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Goodbye WOW - WB RL (welcome back, real life)


Tagebuch eines Ausstiegs - Der mutige Schritt nach 2400 Stunden reiner WoW-Spielzeit


Seite1: Tagebuch eines Ausstiegs - Der mutige Schritt nach 2400 Stunden reiner WoW-Spielzeit : Ein Stück meines Herzens habe ich mir selbst herausgerissen. Was soll ich bloß mit meinen Abenden anfangen?
Seite 2: Praxisnahe Ratschläge für Angehörige und Betroffene zur ersten schwierigen Zeit ohne WoW : Das Gefühl des „Du wirst gebraucht!“ vermitteln!
Seite 3: Gedanken zu WoW - der Versuch einer Aufarbeitung: Manchmal habe ich schon Probleme, mich der Namen zu erinnern, die mich über ein Jahr begleitet haben.

(PDF-Download)


Seite1: Tagebuch eines Ausstiegs


Ein Stück meines Herzens habe ich mir selbst herausgerissen,
als ich mich gestern entschloss, mich nie wieder in dieses Online-Spiel einzuloggen.

World of Warcraft – ein MassiveMultiplayerOnlineRolePlayGame. Früher habe ich den Kopf geschüttelt über Menschen, die wegen eines Spieles Zeit und Raum vergessen – bis ich selbst es installierte – und eintauchte in diese Welt. Ich tauchte nicht nur ein – ich tauchte unter. Die Struktur des Games ist eigentlich recht simpel: man sucht sich eine Seite aus (Allianz oder Horde), eine Rasse (Mensch, Nachtelf etc.) und eine Klasse (grob unterteilt in Schadensausteiler, Heiler oder Tank), gibt diesem Charakter einen Namen und loggt in die virtuelle Welt ein. Wie ein Kind das in die Schule geschickt wird, wird man von Blizzard durch Aufgaben auf das „wahre Leben“ vorbereitet. Je mehr Aufgaben man erledigt, desto höher steigt der Level des eigenen Charakters. Bei 80 ist Schluss. Das faszinierende ist jedoch, dass mit Erreichen der 80. Charakterstufe nicht wirklich Schluss ist, sondern eher das „Studium“ beginnt. Die Spreu trennt sich vom Weizen. 95% aller Spieler bleibt Spreu – ich war Weizen.

Gilden: Der Zusammenschluss von Spielern, die das gleiche Ziel verfolgen. Die Ziele, die man sich in diesem Spiel setzen kann, sind sehr unterschiedlich. Es gibt sogenannte „Feierabend-Gilden“ – wohl die gesündeste Form – Spieler, die nach Feierabend etwas Zeit in diesem Spiel miteinander verbringen; „PVP- Gilden“ – Spieler, die Vergnügen empfinden, ihre Fähigkeiten im Kampf gegen andere Spieler zu testen; „PVE-Gilden“ – Spieler, die gemeinsam in abgesteckten Arealen gegen Computerbosse kämpfen und es gibt „Elite-Gilden“ – Spieler, die von krankhaftem Ehrgeiz besessen sind, Bosse als erstes zu töten. Von den oben erwähnten 5% Weizen werden hier wiederum 95% zu Spreu degradiert - ich war Weizen.
Man kann sich die Mitgliedschaft in einer solchen Gilde so ähnlich wie das Studium an einer „Elite- Universität“ vorstellen. Bewerbungsgespräch, eine Probeteilnahme – macht man sich gut, bekommt man eine Probezeit in der Gilde – bewährt man sich wiederum, so wird man Mitglied. Kaum vorstellbar, aber ich könnte aus dem Stand ein 6 Stunden Referat über die Fähigkeiten meines Charakters halten. Die Komplexität, die viele davon abschrecken sich tiefer mit dem Spiel zu beschäftigen, hat meinen Ehrgeiz geweckt, perfekt zu werden.

Raids: Ein Raid ist ein Zusammenschluss von Spielern, um einen besonders schweren Gegner zu Fall zu bringen. In der Welt der Kriegskunst gibt es Gegner, die so stark sind, dass man sie nur besiegen kann, wenn man seine Fähigkeiten mit denen von 24 anderen Mitspielern vereint. Und als ob das nicht schon schwer genug wäre, reicht manchmal ein kleiner Fehler, ein „eine Sekunde zu spät“ klicken – aus, um den Gegner nicht zu besiegen, sondern von ihm besiegt zu werden. Ein ständiges Adrenalin, das durch den Körper rauscht, absolute Konzentration, Endorphine die ausströmen wenn ein solcher Boss besiegt ist: all das führt wohl dazu, dass man in diesem Spiel Zeit und Raum vergisst.
Von Zeit zu Zeit implementiert Blizzard neue Gegner ins Spiel – dann geht eine Art Wettrennen los, welche Gilde den Boss als erstes besiegt. Diese Zeit zwischen Erscheinen des Bosses und Besiegen wird unter den Spielern als Progresstime betitelt. In dieser Zeit ist es normal, dass man täglich 5-6 Stunden mit der Gilde verschiedene Taktiken austestet, wie der neue Boss zu besiegen ist; am
Wochenende kann es durchaus auch vorkommen, dass „open end“ geraidet wird – also bis Sonnenaufgang. Obwohl man alleine vor seinem PC sitzt, kommt niemals das Gefühl von Einsamkeit auf. Vielmehr erlebt man ein so übermächtiges Gemeinschaftsgefühl, welches in der realen Welt kaum zu erlangen ist.
Dieser kleine Überblick kann höchstens einen Einblick geben in dieses Spiel. Es hat so viele Facetten; einerseits so viel Freiheit – aber auch andererseits soviel Struktur, so dass jeder wohl eine Nische findet, in der er sich wohl fühlt. Mich hat es glücklich gemacht, beliebt zu sein; mich hat es glücklich gemacht, den Ruf als eines der besten Hunter des Servers zu haben; mich hat es glücklich gemacht, Verantwortung zu tragen.

Ich habe im letzten Jahr meine Eltern 4 mal gesehen - meinen Charakter im Spiel jeden Tag.
Ich habe mein soziales Umfeld vergraut - hatte im Spiel eine Freundesliste mit 90 Personen.
Ich habe mich am Telefon verleugnen lassen – war jeden Abend mindestens 3 Stunden im Teamspeak mit Mitspielern am sprechen.
Ich habe im letzten Jahr mich hauptsächlich von Junk Food ernährt – hatte im Spiel die höchstmögliche Kochkunstfertigkeit inklusive des Titels „Chefkoch“
Ich habe mir in den letzten Monaten 2 mal neue Klamotten gekauft - mein Charakter hatte „best slot equipment“ inklusive bester Verzauberung und Sockelung.
Ich habe mich im letzten Jahr nicht eine Minute um mein berufliches Weiterkommen gekümmert – mein Charakter hatte über 5000 Erfolgspunkte.

Ich habe nach einem Jahr eine Gesamtspielzeit von knapp 2400 Stunden und bin süchtig.

In der Nacht, in der ich mir dieses eingestand, weinte ich. Am darauffolgenden Vormittag loggte ich ein letztes mal ein. Ich ignorierte die „guten morgen wünsche“ meiner Mitspieler, verschenkte mein Gold, schrieb meinen liebgewonnenen Freunden Briefe, dass ich aufhöre. Mein bester Freund war on. Ich schrieb ihm meine Entscheidung. „ich habe dich trotzdem lieb, Kleines“ –schrieb er; und: „du wirst immer ein Teil meines Herzens bleiben“.
Ich bewege meinen Charakter nach Sturmwind - unzählige Stunden habe ich hier mit Angeln verbracht –und beginne die Sachen, die meiner Spielfigur soviel Macht verliehen, zu zerstören. „Bitte geben Sie löschen ein, um dieses Teil zu zerstören.“ – „“ – Bitte geben Sie löschen ein, um dieses Teil zu zerstören.“ – „“ – Bitte geben Sie löschen ein, um dieses Teil zu zerstören.“ – „“ – Bitte geben Sie löschen ein, um dieses Teil zu zerstören.“ – „“
Kein dramatisch, aufwühlender Abschied - sondern ein ruhiges „ich logge nun aus“ schreibe ich meinem besten Freund. „Mach ´s gut Kleines“ – ein letzter Blick über Sturmwind - ich merke wie eine Träne auf meine Tastatur tropft. „Escape“ – „Ausloggen“ – Charakterauswahlbildschirm – „Charakter löschen“ – „Bitte geben Sie löschen ein, um dieses zu bestätigen“

L“ – OMG – WTF - FU heute Abend ist Ulduar und ich bin im Raidplan
ö“ – so viele Stunden, bei Ebay bekomme ich bestimmt noch 400 Euro
s“ – dabei hätte ich heute endlich den „50 Haustiere“ Erfolg
c“ – ich werde sie alle so vermissen
h“ – was soll ich bloß mit meinen Abenden anfangen?
e“ – nie wieder /umarmen /kiss /love
n“ – getan!!!!

Mein Herz tut so weh, die Tränen laufen mir über mein Gesicht – ich habe mir selbst ein Stück meines Herzens herausgerissen.


Erklärung/Übersetzung:
„WB RL“: „Willkommen zurück, wahres Leben“ WoW-Slang
Hunter: eine der möglichen Schadensverursacherklassen des Spieles
Teamspeak: Von WoW unabhängiges Kommunikationsprogramm zum Sprachchat untereinander
Best slot Equipment: Bestmöglichste Ausrüstung im Spiel welche zu erlangen möglich ist
OMG-WTF-FU: Schimpfworte des WoW-Slangs
Ulduar: Name einer Raidinstanz für 25 Spieler
Raidplan: verbindliche Anmeldung für die Teilnahme an einem Raid
/umarmen /kiss /love: virtuelle Zuneigungsbekundungen


Lesen Sie weiter auf Seite 2:
Praxisnahe Ratschläge
der Aussteigerin für Betroffene und Angehörige  - Hautnah!



 

Geschrieben von: Team-ch am 11.08.2009

 

 


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