Goodbye WOW - WB RL (welcome back, real life)
Tagebuch eines Ausstiegs - Der mutige Schritt nach 2400 Stunden reiner WoW-Spielzeit
Seite 2: Praxisnahe Ratschläge für Angehörige und Betroffene zur ersten schwierigen Zeit ohne WoW
WB RL Guide
Ein Leben nach WoW ist anfangs ein Leben mit vielen Lücken. Diese Lücken sinnvoll zu füllen ist wohl die schwierigste Aufgabe, die nun bevorsteht.
Man wird sich wundern, wie viel Zeit plötzlich zur Verfügung steht, wie lang ein Abend ist; an manchen Tagen wird man ziellos in der Wohnung umherwandern! Man ist erfüllt von sehnsuchtsvollem Verlangen nach dem Charakter, den Stimmen der IG-Freunden, Raids, Erfolgen… Man fühlt sich leer, ausgelaugt, einsam und unverstanden. Aber – es geht vorbei! Schlimmer als jeder bislang durchlebte Liebeskummer und umso grausamer, da man weiß, dass durch das Einloggen der Kummer vorbei wäre.
Konkret hilft einem in diesen Momenten – wie auch damals als Jugendlicher - nur eines: Das Wissen, dass die Zeit alle Wunden heilt. Ablenkung hilft, stupide Beschäftigung, Rauskommen aus den eigenen 4 Wänden – aber andererseits auch das „sich selbst erlauben zu trauern“.
Praxisnahe Ratschläge, die ich Betroffenen und Angehörigen mit auf den Weg geben kann:
1.) Das Gefühl des „Du wirst gebraucht!“ vermitteln! (In WoW war ihr Angehöriger ständig von einem sozialen Umfeld gegeben, was ihm dieses Gefühl gegeben hat, diese Rückmeldung nicht mehr zu erhalten, hinterlässt eine wahnsinnige Lücke) Bei mir hat sich mein Vater via abendlichen Telefonanrufen wo wir beide am PC saßen einen „Fernkurs“ in PowerPoint geben lassen, konkret sah es so aus, dass ich ihm 4 Abende die Woche über Telefon Funktionen des Programmes PowerPoint erklärt habe. Folge war, dass ich mich gut gefühlt habe, weil ich ihm etwas erklären/zeigen konnte & er PowerPoint gelernt hat :) Die Zeit an diesen Abenden ist wie im Flug vorbeigegangen und ich bin mit dem guten Gefühl ins Bett gegangen, etwas „geschafft“ zu haben. Insbesondere wenn kein persönlicher, täglich möglicher Kontakt zu dem – Ihnen wichtigen Menschen – besteht, muss dieses Gefühl des „Gebrauchtwerdens“ in irgendeiner Form vermittelt werden. Abende ohne WoW können sehr, sehr lang sein. Diese Abende sind schlimm.
2.) Ritualisierung des Abschlusses eines Lebensabschnittes! Sofern Ihr Angehöriger wieder Vertrauen in seine Umwelt hat, wird er sich Gedanken machen, wie es ihm selbst möglich ist, vor „sich selbst“ sicher zu sein. Das Gefühl von – „man könnte, man bräuchte nur einloggen… und diese Leere wäre vorbei“ ist in der ersten Zeit ständiger Begleiter. Ich habe als Konsequenz meiner besten Freundin die Passwörter von WoW gegeben und sie von ihr ändern lassen! Ich könnte also nicht einfach mal heimlich gucken, was in der virtuellen Welt passiert ist, seit ich nicht mehr online bin. Auch wenn diese Kontrolle von außen schwach erscheinen mag, sie ist hilfreich, da die Gedanken so nicht mehr zu Ende gedacht werden können – d.h. ich kann mich nicht einfach einloggen, kann meinen Loslösungsprozess nicht vorzeitig beenden, da ich hierfür meine Freundin anbetteln müsste. So tief werde ich nicht fallen!
3.) Aufräumen. Ich habe alles was mich an WoW erinnert in eine große Kiste gepackt, sie verschnürt und in den Keller gebracht! Einen kurzen Moment wollte ich alles einfach verbrennen, doch das habe ich nicht übers Herz gebracht, vielmehr möchte ich die Erinnerungen einfach wie „alte Liebesbriefe“ aufbewahren.
4.) Möglichkeiten und Strukturen aufzeigen: anfänglich wurde ich erschlagen von den schier unendlich scheinenden Möglichkeiten, die einem das Leben bietet. Ich wollte so gerne „dieses ausprobieren“ – „jenes ausprobieren“ – ein neues Instrument lernen, Fremdsprachen lernen, Sport treiben, etc. und habe letztendlich mit den Nerven am Ende nach kurzer Zeit aufgegeben. Man ist kein neuer Mensch, wenn man mit WoW aufhört, man ist noch derselbe Mensch wie zuvor, nur leicht angeschlagen. Dieses musste ich mir erst mal selbst bewusst machen. Sachen, die einen früher Freude gemacht haben, scheinen wie ausgegraut, leer… Wie Sie helfen können alten Hobbys wieder Farbe einzuhauchen? Durch Motivation. Ich habe zeit meines Lebens mich für Literatur und Musik interessiert. Die erste Zeit nach WoW haben mir hierfür der Mut und die Energie gefehlt. Es erschien alles so sinnlos, so langweilig, so "grau". Doch meine Familie und meine Freunde haben mich motiviert, ich habe angefangen an alte Interessen und alte Fähigkeiten anzuknüpfen. Was einem zuvor leicht fiel, fällt anfangs sehr viel schwieriger – Selbstmotivation ist zunächst kaum vorhanden, diese Motivation muss von außen kommen. Desweiteren ist es in Ordnung, wenn Ihr Angehöriger neue Zeitbeschäftigungen findet, jedoch: nicht zu viel – das wird ansonsten schiefgehen und mit Enttäuschung enden. „Back to the roots“ ist hilfreicher als eine Zuschüttung mit neuen Möglichkeiten.
Lesen Sie weiter auf Seite 3:
Gedanken zu WoW - der Versuch einer Aufarbeitung