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Die Verhinderung von Mediensucht muss Chefsache werden!


Referat von Christine und Christoph Hirte (AKTIV GEGEN MEDIENSUCHT und rollenspielsucht.de) am 03.07.09 auf der Jahrestagung der Drogenbeauftragten, Sabine Bätzing (Bild: Mitte) in Berlin 

Referat von Christine und Christoph Hirte (AKTIV GEGEN MEDIENSUCHT und rollenspielsucht.de) am 03.07.09 auf der Jahrestagung ("Wann beginnt die Sucht"?)  der Drogenbeauftragten, Sabine Bätzing (Bild: Mitte) in Berlin  (PDF-Datei dazu)

(Link zum TV-Beitrag bei der Deutschen Welle vom 18.07.09 - Bericht auf Englisch - von Sylvia Wassermann)

Guten Tag. Wir bedanken uns, dass wir heute die Möglichkeit bekommen, hier bei Ihnen zu sprechen. Wir sind weder Fachleute noch Medienpädagogen, und auch keine ausgebildeten Suchtberater. Wir sind einfach nur Eltern, betroffene Eltern. Neben ihrer beruflichen Funktion sind sicherlich viele von Ihnen auch als Eltern hier? Wir möchten Sie hier ganz bewusst als Eltern ansprechen. Aber hören Sie erst einmal unsere Geschichte:

Unser Sohn war nach dem Abitur nach NRW gezogen, um dort, 600 km von uns entfernt, mit seinem Informatikstudium zu beginnen. In den ersten Monaten seines Studiums bekamen wir noch regelmäßig Post, z.T. unterschrieben mit „Euer glücklicher Student.“ Doch nach und nach, fast unmerklich, wurde es zunehmend schwieriger, ihn zu erreichen, er ging nicht mehr ans Telefon, beantwortete keine  Emails oder SMS und auch seine Besuche bei uns wurden ohne ersichtlichen Grund immer seltener

Eines Tages bat er uns um ein Urlaubssemester und zog vorübergehend zu einer Freundin, die er im Internet kennen gelernt hatte. Bedingt durch einen Wasserrohrbruch musste die Hausverwaltung in seine verlassene Studentenwohnung und fand diese in einem völlig verwahrlosten Zustand vor.

Äußerst alarmiert durch diese für uns unfassbare Tatsache standen wir schon am nächsten Tag unangemeldet vor der Tür seiner Bekannten. Erst jetzt kamen wir hinter das Geheimnis seiner tiefgreifenden Veränderung und emotionalen Verarmung: O n l i n e r o l l e n s p i e l s u c h t.

Unser Sohn hatte sämtliche sozialen Kontakte nach draußen abgebrochen und verbrachte seine gesamte Zeit vor dem PC im Onlinerollenspiel “World of Warcraft”. Er hatte die Kontrolle über sein Leben vollkommen verloren.

Wir waren zunächst zutiefst geschockt. Den Begriff Sucht kannten wir bis dahin nur im Zusammenhang mit Drogen und Alkohol und das hatte mit unserem Leben nichts zu tun. Doch wir wußten, dass wir unseren Sohn da rausholen werden.

Nachdem wir uns vier Wochen lang umfassend informiert hatten, Suchtberatungsstellen aufgesucht, Ärzte konsultiert und Kliniken ausfindig gemacht hatten, gelang es uns tatsächlich, unseren Sohn für zwei Tage nach Hause zu holen, mit der naiven Vorstellung: „Jetzt kann er eine Therapie machen und dann wird alles gut.“  Wir erfuhren, dass er, kurz bevor „World of Warcraft“ auf den Markt gekommen war, als Betatester die Aufgabe bekommen hatte, das Spiel bis in die Tiefen hinein nach eventuellen Fehlerquellen abzusuchen. Innerhalb von nicht einmal acht Wochen muss WOW ihn bereits so in seinen Bann gezogen haben, dass schon sein zweites Semester gar nicht mehr wirklich stattgefunden hatte. Trotzdem konnte er sich eine Therapie nicht vorstellen, denn er sah sich außerstande, auf „World of Warcraft“ zu verzichten. Wie ferngesteuert stand er plötzlich auf, packte seine Sachen und ging. Das war am 11. März 2007 und seitdem haben wir ihn nicht wiedergesehen.

Er hat sein Studium endgültig abgebrochen, sich exmatrikulieren lassen, um Sozialhilfe bzw. HartzIV beantragen zu können. Ein junger, gesunder, begabter Mensch, mittlerweile 25 Jahre alt,  steht ganz ohne Ausbildung und damit ohne Beruf da, unfähig, am Erwerbsleben teilzunehmen und sich selbst zu versorgen, weil die virtuelle Welt stärker und wichtiger geworden ist als das wirkliche Leben.

Zuerst waren wir wie gelähmt und dachten: Wir haben versagt! Wir haben es nicht geschafft, unserem Sohn ins Leben zu helfen.
Wir erzählten niemandem, was passiert war, wir schämten uns und suchten ganz allein für uns nach Erklärungen und nach weiteren Informationen.
Mehr und mehr wurde uns jedoch klar, dass dies mit unserem Sohn wahrlich kein Einzelfall ist, sondern dass zum damaligen Zeitpunkt in Deutschland geschätzte 1,5 Millionen Menschen von dieser Sucht betroffen waren. (Im diesjährigen Sucht- und Drogenbericht ist bereits von bis zu 2,8 Millionen Menschen und ebenso viel Gefährdeten die Rede...)

Wir fassten damals den mutigen Entschluss, mit unserer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen und haben die Internetplattform www.rollenspielsucht.de erstellt, auf der Sie Informationen aller Art finden können. Wir haben es uns mit unserer Elterninitiative zur Aufgabe gemacht, auf dieses Thema aufmerksam zu machen, andere zu informieren und umfassend aufzuklären, um ein Problembewusstsein in den Familien zu schaffen. Unser Motto: Wissen schützt.

Seitdem haben ca. 450.000 Menschen unsere Seite besucht, es gab zahlreiche Radio- und Fernsehauftritte und unzählige Presseberichte, wir halten für Eltern Vorträge an Schulen und vermitteln Angehörige und Betroffene an die entsprechenden Beratungsstellen. Wir betreuen diejenigen, die uns um Hilfe bitten, indem wir ihnen zuhören und ihnen das Gefühl geben, mit ihrem Problem nicht allein zu sein. Seit März 2008 haben wir auch eine Selbsthilfegruppe für Angehörige und bei unserem letzten Treffen hatten wir zum ersten Mal einen jungen Aussteiger dabei, der den höchst interessierten Eltern sehr anschaulich seinen Weg in die Sucht, seine soziale und emotionale Verarmung und seinen harten Weg zurück in die Realität zu schildern wusste.

Vor allem durch die Selbsthilfegruppe, aber auch durch die vielen Telefonate mit Angehörigen und zahlreiche Briefe an uns, haben wir enorm viel Erfahrung gesammelt. Wir haben unermüdlich recherchiert, viel zum Thema gelesen, uns mit Fachleuten auseinandergesetzt und die diversesten Foren aufmerksam verfolgt. Dies alles hat uns geholfen, die Problematik Onlinerollenspielsucht bzw. Mediensucht insgesamt gedanklich noch differenzierter und vielschichtiger zu begreifen.

Selbstverständlich ist es wichtig, Statistiken zu erstellen und wissenschaftlich fundierte Langzeitstudien einzufordern. An den Kern des Problems werden wir auf diese Weise jedoch möglicherweise erst in vielen Jahren herankommen. Die Familien brauchen zeitnahe Lösungen. Eine äußerst effektive Informationsquelle wäre das ausführliche Studieren diverser Foren, in denen Berichte von Familien und von Aussteigern stehen. Was Sie dort lesen, kann keine nüchterne Statistik  zum Ausdruck bringen. In den Foren finden Sie das, was sich wirklich in den Familien abspielt, das, worüber niemand spricht.

Nach dem, was wir mittlerweile wissen, sind die Auswirkungen der Onlinerollenspielsucht sowohl für die Betroffenen als auch für deren Familien verheerend. Wir bekommen viele Briefe und sind immer wieder tief betroffen, was aufgrund dieser „Krankheit“ in den Familien los ist.

Uns wird geschildert, dass der zwölfjährige Sohn aus dem Portemonnaie der Mutter € 250,- geklaut hat, um sich bei e-bay einen Account für World of Warcraft zu kaufen, - wir erfahren, dass Heranwachsende sich vor Antritt der Urlaubsreise von den Eltern den Internetanschluss am Urlaubsort  schriftlich bestätigen lassen, - Türen werden eingetreten, um an den PC heran zu kommen, - Kinder wollen nicht mehr ins Zeltlager, mit der Begründung, dies sei ihnen zu real (sprich: zu langweilig).
Am Schwierigsten ist die Situation bei alleinerziehenden Müttern, deren heranwachsende Söhne ihnen körperlich überlegen sind. Die Mütter werden nicht selten körperlich attackiert, z.B. in den Schwitzkasten genommen, um den Zugang zum PC zu erpressen. Im Extremfall führt die Onlinesucht bis zur körperlichen Verwahrlosung. In unserer Selbsthilfegruppe ist eine Mutter, deren 25-jähriger Sohn die elterliche Wohnung seit fast drei Jahren nicht mehr verlassen hat....

Nach unserer Beobachtung zieht sich diese Problematik durch alle Schichten und ist beileibe nicht nur ein Problem der Unterschicht.
 

 

Geschrieben von: Team-ch am 04.07.2009

 

 


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