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Sie grölen, saufen, schlägern nicht – sie verschwinden nur einfach, ganz unmerklich.




3. Berliner Mediensuchtkonferenz 2010   -     Workshop "Eltern aktiv gegen Mediensucht"

Vortrag von Christoph Hirte (rollenspielsucht.de + AKTIV GEGEN MEDIENSUCHT e.V.) (PDF)

Weitere Vorträge aus diesem Workshop: - Link: Vortrag von M. Reitmayer (Ang.-SHG Hannover) "Nicht mehr (mit)spielen!" (PDF)
- Link: Vortrag Anni Martini (Elternkreis Ulm) "Klare Grenzen setzen" (PDF)

Weitere Links zur Veranstaltung:
- Internetseite der Veranstaltung
- Weitere Ergebnisse (Vorträge der anderen Workshops) der Veranstaltung  -In Kürze-
- Link zu Nachrichten bei N24 (mit Kurzinterview Christoph Hirte zur Entwicklung von Mediensucht)


Christoph Hirte:

Warum "Eltern aktiv gegen Mediensucht"?
"Sie grölen, saufen, schlägern nicht - sie verschwinden nur einfach, ganz unmerklich."

Bis zum Jahresanfang 2007 war uns der Begriff Onlinesucht / Onlinerollenspielsucht noch völlig unbekannt. Bis zu dem Tag, als wir erfuhren, dass unser
erwachsener Sohn, Informatikstudent und 600 km von uns entfernt, dem Onlinerollenspiel „World of Warcraft“ vollkommen verfallen war. In den ersten Monaten seines Studiums hatten wir noch regelmäßig Post bekommen,  z.T. unterschrieben mit „Euer glücklicher Student.“ Doch nach und nach, fast unmerklich, wurde es zunehmend schwieriger, ihn zu erreichen, er ging nicht mehr ans Telefon und beantwortete keine Emails oder SMS.

Eines Tages bat er uns um ein Urlaubssemester und zog vorübergehend zu einer Freundin, die er im Internet kennen gelernt hatte. Bedingt durch einen Wasserrohrbruch musste die Hausverwaltung in seine verlassene Studentenwohnung und fand diese in einem völlig verwahrlosten Zustand vor.

Äußerst alarmiert durch diese für uns unfassbare Tatsache standen wir schon am nächsten Tag unangemeldet vor der Tür seiner Bekannten. Erst jetzt kamen wir hinter das Geheimnis seiner tiefgreifenden Veränderung und emotionalen Verarmung: O n l i n e r o l l e n s p i e l s u c h t.

Unser Sohn hatte sämtliche sozialen Kontakte nach draußen abgebrochen und verbrachte seine gesamte Zeit vor dem PC im Onlinerollenspiel “World of Warcraft”. Er hatte die Kontrolle über seine Spielzeit und schließlich über sein Leben vollkommen verloren.

Wir waren zunächst zutiefst geschockt. Den Begriff Sucht kannten wir bis dahin nur im Zusammenhang mit Drogen und Alkohol und das hatte mit unserem Leben nichts zu tun. Wir beschlossen, alle nur erdenklichen Informationen über Onlinerollenspielsucht zusammen zu tragen, um herauszufinden, wie wir ihm helfen könnten.

Nachdem wir uns vier Wochen lang umfassend informiert hatten, Suchtberatungsstellen aufgesucht, Ärzte konsultiert und Kliniken sowie einen freien Klinikplatz ausfindig gemacht hatten, gelang es uns tatsächlich, unseren Sohn für zwei Tage nach Hause zu holen, mit der naiven Vorstellung: „Jetzt kann er eine Therapie machen und dann wird alles gut.“  Wir erfuhren, dass er, kurz bevor „World of Warcraft“ auf den Markt gekommen war, als Betatester die Aufgabe bekommen hatte, das Spiel bis in die Tiefen hinein nach eventuellen Fehlerquellen abzusuchen. Innerhalb von nicht einmal acht Wochen muss WoW ihn bereits so in seinen Bann gezogen haben, dass schon sein zweites Semester gar nicht mehr wirklich stattgefunden hatte. Trotzdem konnte er sich eine Therapie nicht vorstellen, denn er sah sich außerstande, auf „World of Warcraft“ zu verzichten. „Da verliere ich ja alle meine Freunde. Ich kann sie nicht im Stich lassen.“ Dass es sich dabei ausschließlich um virtuelle Freunde handelte, war ihm nicht bewusst. Wir brachten ihm klar zum  Ausdruck, dass wir ihm jegliche finanzielle Zuwendung streichen müssen, wenn er sein Leben weiterhin ausschließlich vor dem PC zu verbringen gedenkt und dass wir diesen Weg nicht mit ihm gehen werden. Von den Suchtberatungsstellen hatten wir gelernt, dass bei Sucht die Hilfe einzig aus der Nicht-Hilfe besteht und dass bei volljährigen Kindern der Hebel nur über die Streichung der Finanzen angesetzt werden kann. Jegliche finanzielle Unterstützung wirkt suchtverlängernd und ermöglicht dem Betroffenen, sich weiterhin ohne Leidensdruck seiner Sucht zu widmen. Allerdings machten wir unserem Sohn auch unmissverständlich klar, dass wir ihm alle nur erdenkliche Hilfe zukommen lassen würden, wenn er zu einer Therapie bereit sein sollte.  Doch die Sucht war stärker. Wie ferngesteuert stand er auf, packte seine Sachen und ging. Das war am 11. März 2007 und seitdem haben wir ihn nicht wiedergesehen. Wir ließen ihm regelmäßig Nachrichten zukommen, um ihn wissen zu lassen, dass wir ihn gedanklich auf seinem Weg begleiten. Es sollte klar sein, dass er sich jederzeit an uns wenden kann.

Er brach sein Studium endgültig ab, ließ sich exmatrikulieren, um Sozialhilfe bzw. HartzIV beantragen zu können. Ein junger, gesunder, begabter Mensch stand ganz ohne Ausbildung und damit ohne Beruf da, unfähig, am Erwerbsleben teilzunehmen und sich selbst zu versorgen, weil die virtuelle Welt stärker und wichtiger geworden war als das wirkliche Leben.

Zuerst waren wir wie gelähmt und dachten: Wir haben versagt! Wir haben es nicht geschafft, unserem Sohn ins Leben zu helfen. Wir erzählten niemandem, was passiert war, wir schämten uns und suchten ganz allein für uns nach Erklärungen und nach weiteren Informationen. Mehr und mehr wurde uns jedoch klar, dass dies mit unserem Sohn wahrlich kein Einzelfall ist, sondern dass zum damaligen Zeitpunkt in Deutschland geschätzte 1,5 Millionen Menschen von dieser Sucht betroffen waren.

Wir fassten den mutigen Entschluss, mit unserer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen und haben die Internetplattform www.rollenspielsucht.de erstellt, auf der Informationen aller Art zu finden sind. Wir haben es uns mit unserer Elterninitiative zur Aufgabe gemacht, auf dieses Thema aufmerksam zu machen, andere zu informieren, um ein Problembewusstsein in den Familien zu schaffen. Unser Motto: Wissen schützt. Seitdem haben ca. 650.000 Menschen unsere Seite besucht.

Seit 3 Jahren erreichen uns nun tagtäglich zum Teil verzweifelte Anfragen von Angehörigen und Betroffenen, denen wir im Rahmen unserer Möglichkeiten und aufgrund der von uns gesammelten praktischen Erfahrung Hilfestellung meist in Form von Hilfe zur Selbsthilfe geben.

Seit März 2008 betreuen wir in München eine Selbsthilfegruppe für Angehörige und seit Sommer 2009 auch eine Gruppe für Betroffene. Onlinesucht wird meist von den betroffenen Familien nach draußen nicht thematisiert. Zu groß ist die Scham, in der Erziehung versagt zu haben, zu groß das völlige Unverständnis, das einem von nicht betroffenen Familien oder auch von aktiv Spielenden entgegengebracht wird. Um so befreiender ist es, in der Gruppe endlich Menschen zu finden, die in der gleichen schwierigen Situation sind, endlich frei sprechen zu dürfen – sozusagen im Schutz Gleichgesinnter – und gemeinsam im Austausch nach Lösungen zu suchen. Davon hat ja Frau Reitmayr schon ausführlich berichtet.

Vor allem durch die Selbsthilfegruppen, aber auch durch die vielen Telefonate mit Angehörigen und unzählige Briefe an uns, haben wir enorm viel Erfahrung gesammelt. Wir haben unermüdlich recherchiert, viel zum Thema gelesen, uns mit Fachleuten auseinandergesetzt und die diversesten Foren aufmerksam verfolgt. Dies alles hat uns geholfen, die Problematik Onlinerollenspielsucht bzw. Mediensucht insgesamt gedanklich noch differenzierter und vielschichtiger zu begreifen.

„Kinder ins Versuchslabor – es wird schon gut gehen!“

Selbstverständlich ist es wichtig, Statistiken zu erstellen und wissenschaftlich fundierte Langzeitstudien einzufordern. An den Kern des Problems werden wir auf diese Weise jedoch erst in vielen Jahren herankommen. Die Familien brauchen zeitnahe Lösungen. Eine äußerst effektive Informationsquelle wäre das ausführliche Studieren diverser Foren (u.a. bei www.rollenspielsucht.de oder bei AKTIV GEGEN MEDIENSUCHT), in denen Berichte von Familien und von Aussteigern stehen. Was dort zu lesen ist, kann keine nüchterne Statistik  zum Ausdruck bringen. In den Foren ist das zu finden, was sich wirklich in den Familien abspielt, das, worüber niemand spricht.

Die Verunsicherung der Eltern in punkto Medienerziehung ist groß. Obwohl die exzessive Mediennutzung in vielen Familien bereits ein hohes Maß an Kommunikationslosigkeit mit sich gebracht und der PC längst gemeinsame Familienunternehmungen verdrängt hat, obwohl in vielen Fällen die Schulnoten dramatisch abfallen, trauen sich viele Eltern nicht, klare Mediennutzungszeiten einzufordern. Zu groß ist die Angst, als rückständig eingestuft zu werden, ihre Kinder auszugrenzen, ihnen den „Fortschritt“, die „Zukunft“ und die „neue Jugendkultur“ zu verweigern. Vor lauter Verunsicherung scheint den Eltern das Gespür abhanden gekommen zu sein, was ihren Kindern gut tut und was nicht. Erst wenn das Kind „in den Brunnen gefallen ist“ und die Kontrolle über seinen PC-Konsum und damit auch über sein Leben verliert, wird den verzweifelten Eltern klar, dass sie viel früher hätten eingreifen müssen. Eine ohnmächtige Wut wird spürbar, Wut auf etliche z.T. fahrlässig verharmlosende Medienpädagogen, die für die Heranwachsenden den nahezu unbegrenzten Zugang zum PC empfehlen. Vielfach trauen sich die zutiefst verunsicherten Eltern gar nicht mehr, dem ungehemmten PC-Konsum ihrer Kinder Einhalt zu gebieten, aus Angst, dass diese später beruflich den Anschluss verpassen könnten. Der Punkt, an dem die Schwelle zur Sucht dann überschritten wird, wird auf diese Weise oft viel zu spät erkannt. Werden Mütter von älteren, spielsüchtigen Kindern gefragt, was sie getan hätten, wenn Sie früher gewusst hätten, wohin die exzessive Mediennutzung führt, ist die übereinstimmende Antwort: „Wir hätten ganz klar eingegriffen und die Mediennutzungszeiten radikal reduziert.“ Häufig hatten sie den Rat etlicher Medienpädagogen befolgt, eher freizügig mit den PC-Zeiten ihrer Kinder umzugehen, um ihnen nicht den erfolgreichen Weg in die berufliche Zukunft zu verbauen. Frei nach dem Motto: „Kinder ins Versuchslabor – es wird schon gut gehen!“ Bei unseren Elterninformationsabenden spüren wir Wut auf die Tatsache, dass wieder einmal den Eltern der Schwarze Peter zugeschoben wird und niemand wahrhaben will, wie schwierig die Situation in den Familien wirklich ist. Wut auf diejenigen, die sich ausschließlich um die vielgerühmte „Medienkompetenz“  kümmern. Wie diese aussehen soll im Angesicht des ungeheuren Sogs, den manche Spiele auf die Spielenden ausüben, bleibt unbeantwortet. Meist wird vergessen, dass nicht derjenige medienkompetent ist, der die unterschiedlichsten elektronischen Medien auf vielfältigste Weise und zeitintensiv zu nutzen weiß, sondern der, der frühzeitig und selbstbestimmt den Aus-Knopf findet. Dies gilt nicht nur für Heranwachsende.

Wir wehren uns gegen diese dauernde Elternschelte. Die Eltern müssen, müssen, müssen. Wir alle sind von der rasanten Entwicklung der vergangenen Jahre überrollt worden und kaum einer konnte absehen, wohin dies alles führt. Nun sollen Eltern innerhalb von 1-2 Jahren zu absoluten EDV-Fachleuten und Suchtspezialisten mutieren? Eltern stecken, z.B. in München, aufgrund der enormen Mieten und der angespannten Situation auf dem Arbeitsmarkt vielfach in einer Dauerexistenzkrise, oft müssen beide arbeiten gehen.

Eltern stärken – Wut in Kraft verwandeln!

Wir wollen die zutiefst verunsicherten Eltern stärken und sie ermutigen, wieder mehr auf ihr eigenes Gefühl zu vertrauen, egal was ihnen von Seiten der Spielehersteller oder etlicher Medienpädagogen geraten wird. Wir wollen sie auffordern, ihre Wut in Kraft zu verwandeln, um aktiv und mutig zum Thema Mediennutzung ein Umdenken in den Familien in Gang zu setzen. Wir wollen durch umfassende Aufklärung, wohin exzessive Mediennutzung führen kann, möglichst auch schon Eltern von Kleinkindern erreichen, denn ein übermäßiger TV-Konsum bereits in sehr jungen Jahren ist für uns die Einstiegsdroge zum Missbrauch elektronischer Medien. Laut einer Studie 'Kinder und Medien' der ARD/ZDF-Fernsehkommission haben bereits 7 Prozent der 2-jährigen Kinder einen eigenen Fernseher in ihrem Zimmer. Im Alter von 6-7 Jahren sind es schon 21 Prozent, bei 12-13-jährigen Teenagern 56 Prozent. Die z.T. mit Medien aller Art hochgerüsteten Kinder- und Jugendzimmer setzen diese Entwicklung fort, die dann, wenn der Internetanschluss dazu kommt, kaum mehr zu bremsen ist. Die Mediennutzungszeiten der Kinder sollten an das Aggressionsverhalten des Betroffenen gekoppelt werden, denn mit steigender Aggression schwindet auch die Achtung vor den Eltern und Geschwistern, was sich zum Teil durch übelste Schimpfworte, meistens gegenüber den Müttern, äußert. Ist das Kind auffallend aggressiv, sollte die vereinbarte Mediennutzungszeit umgehend reduziert (ggf. sogar ganz gestrichen) werden. Das Kind darf jedoch niemals mit „mehr Spielen“ belohnt werden! Viele Eltern befinden sich bereits in einer Co-Abhängigkeit im Hinblick auf das „Heroin aus der Steckdose“. Und nach wie vor gibt es zu wenig Anlaufstellen, die die betroffenen Familien kompetent und entlastend beraten könnten.

Eltern von jüngeren Kindern können wir nur ganz dringend ans Herz legen, ihre Kinder mit der Nutzung der Medien so spät wie möglich beginnen zu lassen, entgegen dem, was meist von medienpädagogischer Seite aus propagiert wird. Dr. Sabine Schiffer vom Institut für Medienverantwortung ist der Meinung, dass „das frühe Heranführen an technische `Medienkompetenz` genau das Gegenteil von dem bewirkt, was von interessierter Seite behauptet wird: Bildung wird nicht gefördert, sondern verhindert. Ein zu früher Einstieg in Bildschirmmedien reduziert die Dimensionen der Erfahrungswelt für die Kinder. Medienpädagogik mit Kindern führt nicht zu einer kritischeren Mediennutzung oder gar dem Abwenden von problematischen Medieninhalten.

Hierzu schrieb uns ein Vater: „Unser Sohn ist 3 1/2 Jahre alt und könnte (wenn wir ihn ließen) schon den Rechner anmachen, CD einlegen und mit der Maus loslegen. Unsere Tochter wird sieben, ist gerade im ersten Schuljahr, und ich habe das Gefühl, schon mitten in der Abwehrung falscher "Medienkompetenz" zu sein. Wahnsinn, wie früh die Kinder das jetzt schon drauf haben und WoW ist wahrscheinlich erst der Anfang. Ich befürchte seitens der Elektronik- und Softwarekonzerne in den kommenden Jahren noch ganz andere, stärkere Anreize/Anschläge auf gefährdete User.“ Die Aggressionskriege in den Familien werden im Laufe diesen Jahres durch die Firmen Lego und Playmobil, die an der Fertigstellung von Onlinerollenspielen für Grundschulkinder arbeiten, die ähnlich aufgebaut sein sollen wie WoW, ungeahnte Ausmaße annehmen. Hinzu kommt, dass es im Internet keinen Kinder- und Jugendschutz gibt.

Wir werden es nicht hinnehmen, dass uns gebetsmühlenartig suggeriert wird, eine tägliche, stundenlange Nutzung von elektronischen Medien sei völlig normal. Ist die massenhafte Abwanderung besonders von jungen Menschen aus dem realen Leben gewünscht, beabsichtigt oder wird sie sogar billigend in Kauf genommen? Fragwürdig sind auch die Bemühungen von verschiedenen Seiten, Eltern nun ebenfalls in die Welt der Spiele, auch Gewaltspiele, zu entführen, wie im Spiegel vom 04.11.08 berichtet wurde.

Fortbildung an Schulen..


Durch Gespräche mit Eltern haben wir erfahren, dass nach wie vor die Schulen nicht ausreichend über Onlinesucht, deren Symptome und Auswirkungen informiert sind. Noch ist die Problematik Onlinerollenspielsucht vorwiegend eine Domäne der Jungs. Deshalb spricht Prof. Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, auch von „der Krise der Jungen“. Mittlerweile absolvieren deutlich mehr Mädchen erfolgreich das Abitur. 22 % der männlichen Neuntklässler spielen mehr als 4 Stunden am Tag und alle Spieler haben linear zur Spielzeit schlechtere Noten und weisen auffallend hohe Fehlzeiten auf. Im Anschluss an einen Informationsabend von uns meinte ein Lehrer, dass er erst jetzt begreift, dass z. T. ganze Klassen die von uns genannten Symptome zeigen. Er sei froh, endlich mehr über die Zusammenhänge erfahren zu haben.

„50 000 Kinder in Bayern bleiben dieses Jahr sitzen“ schrieb die SZ im Juli 2008. Leider gibt es keine (öffentlichen) Zahlen, wie viele dieser Schülerinnen und Schüler aufgrund exzessiver Mediennutzung die gesteckten Ziele nicht erreicht haben bzw. in ihren Leistungen erheblich abgerutscht sind.

Politische Forderungen

Wir haben eine Reihe von möglichen Forderungen an die Politik zusammengestellt. Denn überall dort, wo Perspektivlosigkeit und Zukunftsangst um sich greifen, überall dort, wo lebendiges, aussichtsreiches und lustvolles Leben nicht mehr stattfindet, ist die Flucht in die ständig verfügbaren virtuellen Welten ein naheliegender und auch nachvollziehbarer Schritt. Unsere Kinder brauchen Herausforderungen und Aufgaben, an denen sie wachsen können. Solange Eltern massiv von Existenzängsten, Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst blockiert werden, können viele keinen Raum finden, kreativ über diese Möglichkeiten nachzudenken, abgesehen davon, dass es für viele Familien nicht mehr finanzierbar ist, ihren Kindern spannende und aufregende Alternativen anzubieten. Im Ruhrgebiet werden reihenweise Hallenbäder und Bibliotheken geschlossen. Die Boni von Bankmanagern hingegen, fließen wieder.

Jedem jungen Menschen sollte es möglich sein, ein Instrument zu erlernen oder Theaterkurse zu besuchen, um im künstlerischen Bereich Fähigkeiten, die stark machen, freizusetzen. Musikschulen und andere kreative Einrichtungen sind jedoch für einkommensschwächere Familien immer unerschwinglicher.

Freizeitangebote für Familien müssen wesentlich kostengünstiger angeboten werden. Durch das Internet und insbesondere durch die Mediensucht wurden Fakten geschaffen, mit denen niemand umzugehen gelernt hat, weder die gigantische Zahl von „verlorengegangenen“ Spielern, noch die verzweifelten Eltern. Wir brauchen Bedingungen, die unseren Kindern das bieten, was sie online zu finden hoffen, wir brauchen mehr Raum für Phantasie, Kreativität und Spiel. Wenn wir Eltern die Möglichkeit bekommen, dies mit unseren Kindern leben zu dürfen, können wir vielleicht die Flucht in virtuelle Ersatzwelten verhindern. Dann wären auch all die familiären Gesichtspunkte, die Frau Martini als wirksame Präventionsmittel genannt hat, eher selbstverständlich und umsetzbar.

Wir fordern eine Ausbildungsplatzgarantie für jeden jungen Menschen, um eine lebenswerte Zukunftsperspektive zu ermöglichen und eine Erhöhung des Freizeitangebots und die Verbesserung der Lebensqualität und der Beratungsstellen insbesondere für Studenten, damit diese, herausgerissen aus dem gewohnten familiären Umfeld und plötzlich allein auf sich gestellt, konfrontiert mit der Erwartung, in überfüllten Hörsälen enorme Leistungen aufbringen zu müssen, es leichter haben, Anschluss, Anerkennung und zwischenmenschliche Kontakte zu finden. Uns wurde mehrfach mitgeteilt, dass Studenten sogar während der Vorlesung in den Hörsälen WoW spielen.

Auf Computerspiele sollte es eine beachtliche Steuer geben, damit die vielen, noch fehlenden Therapieplätze eines Tages auch bezahlt werden können. Wir fordern, dass das Suchtpotential etlicher Spiele (allen voran World of Warcraft) als Kriterium für die Alterskennung mit einbezogen wird (das hieße auch: WoW - Freigabe erst ab 18 Jahren) und die Anerkennung der Onlinesucht als Krankheit.

Verharmlosung dringend beenden und Maßnahmen ergreifen!

Die Forderung, u.a. das hohe Suchtpotential etlicher Onlinerollenspiele stärker zu thematisieren durch Presse, Politik und Kirchen, und im Bezug auf Mediensucht kritische (!), nicht verharmlosende Aufklärungsarbeit an Schulen zu leisten, ist unpopulär und wird meist als „Verteufelung“ der neuen Medien gebrandmarkt. Doch wer sollte sich gegen den PC als äußerst sinnvolles und nützliches „Werkzeug“ aussprechen? In den meisten Fällen wird er jedoch schon von klein auf als „Spielzeug“ „missbraucht“, und verdrängt allmählich jede alternative und entwicklungsfördernde Freizeitbeschäftigung. Aussteiger Thomas aus unserer Selbsthilfegruppe berichtet: „Vier Jahre lang war ich gedanklich pausenlos mit dem Spiel WoW beschäftigt, war nicht bei mir, sondern ausschließlich in der virtuellen Welt. Selbst heute noch, zwei Jahre nach meinem Ausstieg, fehlt mir das Glücksgefühl, das mir durch das Belohnungsprinzip in WoW einen ständigen Kick garantiert hatte, und noch heute kann ich kein wirkliches Interesse mehr aufbringen für das, was man Hobby nennt. Gegen die Welt von WoW erscheint mir noch heute alles fahl, wie ausgebleicht.“ Dennoch werden diejenigen, die es wagen, sich zur „neuen Jugendkultur“ kritisch zu äußern, gerne als ewig Gestrige abgetan. Ist das der Grund, warum unsere Politiker an dieser Stelle schweigen? Wollen sie nicht als rückständig gelten? Vielleicht sollten sie ihre Berater wechseln? Nach wie vor wird nur von einigen wenigen die Problematik Mediensucht als schwerwiegendes Problem erkannt, durch das unsere Gesellschaft zunehmend mehr Schaden nehmen wird. Die wirklich schwierigen Jahrgänge kommen erst noch. Was bislang sichtbar ist, ist nur die Spitze des Eisbergs.

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Rausch“ gab es folgende Meldung: „Mit drastischen Maßnahmen soll gegen die Spielsucht der Jugend vorgegangen werdenn. Beliebte Online- Spiele sollen über ein sog. „Nighttime Shutdown“ für sechs Stunden abgeschaltet und die überwiegend minderjährigen Spieler ins Bett geschickt werden. Eine andere Option ist ein „Slowdown- System“, das die Internet- Geschwindigkeit bei zunehmender Spielzeit massiv reduzieren soll. Im zweiten Halbjahr 2010 sollen diese Vorschläge umgesetzt werden.“
Schade, diese Meldung betraf Korea. Und in einer Übersichtsstudie gelangten US-Wissenschaftler zu folgendem Ergebnis: „Eine Auswertung von 130 Studien mit mehr als 130 000 Teilnehmern zeigt, dass Gewaltspiele bei Heranwachsenden aggressives Denken und Verhalten begünstigen und gleichzeitig soziale Eigenschaften beeinträchtigen – unabhängig von Alter, Geschlecht und der jeweiligen Kultur. Die Psychologen der Iowa State University raten Eltern, solche Spiele aus dem Haushalt zu verbannen. Es wird gefordert, dass Gesellschaft und Politik auf diese Herausforderung reagieren.“ Forderungen dieser Art würden hierzulande einen empörten Aufschrei verursachen. Wann können wir damit rechnen, dass unsere Politiker an dieser Stelle endlich auch klar Stellung beziehen und sich zum Wohle unserer Kinder und Jugendlichen über die immensen monitären Interessen der Spieleindustrie hinwegsetzen?

In Jugendämtern und beim Gericht fehlt noch die Vorstellungskraft....

Mittlerweile gibt es bereits etliche Anlaufstellen, die kompetente Hilfe speziell zum Thema Mediensucht anbieten können, doch es sind noch immer viel zu wenig. Vor allem bei den Jugendämtern und bei Gericht fehlt noch die Vorstellungskraft, welche verheerenden Auswirkungen diese Krankheit auf die betroffenen Familien hat. Hierzu der Ausschnitt aus einem verzweifelten Brief an uns: „Bei unserer onlinesüchtigen Tochter war es so, dass ich es per Gerichtsbeschluss geschafft hatte, sie in die psychiatrische Abteilung des hiesigen Kinderkrankenhauses einweisen zu lassen. Dort stellte man fest, dass sie nicht computersüchtig sei, da sie ja nicht die Tür zum Büro mit dem Computer eintreten würde. Kaum war sie wieder zu Hause, begann sie mit World of Warcraft. Manchmal bis zu 16 Stunden pro Tag. Wir hatten den Kampf aufgegeben, weil wir nicht wollten, dass sie fremd untergebracht wird. Dann wurde sie immer aggressiver. Sie vernachlässigte weiterhin die Schule, musste nach zweimaligem Sitzenbleiben zur Realschule wechseln. Das Schlimmste war, dass sie begann, mich zu schlagen und blutig zu kratzen, wenn ich ihre Wünsche nicht sofort erfüllte. Oft mussten wir die Polizei holen, weil sie in ihrer Aggressivität und in ihren Wutausbrüchen nicht mehr zu bändigen war. Als sie dann noch einen Mitarbeiter unserer kleinen Firma angriff, der sich jedoch wehrte und sie daraufhin ins Krankenhaus musste, schaltete sich das Jugendamt ein und das Familiengericht nahm uns, um den Fall endlich abzuschließen, der beim Jugendamt schon Akten füllte, das Sorgerecht weg. Können Sie sich vorstellen, wie schockiert wir waren?
Vielleicht sollten Sie andere betroffene Eltern davor warnen, mit ihren Problemen zum Jugendamt zu gehen. In unserem Fall wurde nämlich niemals berücksichtigt, dass unsere Tochter rollenspielsüchtig war mit all den schrecklichen Folgeerscheinungen. Dort geht es nur nach Schema F: es gibt Streit in der Familie, dann muss das Kind fremd untergebracht werden. Dann ist aber das Kind bald fremd und die Familie endgültig kaputt! Ich habe im Fernsehen mehrmals Werbung gesehen für World of Warcraft, dann kommen mir immer die Tränen
.
Umfangreiche Fortbildungsmaßnahmen erscheinen uns hier dringend erforderlich.
Und was speziell WoW anbetrifft, wäre es sinnvoll, sich vorher zu überlegen, ob man aufgrund des immensen Suchtpotentials überhaupt mit diesem Spiel anfangen sollte. Selbst Erwachsene können sich dem oft nur schwer entziehen. Eine Schulkarriere bleibt neben der WoW-Karriere nach unserer Beobachtung in den meisten Fällen auf der Strecke.

Im Drogen- und Suchtbericht 2009 der Bundesregierung war erstmals die Rede von bis zu 2,8 Millionen Onlinesüchtigen und ebenso viel Gefährdeten. Der Rückzug in virtuelle Welten wird zunehmend mehr zu einem Problem, doch im Jahr 2010 wird es keinen Sucht- und Drogenbericht geben. Welche Strategie steckt dahinter? Möglichst wenig darüber sprechen? Gibt es keine Probleme? Wir legen weiterhin den Finger in die Wunde!
Netzwerk für Ratsuchende eingerichtet.

AKTIV GEGEN MEDIENSUCHT e.V. mit dem Netzwerk für Ratsuchende

Da wir im Laufe der letzten 3 Jahre so unendlich viel Post von verzweifelten Eltern und Betroffenen erhalten haben und diese Arbeit in diesem Umfang nicht mehr alleine leisten können, haben wir das Selbsthilfeportal AKTIV GEGEN MEDIENSUCHT als Verein gegründet, eine „Initiative zur Verhinderung von Mediensucht durch aktives Handeln“ mit dem Motto: „Der Missbrauch von elektronischen Medien soll so unpopulär wie Alkohol- und Drogenmissbrauch werden.“ Auf der Internetseite www.aktiv-gegen-mediensucht.de  bauen wir ein Netzwerk für Ratsuchende auf, damit von Mediensucht betroffene Familien schneller Rat und Hilfe finden. Sowohl die Angehörigen als auch die Betroffenen können darauf zurückgreifen und in unseren Foren findet ein reger Austausch statt. Wir hoffen auf dringend erforderliche finanzielle Unterstützung dieser Selbsthilfearbeit und auf aktive Mitarbeit bei unseren Projekten, besonders von Angehörigen und ehemals Betroffenen, die dieses Problem aus leidvoller eigener Erfahrung heraus bis in die Tiefe verstehen. Über unser Netzwerk für Ratsuchende besteht auch die Möglichkeit, sich für die Gründung einer Selbsthilfegruppe einzutragen oder nach bereits bestehenden Gruppen zu suchen. Wir wünschen uns, dass neben Suchtberatungsstellen, Kliniken, Ambulanzen, Therapeuten, Ärzten und Psychologen auch Netzwerke, Initiativen, Vereine, Präventionsstellen, Forschungsgruppen oder andere Institutionen sich hier vorstellen. Darüber hinaus gibt es eine Rubrik für Offline-Alternativen, von denen viel gesprochen wird (Alternativen anbieten heißt es da immer). Offline-Alternativen sind u. a. auch therapeutische Angebote, bei denen Kinder auch das richtige Leben lernen können, wie z.B. der Frühinterventionskurs logout für Jugendliche von der Rosenheimer Beratungsstelle neon. Es ist wichtig, dass die Stellen, die Hilfe anbieten, auch leichter gefunden werden können. Mittlerweile gibt es bereits über 220 Einträge. (Stand 02.06.10)

Damit man weiß, wer und wie viele Menschen und Institutionen sich mit dem Thema Mediensucht in unterschiedlichster Form auseinander setzen, wünschen wir, dass das Netzwerk für Ratsuchende weiter befüllt wird. So kann auch ein starkes WIR-Gefühl entstehen.

Wir sind nicht bereit, auf Veränderungen zu warten. -- Wir sind aktiv. --  Aktiv gegen Mediensucht!
 

Unser Sohn hatte das Glück, nach mehr als zwei Jahren ganz aus eigener Kraft aus seiner schwierigen Situation heraus zu finden und ist mittlerweile dabei, sein Leben Stück für Stück wieder aufzubauen. Wir können nur erahnen, wie schwer es für ihn gewesen sein muss, sich aus der totalen Isolation wieder in den normalen Lebensprozess zu wagen.Mittlerweile stehen wir in behutsamem Briefkontakt.


Eltern, die frühzeitig darüber aufgeklärt werden, was passieren kann, wenn das Kind die Kontrolle über seinen PC-Konsum und schließlich auch über sein Leben verliert, können aufmerksamer beobachten, sich rechtzeitig einmischen und bei Bedarf konsequent handeln, damit es gar nicht erst dazu kommt.

Die Verhinderung von Mediensucht muss auf allen Ebenen Chefsache werden!

Warum tun immer noch alle so, als ob unsere Gesellschaft keine Probleme damit hätte?
Sie grölen, saufen, schlägern nicht – sie verschwinden nur einfach, ganz unmerklich.


Vielen Dank.

Als PDF-Datei...


 

Geschrieben von: Team-ch am 07.06.2010

 

 


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