ist mittlerweile wegen ihrer Brutalität berüchtigt, aber gerade das hat ihre Popularität fatalerweise auch bei Kindern unter 10 Jahren gesteigert. Lebensgefährliche Stunts werden gezeigt, mit lautem Stöhnen und Wimmern untermalt. Derartige Vorführungen führen zur Desensibilisierung, vor allem junge Zuschauer werden so empfindlungslos für Leiden und Gefahren.

13 "Die Abschlussklasse" (Jugend-Reihe)
Hier werden gezielt die Grenzen der jugendlichen Alltagsrealität und der TV-Fiktion verwischt. Die Bilder geben vor, von den Schülern der Klasse selber aufgenommen worden zu sein, unscharfe Video-Aufnahmen sollten die Täuschung glaubhaft machen. Eine Täuschung, der das kindliche Gehirn hilflos ausgeliefert ist.

14 "Vera am Mittag" (Talk-Show)
Der gesamte Nachmittags-Talk sollte unter 14 Jahren tabu sein. Denn hier wird das kindliche Gehirn durch unkontrolliert ausgelebte Emotionen überfordert und mit Themen konfrontiert, die es nicht verarbeiten kann. Im Gehirn der Zuschauer wird eine fortwährende Erregung erzeugt, die aber nicht zum Aufbau sinnvoller Handlungsmuster genutzt werden kann.

15 "Wer wird Millionär" (Quiz)
Fitnesstraining fürs Gehirn: In der linken Hemisphäre rufen wir unser Wissen ab, mit der rechten deuten wir Jauchs Körpersprache und folgen unseren Intuitionen. Das limbische System fiebert mit den Kandidaten mit. Effekt: Unterschiedliche Hirnregionen werden gut vernetzt, nützliche Informationen bleiben im Gedächtnis haften.

16 "Welt der Wunder" (Doku-Serie)
Eine TV-Doku, die uns zu Wissenschaftlern macht: Wahrnehmungs-, Beobachtungs-, Lern- und Motivationszentren sind aktiviert, das vorhandene Wissen wird erweitert. Unter solchen Bedingungen ist das Gehirn ähnlich aktiviert, wie das eines Wissenschaftlers, wenn der seine Experimente durchführt.

17 "Desperate Housewifes" (US-Serie/Satire)
Die Mischung aus humorvoller Satire und romantischer Liebelei ist  pure Entspannung für das Gehirn: Auf Lachen reagiert das Gehirn mit der Ausschüttung des Glückshormons Endorphin. Und die Liebesszenen erzeugen auch ein gutes Gefühl. Um unsere geistige Leistungsfähigkeit zu steigern, brauchen wir ein Gehirn, das nicht unter Druck steht.

18 "Lost" (US-Serie/Drama)
Nach einem Flugzeugabsturz kämpfen Überlebende auf einer Insel ums Überleben. Jeder gegen jeden bei schwindenden Hoffnungen. Für das Gehirn Stress pur, weil überall der Feind lauert. Forschungen ergaben: Eindringliche TV-Erlebnisse, emotionaler und affektiver Art, prägen unser künftiges Verhalten nachhaltig.

19 "SpongeBob" (Zeichentrick)
Er ist ein Tollpatsch, die Zeichnungen sind skurril, die Welt gerät aus den Fugen und das macht der ganzen Familie Spaß. Hier kann das Kind in Gedanken Vorstellungen davon entwickeln, wie es sich selbst verhalten müßte, damit nicht alles schief geht. Zur Reifung von Vernunft und Gewissen gehört auch eine ordentliche Portion Humor. Und Mitgefühl, das wir mit dem Unglücksraben haben, so wie er es mit seinen Freunden hat.

20 "Digimon" (Zeichentrick)
Permanent stürzen alptraumähnliche Gestalten auf die Kinder zu, es zischt, blitzt, kracht und erschreckt. Die Angst- und Stresszentren im Gehirn werden ständig in Erregung versetzt. Das intensive Betrachten der Handlungen dieser Gestalten führt dazu, dass sogenannte Spiegelneuronen die gleichen Aktivitätsmuster im Gehirn erzeugen, die auch dann entstehen, wenn das Kind diese Handlungen selbst ausführt. Folge dieses Imitationslernens:
Aggressive Verhaltensweisen werden gehirnorganisch verfestigt und ausgebaut
.

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Geschrieben von: Team-ch am 02.11.2009





  

 


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