<< Juli 2017 >>
  Mo. Di. Mi. Do. Fr. Sa. So.
>  26  27  28  29  30 1 2
> 3 4 5 6 7 8 9
> 10 11 12 13 14 15 16
> 17 18 19 20 21 22 23
> 24 25 26 27 28 29 30
> 31  1  2  3  4  5  6
Sie befinden sich hier:  Startseite / News / Mediensucht

Eltern LAN-Party als Werbeveranstaltung für WOW ?


Derzeit findet in Niedersachsen eine Veranstaltungsreihe als sog. LAN-Party für Eltern statt. Hier sollen Eltern erfahren, wie faszinierend Onlinerollenspiele sind und sogar in die Welt der Killerspiele entführt werden. Dass ausgerechnet eine Jugendschutzstelle für Computerspiele wirbt, noch dazu im Auftrag der niedersächsischen Regierung, halten wir für äußerst fragwürdig. Laut Sucht- und Drogenbericht 2009 sind bis zu 2,8 Millionen Menschen in Deutschland onlinesüchtig und ebenso viele gefährdet. Spieleschutz statt Jugendschutz?

Einladung der Jugendschutzstelle



Teilnehmerbericht zu der Veranstaltung vom 11.11.2009 in Hannover:

An die
Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen
Leisewitzstr. 26
30175 Hannover


Betreff: ELTERN-LAN-Party am 11.11.09 in Hannover

Sehr geehrte Damen und Herren,

als Eltern von computerspielabhängigen Söhnen begrüßen wir alle Aktivitäten, die der Elternaufklärung in Bezug auf Computerspiele dienen.
Die von Ihnen organisierte LAN-Party am 11.11. 09, an der wir teilgenommen haben, hat uns jedoch enttäuscht und dies veranlasst uns jetzt, Ihnen diesen Brief zu schreiben.
 
Die Einladung, in der mit der „zauberhaften Welt von World of Warcraft“ gelockt wurde, hatte schon unser Befremden geweckt.  Immerhin sollte aber an WoW „thematisiert werden, für wen derartige Spiele eventuell problematisch werden können“.
Diese Thematisierung der Gefahren von WoW und anderen Spielen hat von Ihrer Seite leider nicht stattgefunden.
Im Gegenteil: Frau W. hat  in ihrer Rede den Schwerpunkt auf die Faszination und die angeblich positiven Qualitäten von WoW und ähnlichen Spielen gelegt. Sie würden neben dem Lustgewinn u.a. auch feste Regeln, Orientierung, Selbstverwirklichung, Anerkennung und Gemeinschaftserfahrung bieten. Dies bestreiten wir nicht. Aber gerade darin liegt ja die Gefahr der Rollenspiele. Kinder und Jugendliche, die die genannten Erfahrungen in ihrem Alltag nicht mehr machen können – und das sind nicht wenige - suchen und finden sie dann im Spiel und geraten dadurch leicht in abhängiges Verhalten, das eine enorme Belastung für die Familien bedeutet und die Entwicklung der jungen Menschen gefährdet.  Die „Selbstverwirklichung“ und Stärkung in der virtuellen Welt geht bei Vielspielern einher mit einer Schwächung der Fähigkeiten im realen Leben. Apathie und totaler Rückzug sind mögliche Folgen.

Auf diese Zusammenhänge hinzuweisen hätte nicht viel Mühe und auch nicht besonders viel Zeit gekostet.  Doch die  Aufklärung verblasste neben der Darstellung der schönen, virtuellen Welt: „Die Spiele bieten eine ganze Menge“. Das Töten von Gegnern wurde relativiert im Sinne, dass Kinder das ja gar nicht so als Töten verstehen würden. Die Tipps zum richtigen Umgang scheinen uns eher naiv: Mit den Kindern im Gespräch bleiben, z.B. bei den Mahlzeiten über das Spiel sprechen...“  oder das Spielen auf 1,5 bis 2 Std. begrenzen. Aber WoW sprengt, wie man weiß, den Tagesrhythmus in den Familien und erschwert gemeinsame Mahlzeiten. Die durchschnittliche Spielzeit täglich sind vier Stunden!
Die rosa Brille von Herrn J. ließ dann WoW vollends als harmloses Vergnügen  erscheinen. Dass in WoW getötet und massakriert wird und der Erfolg auch zwingend vom Töten und Massakrieren abhängt, diese Grundstruktur zu erkennen blieb den Eltern überlassen. Egoshooter wie Counterstrike, an denen sich in der anschließenden Spielphase die Eltern delektieren durften, wurden nicht weiter kommentiert.

Wir haben dieses Ausklammern der Themen Suchtgefahr und Gewalt bei bestimmten Spielen im Verlauf der Diskussion kritisiert.
Sie und ihr Team haben sich daraufhin auf das Konzept des Abends berufen: Der Schwerpunkt des Abends sollte nicht auf der Problematik der Spiele liegen, sondern den Eltern die Gelegenheit des Kennenlernens bieten. Die Schattenseiten der Spiele sollten in einer Fachtagung im nächsten Jahr (?) mit Fachleuten diskutiert werden.

So sehr wir Ihre Intention verstehen, Eltern mit den gängigen Spielen vertraut zu machen und sie dabei auch nicht zu sehr zu belehren, haben wir doch in Hinblick auf Rollen- und Ballerspiele kein Verständnis für Ihr Konzept einer Trennung von Präsentation und kritischer Kommentierung.
Eine Institution des Jugendschutzes hat nach unserer Auffassung vordringlich die Aufgabe, Eltern über das Gefährdungspotenzial mancher Spiele  aufzuklären, nicht über das Lern- oder Spaßpotenzial. Letzteres finden Kinder und Jugendliche ganz von allein heraus und können es den Eltern auch vermitteln. Und die Hersteller tun das Ihre in Sachen Anpreisung.

Es gilt, Väter und Mütter zu stärken, Verantwortung für den Medienkonsum des Nachwuchses zu übernehmen. Das heißt auch, manchmal Entscheidungen gegen die Wünsche der Kinder durchzusetzen, was Eltern häufig schwer fällt. Sie bei  dieser Auseinandersetzung zu unterstützen, wäre wertvolle Präventionsarbeit.

Computerspielsucht ist ein brennendes gesellschaftliches Problem. Tausende von jungen Menschen werden abhängig, gefährden ihre Zukunft, Familien verzweifeln.
Sie verfügen sicher über die Zahlen des letzten Drogenberichts der Regierung und der neuesten Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zur Computerspielabhängigkeit. Es gibt keinen Anlass, diesen Forschungsbericht des KFN, der höchst beunruhigend ist, unbeachtet zu lassen, wenn es um eine Veranstaltung mit Eltern geht, die sich über Computerspiele informieren wollen. Oder sehen Sie die Aussagen der Studie als zweifelhaft oder belanglos an?
Wenn der fünfzehnjährige WoW-Spieler im Durchschnitt vier Stunden täglich spielt, 36 % der 15-Jährigen täglich mehr als 4,5 Std. spielen und jeder fünfte abhängig oder abhängigkeitsgefährdet ist, dann sind das Ergebnisse, die für Eltern höchst relevant sind. 
Den anwesenden Eltern diese alarmierenden Zahlen vorzuenthalten und auf eine spätere Fachtagung zu verweisen,  empfinden wir als unverantwortlich.
Es waren im Publikum gewiss Eltern, die noch keine eindeutige Position zu WoW einnehmen wollten, sich erst eine Meinung bilden wollten. Diesen Eltern haben Sie vielleicht die Chance genommen, sich ein objektives Bild von Rollen- und Ballerspielen machen zu können: objektiv im Sinne des Kennenlernens der Faszination wie auch der Gefahren. 
Faszination und Gefahr sind in WoW eine untrennbare Einheit. Sie mögen Ihre Gründe dafür haben, dem Publikum an einem solchen Abend nur die Schokoladenseite zu präsentieren. Wir halten diese Entscheidung hingegen für falsch. Denken Sie wirklich, diese Eltern bei der Fachtagung alle wiederzusehen, um sie dann (endlich) über die Problematik von WoW und Egoshootern aufzuklären?
Wir befürchten, Sie haben eine wertvolle Gelegenheit zur Prävention verpasst.
So halten wir  es für möglich, dass Sie einige Eltern in ihrer Entscheidungsfindung an diesem Abend beeinflusst haben im Sinne einer Duldung oder Kaufentscheidung für WoW oder andere gefährliche Spiele.
Dass hinsichtlich der fragwürdigen Alterseinstufung von WoW auf 12 Jahre kein warnendes Wort fiel, finden wir sehr bedauerlich. Ein Spiel, das abhängig machen kann, sollte nicht in die Hände von Kindern und Jugendlichen geraten, und das muss eine Institution des Jugendschutzes klar vermitteln!

Wir möchten Sie dringend bitten, Ihr Konzept von LAN-Partys noch einmal zu überdenken.
Wir, WoW-geschädigte Eltern, haben kein Verständnis, wenn öffentliche Gelder eingesetzt werden für die verharmlosende Präsentation von Online-Drogen.

Mit freundlichen Grüßen

Angehörigen-Selbsthilfegruppe Mediensucht, Hannover
Mitglied bei AKTIV GEGEN MEDIENSUCHT e.V.

cc: einige weitere Empfänger, die in den nächsten Tagen ergänzt werden



Bericht und Leserbrief  zu den Interessen und Gewinnen des WoW-Hersteller s

Kurzinformationen zur Mediennutzung von rollenspielsucht.de 

 

Geschrieben von: Team-ch am 14.11.2009

 

 


E-Mail

Format
Elterninitiative rollenspielsucht.de
Hilfe bei rollenspielsucht.de
diagnose Funk
Kein WLAN an Schulen
Neuigkeiten von Diagnose Funk
Selbsthilfe - Interaktiv von Nakos
Benutzer online: 0, Gäste online: 46