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Nicht mehr (mit)spielen


3. Berliner Mediensuchtkonferenz 2010   -     Workshop "Eltern aktiv gegen Mediensucht" -

Vortrag von M. Reitmayer (Ang.-SHG Hannover) "Nicht mehr (mit)spielen!" (PDF)

"Wir  haben einsehen müssen, dass der uns und unseren Söhnen abverlangte Veränderungsprozess kein Sprint, sondern ein Marathon ist."


Weitere Vorträge aus diesem Workshop:
- Link: Vortrag Anni Martini (Elternkreis Ulm) "Klare Grenzen setzen" (PDF)
- Link: Vortrag Christoph Hirte (rollenspielsucht.de) "Sie grölen, saufen, schlägern nicht - sie verschwinden nur einfach, ganz unmerklich" (PDF)

Weitere Links zur Veranstaltung:
- Internetseite der Veranstaltung
- Weitere Ergebnisse (Vorträge der anderen Workshops) der Veranstaltung  -In Kürze-
- Link zu Nachrichten bei N24 (mit Kurzinterview Christoph Hirte zur Entwicklung von Mediensucht)



Martha Reitmayr:
"Nicht mehr (mit)spielen"

Ende 2008 gründete ich in Hannover die Angehörigen-Selbsthilfegruppe Mediensucht. Anlass war meine persönliche Not mit einem internetsüchtigen Sohn. Die Koordinationsstelle für Selbsthilfe-gruppen KIBIS war uns bei unseren ersten Schritten behilflich. Wir sind etwa 12 Personen, drei Elternpaare, eine Partnerin eines computerspielsüchtigen Mannes und ansonsten alleinstehende Mütter. Die computerspiel- und internetabhängigen Angehörigen sind ausschließlich männlichen Geschlechts, Söhne im Alter von 17 bis 30, ein Partner mit 44 Jahren. Die meisten von ihnen sind in die fantastische Welt von World of Warcraft abgetaucht. Das reale Leben hat nur noch wenig Bedeutung für sie und sie sind ihm auch immer weniger gewachsen. Die Abhängigkeit, die sich meist seit der frühen Jugend schleichend entwickelt hatte, zeigt verheerende Folgen für ihre persönliche Entwicklung, ihre Gesundheit, ihre berufliche Zukunft und soziale Einbindung.

Während unsere Söhne und Angehörigen nur noch spielen, spielen, spielen, haben wir die Devise entwickelt: „Nicht mehr mitspielen!
Wir wollen, dass sich etwas verändert, weil unser Leidensdruck zu groß geworden ist.

Wir wollen
1.    eine Veränderung in uns selbst und  in der Familie und
2.    eine Veränderung im öffentlichen Bewusstsein angesichts der Dimension der Internet-Abhängigkeit, die inzwischen fast  epidemische Ausmaße angenommen hat.

Letzteres würde Aufklärungsarbeit z. B. in Kindergärten, Müttertreffs, Schulen und politische Arbeit bedeuten. So dringend uns dies erscheint, übersteigt es aber zur Zeit unsere Kräfte. Herr Hirte hat Forderungen gesellschaftlicher und politischer Art aufgestellt, die auch wir unterstützen.
Der Fokus unserer Arbeit war also unsere eigene Veränderung, unser eigenes Lernen, um ein anderes Wort für Veränderung zu benutzen.

Unsere zweimonatlichen Treffen kreisen um die Lernschwerpunkte Wissen – Fühlen – Handeln.
Es geht also um unser Lernen auf der Erkenntnisebene, der Gefühlsebene, der Handlungsebene, wobei diese drei Bereiche natürlich eng miteinander verwoben sind.

Ein Anspruch an uns, den wir anfangs gar nicht so gern wahrnehmen wollten. Der Ort der Veränderung wird ja beim Sohn, beim Abhängigen, gesehen. Er hat ja das Problem! Er soll aufhören, auf diese selbstschädigende Weise das Internet zu missbrauchen! Er muss sich ändern! Dieses Denkmuster hat sich  in den Familien  meist schon verfestigt und zu einer Eskalationsspirale geführt:
Je mehr die Angehörigen reden, Vorwürfe machen, drohen, flehen, schwarzmalen... desto größer wird die Distanz zwischen ihnen und dem Sohn oder Partner.  Das „Immer mehr des Gleichen“ produziert nur noch mehr Rückzug oder auch aggressive Explosionen.
Wir haben erkennen müssen, dass wir Angehörige bei uns selbst ansetzen müssen, unsere Haltung, unsere Präsenz, unsere Kommunikations- und Handlungsmuster reflektieren und verändern müssen. Dann kann das System Familie sich ebenfalls ändern und letztlich auch der Süchtige.  Änderungen setzen aber Wissen und Einsicht voraus. Also

Schwerpunkt Wissen:


Wir sind oft die erste Anlaufstelle für hilfesuchende Angehörige. Sie erhalten bei uns nützliche Adressen und Informationen verschiedener Art. Dabei sei kurz angemerkt, dass die Webseite rollenspielsucht.de von Christoph und Christine Hirte eine wertvolle Fundgrube von Informationen für uns war und ist. Circa vier-fünfmal im Jahr laden wir Referenten ein, die uns beraten, z. B. von return, der Fachstelle für exzessiven Medienkonsum des Neuen Lands.

Informationen von außen sind nicht alles. Auch die Gruppe selbst ist erkenntnisfördernd  und zwar durch die kaleidoskopartige Spiegelung der Problematik durch mehrere Menschen. So kommt es nicht nur zu Wiedererkennungs- sondern auch Aha-Erlebnissen.
Ein Beispiel: Eine alleinerziehende, berufstätige Mutter erzählte uns schon in der Frühphase der Gruppe, sie habe eine Betreuung für den Sohn eingeleitet, der in seiner Wohnung verwahrlost sei und den sie auch nicht mehr zurück zu sich nehmen wolle, weil er – ein zwei Meter Mann – sie schon körperlich bedroht habe. Damit hatten die eher resignativen Mütter in der Gruppe schlagartig eine neue Handlungsoption vor Augen.

Einige Kenntnisse über die Biochemie des Gehirns bei der Suchtentstehung sind für uns sehr nützlich gewesen, z. B. das Wirken des körpereigenen Belohnungssystems und das Entstehen von „Autobahnen“ im Gehirn“, wie es der Hirnforscher Gerald Hüther beschreibt. Erst das Wissen über diese Vorgänge im Gehirn lässt uns verstehen, warum das Aussteigen aus der Abhängigkeit so schwierig ist.

Eltern brauchen Kenntnisse über die Spiele, ihre Faszination und ihr Gefahrenpotenzial, besonders wenn es sich um Rollenspiele wie WoW handelt, die mehrere Suchtfaktoren enthalten:

a)    eine spezifische Belohnungsstruktur, die anfangs schnell Glückshormone im Gehirn freisetzt, später, auf den höheren Levels, aber seltener, unplanbarer, ein Vorgang, der eindeutig suchtfördernd wirkt.
b)    der Zeitfaktor: Je mehr Zeit ein Spieler in WoW investiert, desto größer Erfolg und Belohnung. Übrigens verbringen auch nicht-süchtige Spieler von WoW im Durchschnitt täglich 4 Stunden damit! (Studie des KFN)
c)    Des weiteren schenkt WoW emotionale Befriedigungen, die Jugendliche in ihrer Umwelt häufig vermissen; Abenteuer erleben, eigene Stärke erfahren, Ziele erreichen, Erfolg haben und Anerkennung von anderen bekommen. Gerade die Verpflichtung der Spielergemeinschaft, der „Gilde“ gegenüber bindet die Jungs an das Spiel. (die Freunde nicht im Stich lassen!)
d)    Es ist ein Spiel ohne Ende. Jährlich erscheinen Fortsetzungen.

Eltern fallen erst mal leicht auf die märchenhafte Formensprache von WoW und ähnlichen Rollenspielen herein. Die infamen Mechanismen durchschauen sie manchmal erst, wenn es zu spät ist. Und selbst wenn sie sich das nötige Wissen über Spiele, über Suchtentstehung, über technische Möglichkeiten wie Kindersicherungen zugelegt haben, gilt immer noch: Wissen ist eine Sache, die Umsetzung in Handeln aber eine andere, schwierigere.

Oft taucht in der Gruppe die Frage nach den Ursachen der Abhängigkeit auf. Obwohl es keine monokausale Erklärung für die Entstehung von Sucht gibt,  durchforsten wir Eltern in selbstaufklärerischer oder manchmal sogar selbstquälerischer Weise die familiäre Vergangenheit. Wo hat dem Kind etwas gefehlt? Gab es Traumata? Vernachlässigung? Elterliches Fehlverhalten?

Der Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther bringt die Bedürfnisse eines Kindes auf die griffige Formel: Kinder brauchen zweierlei: Geborgenheit (Eingebunden-Sein, Anerkennung in einer Gemeinschaft...)  auf der einen Seite, Autonomie auf der anderen, also die Chance, zunehmend selbstständig zu werden, an Aufgaben zu wachsen, Selbstwirksamkeit zu erfahren. Kinder, die in

diesen beiden Bedürfnissen unter Defiziten leiden, geraten in tiefe innere Unruhe und Angst. Eine Bewältigungsstrategie ist dann,  nach Drogen, z. B. Computerspielen zu greifen, die diesen Mangel beheben. In ihnen findet der junge verunsicherte Mensch wieder Geborgenheit und Anerkennung, Regeln, durchschaubare Strukturen und spannende Aufgaben, an denen er sich bewähren und an denen er wachsen kann. Die Spielewelt bietet, was im realen Leben nicht mehr gelingt.

In der Gruppe fällt auf, dass nicht wenige unserer „Computerkids“ belastende Erfahrungen von Nicht-Geborgenheit gemacht haben wie Trennung der Eltern, Überforderung oder Depression der Mutter, Quälereien durch Geschwister und andere Kinder und Misserfolge in der Schule.

Andererseits berichten Mütter auch, sie hätten dem Kind zu viel abgenommen, es überversorgt, verwöhnt,  ihm alle Frustrationen erspart, keine Grenzen gesetzt, manchmal aufgrund einer symbiotischen Beziehung zum Kind, manchmal aufgrund von Schuldgefühlen oder wegen einer falsch verstandenen Idee von „freier Erziehung“.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die sich unsere Gruppe erarbeitet hat, dank der Begleitung durch professionelle Suchtberater, ist die Einsicht in das Muster der Co-Abhängigkeit.
Wir hatten in der Gruppe eine Besucherin, deren Sohn, Ende zwanzig, ohne abgeschlossene Lehre, seit Jahren im Keller des Hauses WoW spielte. Er kam nicht mehr an den Tisch, nahm nicht mehr am Familienleben teil, die Mutter versorgte ihn, indem sie Tiefkühlnahrung einkaufte, die er sich selbst im Keller in der Mikrowelle zubereitete. „Er tut mir so leid“, diesen Satz habe ich noch im Ohr. Und: „Immerhin weiß ich, wo er ist, er ist wenigstens nicht auf der Straße“.
Was wir inzwischen erkannt haben: Dass Mitleid  dem Betroffenen nicht hilft, dass Grenzen zu ziehen nötig ist: Wo hört meine Verantwortung für den Sohn oder Partner auf?  Wo missachte ich  meine eigenen Bedürfnisse? Verantwortung abzugeben ist ein diffiziler Prozess – besonders bei Jugendlichen, die noch im Haus leben und von uns abhängen.
In der Gruppe haben wir inzwischen unsere Selbstwahrnehmung geschult, so dass wir uns auf Co-Abhängigkeitsmuster  gegenseitig hinweisen können.

Auch was die Mediennutzung betrifft, stellen viele von uns Eltern eigene Versäumnisse fest. Zu früh bekam der Sprössling seinen eigenen Fernseher oder Computer und war immer mehr der Überflutung durch mediale Bilder ausgesetzt, auf Kosten des realen Spielens, Lesens und anderer kreativer und sinnlich-konkreter Beschäftigungen, durch die eigene innere Bilder entstehen würden. Diese eigene fantasiemächtige Innenwelt würde aber schützen vor Abhängigkeit. So aber entsteht Langeweile, sobald der Bildschirm ausfällt – und umso mehr sehnt sich das Kind nach medialem Futter. Es braucht die fremden Bilder, weil es keine eigenen mehr hat.
Lange hingen einige von uns der Illusion nach, der frühe Umgang mit dem Computer würde dem Kind Vorteile bringen, nämlich einen leichten Einstieg ins Berufsleben. Zu lange sahen wir noch zu, als das Suchtverhalten bereits evident war , in purer Hilflosigkeit oder mit dem Gedanken: Das gibt sich schon mit der Zeit.

Viele Faktoren wirken wohl bei der Entstehung von Sucht  zusammen, biologische, psychische, aber auch gesellschaftliche, die ein gesundes Aufwachsen von Kindern erschweren. Ich denke an unsere zubetonierten, langweiligen städtischen Lebensräume und auch an die  vorprogrammierten Tagesabläufe der meisten Kinder, die weder Raum noch Zeit finden, wo und wann sie selbstbestimmt, ohne Kontrolle  ihrer Spiel- und Entdeckerlust nachgehen könnten. Kinder werden heute viel zu früh einem Leistungs- und Konkurrenzdenken ausgesetzt, das die kreative Entfaltung und Lebenslust behindert zugunsten des Endprodukts, an dem die Kinder dann verglichen und beurteilt werden.  Sensible, seelisch und sozial belastete Kinder flüchten unter diesem Druck in Befriedigungen wie sie die Spiele bieten.  Und diese Spiele sind allgegenwärtig.

Hier wäre auch der Moment,  die Verantwortung der Spiele-Hersteller zu erwähnen, die ihre Gewinnmaximierung über Kinder- und Jugendschutz stellen. Was ist von der freiwilligen Selbstkontrolle der Unterhaltungssoftware-Industrie, der  USK zu sagen, die suchterzeugende Spiele wie WoW bereits 12-jährigen zugänglich macht? Wo ist das Verantwortungsgefühl unserer Politiker, die mehr das Gedeihen des Wirtschaftssektors Gamesindustrie im Auge haben als das Wohl der heranwachsenden Generation?

Schwerpunkt Fühlen:

Bevor Angehörige in eine Beratung oder in unsere Gruppe kommen, sind sie oft schon durch die Hölle diverser heftiger Gefühle gegangen: Enttäuschung, Scham, Schuldgefühle, Sorge, Angst, Mitleid, Hilflosigkeit, Wut und Verzweiflung.

Die Sorgen und Ängste der Eltern hinsichtlich der  schulischen oder beruflichen Zukunft des Sohnes sind massiv und berechtigt. Die Jugendlichen in unserer Gruppe gefährden ihre Versetzung, müssen wiederholen oder  haben bereits von der Schule gehen müssen. Es gibt andere, die nach Schulabschluss keine Ausbildung beginnen oder sie abbrechen und jahrelang Haus oder Wohnung der Eltern oder Mutter nicht mehr verlassen.
Unbearbeitete Ängste halten Angehörige leicht davon ab, klare, konsequente Schritte zu unternehmen. So z.B. die düstere Vorstellung, der Sohn würde auf der Straße zugrundegehen, falls man ihn vor die Tür setzen würde. „Loslassen“ wäre bei erwachsenen Söhnen angesagt. Wenn nicht diese abgrundtiefe Angst wäre und das schon angesprochene Mitleid.
Ein anderes Gefühl, von dem eine Mutter erzählt: das schmerzvolle Schamgefühl, das sie spürte, nachdem der Sohn, dem sie den Laptop weggenommen hatte, handgreiflich wurde und sie zu Boden stieß: „So tief sind wir gesunken“.
Wut: Ein Vater berichtet von der Wut, die über ihn kam, nachdem der Junge sich nicht an die gemeinsamen Abmachungen bezüglich des Spielens gehalten hatte. Suchtkranke tricksen, täuschen und brechen Vereinbarungen. So ging z.B. ein Junge morgens aus dem Haus, mit Schultasche und kehrte, als die Eltern zur Arbeit gefahren waren, wieder zurück, um WoW zu spielen. Der Arzt lieferte ihm ein Attest für die Schule.

Schuldgefühle, wie schon angesprochen, belasten etliche Angehörige, so auch mich. Was haben wir versäumt? Wo haben wir Fehler gemacht? Quälende Fragen! Die Gruppe kann bei der Relativierung der eigenen Schuld helfen: Wie hätten wir  alles richtig machen können? Wir waren selbst belastet und hätten Unterstützung gebraucht. Väter sind weggegangen, die Söhne sind ohne männliches Vorbild aufgewachsen...-  ungünstige Entwicklungen, die von Müttern nicht aufgefangen werden können. So kann durch das Gespräch in der Gruppe ein diktatorisches Gewissen, das manche Mutter niederdrückt,  vielleicht umgewandelt werden in ein reifes, personales, sich selbst verzeihendes Gewissen.
Erst dann haben wir genug Stärke und Präsenz, um eingreifen zu können.

Die täglichen Belastungen führen bei vielen Angehörigen zu psychosomatischen Symptomen wie Bluthochdruck, zu Schlaflosigkeit, Erschöpfung, manchmal bis hin zur Depression.
Sich auszusprechen, sich verstanden und angenommen zu fühlen von Menschen, die die gleichen Erfahrungen machen, lässt die Scham verschwinden,  lässt aufatmen und ein bisschen Mut schöpfen. Es stärkt, wenn man erfährt, dass andere das gleiche Problem haben und sich offensiv

dazu bekennen. Wenn dann noch Einsichten in Zusammenhänge und Lernerfahrungen hinzukommen, spürt man wieder etwas festen Boden unter den Füßen.

Bloßes Klagen bringt nicht voran, ebensowenig das Grübeln über die Vergangenheit. Unser Fokus liegt eher auf der Frage: Was können wir tun?

Schwerpunkt Handeln:

Wie schon gesagt: Wenn wir uns unser Verhalten verändern, wird auch der Süchtige sich verändern. Aber welche Schritte angebracht sind, war für uns am Anfang nicht erkennbar. Manche berichteten, dass sie den spontanen Versuch gemacht hatten, dem Sohn den Computer wegzunehmen oder das Internet abzustellen. Es gab daraufhin bedrohliche Aggressionsszenarien in den Familien. Türen wurden eingetreten oder durch den Flur geworfen, Eltern körperlich angegriffen etc.
Inzwischen raten wir von schnellen, rabiaten Eingriffen ab. Ein WoW Spieler hat sich in seiner virtuellen Welt eine neue, starke Identität aufgebaut, er findet in dieser Welt Anerkennung und Wertschätzung, die er in der realen Welt längst verloren hat. Ihm dies alles mit einem Schlag wegzunehmen kommt einer Vernichtung nahe.
Inzwischen haben wir etwas mehr Klarheit in Bezug auf adäquates Handeln. Es umfasst in etwa folgende drei Punkte:

a)  Ohne Vorwürfe und Drohungen konkrete Schritte unternehmen, nämlich:
Bei Jugendlichen zeitliche und inhaltliche Absprachen für die PC – Nutzung treffen, z. B. ein Zeitkontingent für den Internetgebrauch aushandeln, evtl. Zeitschaltuhren oder Sicherungspro-gramme einführen. Evtl. gemeinsam den Ausstieg aus WoW vornehmen. Regeln festlegen und auf Einhaltung achten. Abgesprochene Sanktionen konsequent durchziehen.
Verantwortung abgeben, je älter das Kind, desto mehr. Bei älteren, erwachsenen Betroffenen wirkt meist nur noch eins: die Versorgung einstellen und den Finanzhahn zudrehen,  bitten, auszuziehen, evt. ALG II zu beantragen, evtl. eine Betreuung zu akzeptieren.
Bei aggressiven Übergriffen im Extremfall die Polizei holen und eine Einweisung in eine spezialisierte Klinik erwirken.
Es ist unumgänglich, den Abhängigen, die sich im Ist-Zustand wohlig eingeigelt haben, die Unhaltbarkeit ihres Lebensstils deutlich zu machen, d.h. sinnlich spürbar. Es muss sie aufrütteln, es muss auch wehtun, nur so kann ein Veränderungsprozess beginnen.
Natürlich  führt nicht  jeder Schritt  gleich zum Erfolg. Ein Elternpaar hatte eine Internet-Nutzung nur von 19 bis 23 Uhr durchgesetzt. Daraufhin machte der Sohn keineswegs brav nachmittags seine Hausaufgaben oder andere sinnvolle Dinge, sondern legte sich schlafen, bis es endlich 19 Uhr war  und er WoW spielen konnte.

In einigen Familien hat sich aber doch  etwas bewegt. Einige Mütter verweigern teilweise die Versorgung.  Einige Söhne haben sich Beratungstermine geben lassen.

b) Ein neues Beziehungsklima schaffen, mehr Zeit für gemeinsames Leben, um verloren gegangenes Vertrauen wiederherzustellen und dabei Angebote nicht-virtueller Art versuchen: anregende Unternehmungen, Sport, Abenteuer, Aufgaben, die das Selbstbewusstsein stärken und Anerkennung einbringen.
Diese Offerten, sei einschränkend gesagt, werden bei fortgeschrittener Spielsucht nicht mehr angenommen. Die Betroffenen winken nur müde ab, so unsere Erfahrung. Ein Elternpaar hatte die beiden spielsüchtigen Jungs, 18 und 19 Jahre alt, zu einem Ägyptenurlaub mitgenommen, hoffnungsfroh. Ergebnis: Sie verbrachten einen Tag am Pool, den Rest des Urlaubs hockten sie auf dem Zimmer und sahen fern.
Allerdings sehen echte Herausforderungen anders aus als ein All-inclusive-Urlaub. Ich denke da eher an Wildnis-Überlebenscamps oder Segeltörns, oder auch an Praktika in interessanten Betrieben,

jedenfalls an Aufgabenbereiche, wo Fähigkeiten gefragt sind und  eigenständige Entscheidungen getroffen werden können. Dann finden die Jugendlichen im realen Leben wieder, was sie nur noch im Spiel zu finden glaubten, nämlich ihr eigenes gesundes Selbst.

c) Das eigene emotionale Wohlergehen nicht mehr vom Verhalten des Online-Süchtigen abhängig machen. Für sich selbst sorgen und sich im Alltag stärken mit allem, was einem zur Verfügung steht: Atem- und Entspannungstechniken, Meditation, Spazieren gehen, etc.
Gelassenheit und Optimismus haben auf Dauer Wirkung, zumindest stärken sie uns. Es wird den Abhängigen schließlich nicht besser gehen, wenn es den Angehörigen schlecht geht.

Die Gruppe begleitet die einzelnen bei diesen Versuchen, kleine Erfolge werden beklatscht und gewürdigt. Der große Erfolg, der komplette Ausstieg des Sohnes aus dem Online-Leben, ist bislang in keiner Familie zu verzeichnen. Die Frau, die als Partnerin eines WoW-süchtigen Mannes in unserer Gruppe war, hat sich inzwischen getrennt, immerhin.
Es gibt keine schnellen Rezepte gegen die Computerspielsucht.

Wir  haben einsehen müssen, dass der uns und unseren Söhnen abverlangte
Veränderungsprozess kein Sprint, sondern ein Marathon ist.

Unsere Arbeit war also vorwiegend innenorientiert, sporadisch sind wir auch in der Öffentlichkeit aufgetreten. Inzwischen sind wir Mitglied im neugegründeten Netzwerk Medienabhängigkeit Hannover.

Es gäbe unendlich viel zu tun an Aufklärungsarbeit angesichts der Dimensionen, die die Medienabhängigkeit inzwischen angenommen hat. Wir wünschen uns, dass Eltern, Lehrer, Schulbehörden, Politik und Gesellschaft noch aufmerksamer werden und ihre Handlungsmöglichkeiten ausschöpfen. Denn es geht nicht nur um unsere Söhne, es geht um die gesunde Entwicklung von Hunderttausenden junger Menschen.


Kontakt: SHG-Mediensucht@t-online.de


Als PDF-Datei






 

Geschrieben von: Team-ch am 10.06.2010

 

 


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