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Die Verhinderung von Mediensucht muss Chefsache werden!
Referat von Christine und Christoph Hirte (AKTIV GEGEN MEDIENSUCHT und rollenspielsucht.de) am 03.07.09 auf der Jahrestagung der Drogenbeauftragten, Sabine Bätzing (Bild: Mitte) in Berlin
Wir haben Ihnen einige Briefauszüge von Aussteigern, die uns geschrieben haben, mitgebracht:
„10 Stunden am Tag vor dem Computer zu sitzen, gehörte zu meinem Tagesablauf. Spielen war keine Nebensache mehr, es war meine Bestimmung. Während dieser 3 Jahre verlor ich meine Existenz. DAS SPIEL NAHM MIR MEIN LEBEN!...... „
„Ich rate, mit diesem spiel gar nicht erst anzufangen. Es macht einen krank. Andere werden erwachsen doch man selbst entwickelt sich zurück.“
„Das Spiel gehört normalerweise auf einen Index, der das Spielen erst ab 18 Jahren gestattet, denn es kann nicht sein, dass 12-Jährigen vermittelt wird, "wenn ich den töte, erhalte ich Gold und Ausrüstung" das schrieb ein Exspieler, Vater einer kleinen Tochter
„Jetzt im Nachhinein weiß ich, dass mein Leben mit dem WOW Start am 11.02.2005 endete und erst durch meinen Ausstieg am 05.04.2008 wieder begann.“
„ab und zu weine ich... aber es ist gut, dass meine Eltern mich da rausgeholt haben.“
„Ich hieß für lange Zeit Scampi und war eine Blutelfe. Jetzt heiße ich wieder Carola, bin 16 Jahre alt, und ich bin froh, wieder leben zu dürfen.“
Ebenso erreicht uns viel Elternpost. Hier einige Auszüge:
Ich habe keine Kraft mehr, weiterzukämpfen. Ich habe es versucht und bin gescheitert.
ich bin die Mutter eines 16jährigen Sohnes. er spielt World of Warcraft, stunden, und in den Ferien die ganze nacht. ich komme nicht an ihn ran, er wird aggressiv.
Wir wissen nicht mehr weiter - unsere Verzweiflung ist grenzenlos. Wie sollen wir damit leben, tatenlos zusehen zu müssen. Wir wollen helfen. Er müsste in eine Klinik, wir wissen aber auch, dass sein Wille entscheidet. Ich bin verzweifelt und am Ende, mein Leben ist mir egal, ich möchte, dass der Junge wieder gesund wird.
Wir sind betroffen von der Tatsache, dass zunehmend mehr erwachsene Männer, häufig Familienväter, der Faszination von Onlinerollenspielen verfallen. Sie verlieren ihre Arbeit, den Bezug zu ihren Kindern, die Ehen scheitern, die Familie zerbricht. Wir erhalten auch sehr viele Briefe von Familien, deren erwachsene Kinder (meist junge Männer) sich im Alter von 18-25 Jahren wieder zuhause einnisten, das Zimmer nicht mehr verlassen und nur noch am PC spielen.
Hierzu noch ein Auszug:
Unser Sohn hatte schon seit einem Jahr an keinem Unterricht mehr teilgenommen, und die Prüfungen der letzten 3 Semester nicht abgelegt, auf keinen Brief reagiert, und wurde zum 30.9. exmatrikuliert. Seine einzige Aktivität war die Verlängerung des Wohnheimplatzes, wahrscheinlich um weiter ungestört spielen zu können.
Durch Gespräche mit Eltern haben wir erfahren, dass nach wie vor die Schulen nicht ausreichend über Onlinesucht, deren Symptome und Auswirkungen informiert sind. . Im Anschluss an einen Informationsabend von uns meinte ein Lehrer, dass er erst jetzt begreift, dass an vielen Tagen (vor allem montags!) fast die ganze Klasse die von uns genannten Symptome zeigt.....
Da wir im Laufe der letzten 2 Jahre so unendlich viel Post von verzweifelten Eltern erhalten haben und diese Arbeit in diesem Umfang nicht mehr alleine leisten können, haben wir das Selbsthilfeportal AKTIV GEGEN MEDIENSUCHT als Verein gegründet, eine „Initiative zur Verhinderung von Mediensucht durch aktives Handeln“. Wir wünschen uns auch von Ihnen, dass Sie Ihre Beratungs- und Behandlungsangebote, wissenschaftliche Fachberichte oder Offline-Alternativen bei uns eintragen, damit ein Netzwerk geschaffen wird, auf das sowohl die Angehörigen als auch die Betroffenen zurückgreifen können, und wir hoffen auf einen regen Austausch in unseren Foren und auf aktive Mitarbeit bei unseren Projekten.
Bei unseren Elterninformationsabenden und der anschließenden Diskussion wird bei den Eltern zunehmend mehr eine Wut spürbar, Wut auf untätige Politiker, Wut auf etliche z.T. fahrlässig verharmlosende Medienpädagogen. Vielfach werden die „nicht zu unterschätzenden Kompetenzen“ gerühmt, die das Kind sich angeblich für sein ganzes weiteres Leben erwirbt. Vielfach trauen sich die zutiefst verunsicherten Eltern gar nicht mehr, dem ungehemmten PC-Konsum ihrer Kinder Einhalt zu gebieten, aus Angst, dass diese später beruflich den Anschluss verpassen könnten. Der Punkt, an dem die Schwelle zur Sucht dann überschritten wird, wird auf diese Weise oft viel zu spät erkannt. Wir spüren Wut auf die Tatsache, dass wieder einmal den Eltern der Schwarze Peter zugeschoben wird und niemand wahrhaben will, wie schwierig die Situation in den Familien wirklich ist. Wut auf diejenigen, die sich ausschließlich um die vielgerühmte Medienkompetenz kümmern. Wie diese aussehen soll im Angesicht des ungeheuren Sogs, den manche Spiele auf die Spielenden ausüben, bleibt unbeantwortet.
Wir wehren uns gegen diese dauernde Elternschelte. Die Eltern müssen, müssen, müssen. Wir alle sind von der rasanten Entwicklung der vergangenen Jahre überrollt worden und kaum einer konnte absehen, wohin dies alles führt. Nun sollen Eltern innerhalb von 1-2 Jahren zu absoluten Fachleuten mutieren und alle technischen Dinge der EDV-Welt verstehen und begreifen? Eltern stecken, z.B. in München, aufgrund der enormen Mieten und der angespannten Situation auf dem Arbeitsmarkt vielfach in einer Dauerexistenzkrise, oft müssen beide arbeiten gehen.
Wir wollen eine Lobby für Familien schaffen. Wir nehmen die Eltern in Schutz und wünschen uns, dass ihre Wut sich in Kraft verwandelt, in Kraft, selber aktiv zu werden, zu handeln, statt weiterhin abzuwarten. Nach wie vor gibt es zu wenig Anlaufstellen, die die betroffenen Familien kompetent und entlastend beraten könnten.
Wir werden es nicht hinnehmen, dass uns gebetsmühlenartig suggeriert wird, eine tägliche, stundenlange Nutzung von elektronischen Medien sei völlig normal. Ist die massenhafte Abwanderung besonders von jungen Menschen aus dem realen Leben gewünscht, beabsichtigt oder wird sie sogar billigend in Kauf genommen? Fragwürdig sind auch die Bemühungen von verschiedenen Seiten, Eltern nun ebenfalls in die Welt der Spiele (auch Gewaltspiele) zu entführen, wie im Spiegel vom 04.11.08 berichtet wurde.
Wir wünschen uns, dass das Suchtpotential etlicher Spiele (allen voran World of Warcraft), endlich als schwerwiegendes Problem erkannt wird, durch das unsere Gesellschaft zunehmend mehr Schaden nehmen wird. Ein Student berichtete uns, dass manche Studenten während der Vorlesungen auf Universitätsleitungen World of Warcraft spielen. Meist beenden diese Studenten irgendwann ihr Studium. Bereits seit Erföffnung der Elterninitative rollenspielsucht.de fragen wir, warum auf Uni-Leitungen überhaupt Spiele wie WoW gespielt werden können.
Die wirklich schwierigen Jahrgänge kommen erst noch. Was bislang sichtbar ist, ist nur die Spitze des Eisbergs. Wir fordern u.a. die Anerkennung der Onlinesucht als Krankheit und eine Höherstufung der Altersgrenzen.
Zunehmend mehr junge Menschen verlieren die Kontrolle über ihren PC-Konsum und schließlich auch die Kontrolle über ihr Leben.
Die Verhinderung von Mediensucht muss Chefsache werden!
Vielen Dank!
(PDF-Datei dazu)
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| Geschrieben von: Team-ch am 04.07.2009 |




