<< September 2017 >>
  Mo. Di. Mi. Do. Fr. Sa. So.
>  28  29  30  31 1 2 3
> 4 5 6 7 8 9 10
> 11 12 13 14 15 16 17
> 18 19 20 21 22 23 24
> 25 26 27 28 29 30  1
"Iserlohner Ehrenamtstag"
Am "Iserlohner Ehrenamtstag" sind Wir von SOM mit einem Info-Stand vertreten. Ziel der...
14-10-2017   Details
Sie befinden sich hier:  Startseite / News / Veranstaltungen

Klare Grenzen setzen


3. Berliner Mediensuchtkonferenz 2010   -     Workshop "Eltern aktiv gegen Mediensucht"

Vortrag von Anni Martini
(
Elternkreis Ulm) "Klare Grenzen setzen" (PDF)

"Veränderung und Erziehung ist anstrengend aber das lohnt sich. Um Zukunft leben zu können, müssen wir die Gegenwart gestalten. Für die Zukunft unserer Kinder sind wir heute verantwortlich."


Weitere Vorträge aus diesem Workshop:
- Link Vortrag Martha Reitmayr (Ang.-SHG Hannover) "Nicht mehr (mit)spielen!" (PDF)
- Link: Vortrag Christoph Hirte, rollenspielsucht.de "Sie grölen, saufen, schlägern nicht - sie verschwinden nur einfach, ganz unmerklich"  (PDF)


Weitere Links zur Veranstaltung:
- Internetseite der Veranstaltung
- Weitere Ergebnisse (Vorträge der anderen Workshops) der Veranstaltung  -In Kürze-
- Link zu Nachrichten bei N24 (mit Kurzinterview Christoph Hirte zur Entwicklung von Mediensucht)



Anni Martini:
"Klare Grenzen setzen!"

WeIch möchte mich vorstellen: Ich bin 57 Jahre alt und seit 37 Jahren verheiratet. Meinen Beruf - Medizinischer Dokumentar -habe nach der Geburt meiner beiden Kinder nicht mehr ausgeübt, da unser jüngster Sohn ein ADHS-Kind war und es viele Probleme in der Schulzeit gab. Nachdem er mit ca. 17 Jahren anfing Drogen zu nehmen haben wir erst probiert, dieses Problem allein in den Griff zu bekommen, sind aber damit gescheitert. 2001 haben wir dann Hilfe gesucht und den Elternkreis Ulm  gefunden, eine Selbsthilfegruppe für Eltern deren Söhne oder Töchter drogengefährdet oder drogenabhängig sind. 2003 habe ich die Vertretung der damaligen Leiterin übernommen und 2007 nach ihrem Ausscheiden die Leitung der Gruppe.

Hinterher ist man immer klüger, sagt man. Das bedeutet, dass man das Leben nur rückwärts verstehen kann, aber leben müssen wir es ja vorwärts. Ich möchte hier aus der zusammengetragenen Erfahrung von 40 Jahren Eltern-Selbsthilfe berichten und aufzeigen, welches Elternverhalten am wirksamsten ist, um bei einer Suchtgefährdung oder bei bereits bestehender Sucht zu erreichen, dass der Drogenkonsum erst einmal  reduziert wird und letztendlich ganz aufhört. Ich bin überzeugt, diese Erfahrungen lassen sich für die Prävention von Mediensucht nutzen.

In den letzten Jahren ist bei den Jugendlichen immer häufiger ein riskanter Mischkonsum von Alkohol, verschiedener illegaler Drogen, von Glücksspielen, PC-Spielen und Internet zu beobachtet. Es ist aber auch die Frage aufgetaucht, ob nicht hinter so manchem Cannabiskonsum eine Computerspielsucht steht. Darum haben wir unsere Gruppe für alle Eltern geöffnet, deren Kinder ein Suchtproblem haben, egal welches. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Sorgen und Probleme, die die betroffenen Familien belasten, letztendlich fast identisch sind.
Abhängigkeit trotz Prävention
In unseren Elternkreis kommen Eltern, die sich um ihre Kinder sorgen, die nach bestem Wissen verantwortungsbewusst handeln und gehandelt haben. Ihre Kinder haben Präventionsveranstaltungen in der Schule besucht, und wenn ich von mir ausgehe, waren Drogen zuhause ein Thema, über das man ausführlich geredet hat. Und trotzdem ist einer meiner Söhne von Cannabis abhängig geworden. Warum hat es bei uns nicht funktioniert, trotz Präventionsveranstaltungen, trotz aller Gespräche zuhause? Diese Frage stellen sich alle Eltern, die zu uns kommen.

„Ein gutes Elternhaus, Hobbys und Sport ist die beste Prävention“ wurde damals propagiert. Das ist ein Teil davon, wenn es wirklich so einfach wäre, dann dürften Kinder aus gutem Hause nicht  süchtig werden, tun sie aber doch.

Unser Sohn hat uns einmal gesagt: „Mir konnte doch nichts passieren ich hatte alles, ein gutes Elternhaus, eine gute Wohngegend, ich hatte Hobbys, ich hab Sport gemacht.“ Das jedenfalls war seine Meinung als er anfing Drogen zu probieren.

So ähnlich wie unser Sohn haben jedoch auch mein Mann und ich gedacht, denn dieser Slogan „Ein gutes Elternhaus…..“ hat auch uns glauben gemacht, dass wir mit Geduld und Erklärungen die Gefahr einer Sucht bannen können.
Er ist auch ein Grund warum Eltern bei Suchtgefahr sich nicht trauen richtig hinzuschauen und rechtzeitig Hilfe zu holen. Sie würden dann ja zugeben, schlechte Eltern zu sein, die versagt und ihrem Kind kein gutes Elternhaus gegeben haben. Solche Aussagen können also sehr tückisch sein.

In allen Präventionsveranstaltungen wurde nur informiert  wovon man süchtig werden kann. Ich war nicht darüber aufgeklärt, dass Sucht ein sehr komplexes Phänomen ist, dass es nicht eine Ursache dafür gibt, sondern ein Ursachenbündel von biologischen, psychischen und sozialen Faktoren und dass nicht nur ein bestimmter Menschentyp süchtig wird, oder bestimmte Lebensumstände in die Abhängigkeit führen. Dass Sucht auch nicht urplötzlich geschieht, sondern sich sehr langsam einschleicht,  war mir auch nicht bewusst. Anfangs lässt sich selbst Heroinkonsum noch sehr gut vertuschen.

Mein Mann und ich wussten viel zu wenig über Sucht und haben darum nicht rechtzeitig auf die Gefährdung unseres Sohnes reagiert. Und das beobachten wir bei den meisten anderen Eltern. Wenn allein dem Elternhaus die Verantwortung und die Schuld bei Missbrauchsverhalten von Kindern gegeben wird, werden Versagensängste auftreten und es wird meist zu lange versucht, das Problem auf eigene Faust zu lösen. Mit professioneller Hilfe der Beratungsstellen für die betroffenen Familien und evtl. Selbsthilfe für Eltern, sind die Chancen sehr gut, dass suchtgefährdete Jugendliche in relativ kurzer Zeit wieder zum normalen Leben zurückzufinden.

Nach unseren Erfahrungen sind folgende Verhaltensweisen der Eltern hilfreich im Umgang mit Suchtgefährdeten oder Abhängigen.

1. Klare Grenzen setzten, über die sich beide Elternteile einig sind.

2. Kurze und klare Erklärungen warum ein bestimmtes Verhalten   
   eingefordert wird.

3. Wahrhaftigkeit, Verlässlichkeit seinem Kind gegenüber.

4. Androhung und Durchhalten von Konsequenzen bei Zuwiderhandlung.

5. Loslassen:
    Seinem Kind die Verantwortung für sein Leben übergeben,
    Negatives nicht von ihm fernhalten,
    dem Kind nichts abnehmen, was es selbst erledigen kann.

6. Stärkung der positiven Eigenschaften und Wertschätzung

7. Sich selbst abgrenzen und Abgrenzung des Kindes akzeptieren

All diese Punkte sind ganz normale Erziehungsprinzipien, doch der Alltag hat viele Tücken und es ist gar nicht so leicht, das um zu setzen. Zum einen, weil all diese Punkte, miteinander verflochten sind, zum anderen, weil man dabei oft gegen das verstößt, was landläufig für das Verhalten guter und liebevoller Eltern angesehen wird. Welches die Schwierigkeiten sind, möchte ich hier an einfachen Beispielen aufzeigen.


1.Klare Grenzen setzen, über die sich beide Elternteile einig sind.
 
2. kurze und klare Erklärung warum ein bestimmtes Verhalten 
   eingefordert wird.
 
3. Wahrhaftigkeit, Verlässlichkeit seinem Kind gegenüber


Vor ca. 20 Jahren war das Motto der Präventionsveranstaltungen: Kinder stark machen, um zu Drogen nein sagen zu können. Kinder stark machen, setzt voraus, dass sie schwach sind. Diesen Eindruck habe ich aber nicht, mal abgesehen von Ausnahmen. Ich denke eher, dass heute Eltern gestärkt werden müssen, die sich oftmals nicht trauen, ein klares Ja oder Nein zu sagen, oder eine für ihre Kinder unangenehme Entscheidung zu treffen, und die dann auch durchzuhalten.

Beobachte ich junge Eltern, wie sie mit ihren Kindern umgehen, dann fällt mir auf, dass sie sehr viel und lange erklären, warum die etwas tun oder lassen sollen, die wirklichen Gründe werden aber meist nicht genannt. Ein Verbot oder eine klare Anweisung wird vermieden.  „Wir gehen nicht in den Sandkasten, da ist es nass und davon wird man krank!“ höre ich oft Eltern sagen.

Zum einen: wir gehen nicht in den Sandkasten! Das ist keine klare Ansage. Den Kleinen ist es oft an der Nasenspritze anzusehen, was sie denken, „Du vielleicht nicht, aber ich gehe rein.“ Oft sagen wir in der Kommunikation mit unseren Kindern - aber nicht nur mit ihnen - nicht das, was wir tatsächlich wollen und das führt dann zu Missverständnissen und Irritationen. Eine klare Ansage wäre es seinem Kind zu sagen: „Es ist heute nass! Ich will nicht, dass du  in den Sandkasten gehst und dich schmutzig machst!“

Fatal ist auch die Tatsache, dass dieses Kind heraus kommt und nass und schmutzig ist, aber nicht krank. Die angedrohte Konsequenz ist nicht eingetroffen. Welche Lehre zieht dieses Kind daraus? Was Vater oder Mutter gesagt haben, trifft nicht unbedingt ein, sie sind nicht glaubhaft.

Wirkungsvolle Prävention beginnt meiner Meinung nach im Alltag und zwar schon bei kleinen Kindern. Kinder und Jugendliche wollen testen, wie weit sie gehen können und wo ihre Grenzen sind.

Wie können sie diese aber erfahren, wenn wir ihnen keine setzen? Wem kein nein entgegengehalten wird, der lernt auch nicht mit dem negativen Gefühl um zu gehen, seinen Willen nicht bekommen zu haben. Und da das Leben auch nicht immer fair ist, muss man auch lernen, mit ungerechter Behandlung klar zu kommen. Bei der Fülle von Entwicklungsaufgaben, die Kinder zum erwachsen
werden meistern müssen ist manches mit Misserfolgen und Frustration verbunden. Alkohol, Drogen und auch PC-Spiele können dann zum Hilfsmittel  werden, um sich den negativen Auswirkungen der Realität zu entziehen. Wer nicht mit Grenzen umgehen kann, lernt auch nicht, sich selbst Grenzen zu setzen und ist  stark gefährdet, bei Frustration zu einem Suchtmittel zu greifen.

Von einem ehemals Drogenabhängigen haben wir gehört, „ehrlich gesagt, ich war froh, als meine Eltern endlich angefangen haben, mir Grenzen zu setzten, und sich von mir nicht mehr be- und ausnutzen ließen. Ich habe innerlich oft förmlich danach geschrieen. Als sie sich klar und deutlich verhielten, konnte ich wieder Achtung vor ihnen haben und sie wirklich respektieren.


4. Androhung und Durchhalten von Konsequenzen bei  Zuwiderhandlung

In den Elternkreisen sagen wir immer wieder: Drohe deinem Kind nichts an, was du nachher nicht einhalten kannst oder willst. Es nützt nichts, Regeln oder Verbote aufzustellen, wenn diese nicht eingefordert werden und bei Nichteinhaltung keine Konsequenz folgt. Du wirst sonst unglaubwürdig.

Wenn Eltern das umsetzen, dann wird es auf einmal unbequem, sich nicht an die Regeln zu halten. Genau da beginnt dann das Umdenken der Abhängigen!

Unsere Gesellschaft verlangt nur in Extremfällen, dass Kinder und Jugendliche aus ihren negativen Taten Konsequenzen tragen müssen. Wir haben ein Jugendschutzgesetz, doch nur Erwachsene werden bestraft, wenn sie es nicht einhalten und das auch nicht immer. Kinder und Jugendliche müssen keine Konsequenz befürchten, wenn sie dieses Gesetz übertreten, das zu ihrem Schutz erlassen wurde.

Denken wir an das Komasaufen mit anschließendem Magenauspumpen im Krankenhaus. Jemand der so betrunken ist, dass er sich an nichts mehr erinnern kann, wird von sich aus kaum eine Konsequenz daraus ziehen, er weiß ja nichts mehr. Das zeigt sich auch immer wieder, bei einer Drogenüberdosis. Die Eltern, die Freunde, die den Betroffenen bewusstlos gefunden und mitbekommen haben, wie die Rettungsdienste um sein Leben kämpften, leiden  unter dem Schock, er selbst aber nicht.

Es ist allgemein bekannt, dass es nichts nützt, Regeln auf zustellen, Gesetze zu erlassen, wenn diese nicht eingefordert werden und keine Strafe beim Überschreiten droht. Wir haben viele Gebote und Verbote zum Schutz des Einzelnen und der Allgemeinheit.

Nehmen wir die Straßenverkehrsordnung. Da gibt es z. B. die Anschnallpflicht. Wer sich nicht anschnallt und dabei erwischt wird, zahlt Strafe. Ich schade niemandem, nur mir selbst, wenn ich mich nicht anschnalle. Wir setzen in diesem Fall den Schutz des Einzelnen vor sich selbst durch, denn letztendlich bezahlt die Allgemeinheit die Kosten, wenn es zum Unfall mit schweren Verletzungen gekommen ist.

Ein weiteres Beispiel: 2 vielleicht 11 /12 jährige Buben sitzen auf dem Parkplatz eines Supermarkts mit einer Bierflasche in der Hand und Zigaretten im Mund.

Alle Passanten, ja sogar Polizisten, gehen daran vorbei und tun nichts. Ich habe das selbst beobachtet. Diesen Jungen geschieht nichts, obwohl sie gegen ein Gesetz verstoßen. Warum sollten sie dieses also einhalten?

Schon oft genug habe ich gehört, wir wollen keinen Staat, der alles kontrolliert.
Ich möchte hier keine moralisierende oder bestrafende Haltung einnehmen. Hier geht es nämlich nicht um Kontrolle, sondern um Glaubwürdigkeit.

Kinder und Jugendliche haben ein sehr ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl und denken sehr geradlinig. Wenn wir alle uns nicht klar und deutlich unseren Kindern gegenüber verhalten, indem wir ein Gesetz, das zu ihrem Schutz erlassen wurde, auch durchsetzen, wenn sie uns also nicht einmal soviel Anstrengung wert sind, dann sollten wir uns nicht wundern, wenn sie kein Unrechtsbewusstsein entwickeln und auch keine Achtung vor unserer Gesellschaft haben.

Müssen wir unsere Kinder nicht auch vor sich selbst schützen, wenn sie sich schaden? Es ist bekannt, dass Sucht vom Gehirn während der Pubertät um ein vielfaches schneller gelernt wird, als vorher oder nachher. Letztendlich trägt doch auch die Allgemeinheit die Kosten, wenn es zu einer Abhängigkeit gekommen ist!

Unsere Gesellschaft darf Eltern nicht allein und  im Stich lassen. Sie haben sehr schlechte Karten, Regeln oder Verbote durchzusetzen, wenn diese nicht allgemein gültig sind. „Alle anderen dürfen, nur ich nicht.“ Wer kennt nicht diesen Satz. Die Resignation mancher Eltern, dass sie ihrem Erziehungsauftrag nicht mehr nachkommen, rührt daher. „Ich allein kann ja doch nichts machen!“

Wenn ein ausgesprochenes Verbot nicht eingefordert wird, führt das zu einer  Orientierungslosigkeit der Kinder und wir als Erwachsene werden unglaubwürdig. Wenn erst bei Volljährigkeit Konsequenzen folgen, dann stehen junge Erwachsene da und haben nicht gelernt, damit umzugehen und damit fertig zu werden.


5. Loslassen: Seinem Kind die Verantwortung für sein Leben  übergeben,  
                  Negatives nicht von ihm fernhalten,
                  dem Kind nichts abnehmen, was es selbst erledigen kann.


Wenn ich heute mit etwas Abstand und mit der Erfahrung, die ich im Elternkreis gewonnen habe, die Kindheit unseres Sohnes  betrachte, fällt mir auf, dass er sehr oft eine zu gewährende und zu verständnisvolle Erziehung genossen hat.
Ich wollte die Folgen seiner ADHS-Erkrankung mindern, und Schaden von ihm fernhalten. Dieses zu sehr behütende Verhalten bemerke ich bei vielen Eltern, die in unsere Gruppe kommen. Mütter haben oftmals ein schlechtes Gewissen, weil sie berufstätig sind, oder - und das betrifft auch die Väter - weil die Eltern geschieden sind, wegen eines Umzugs, oder wenn ein Schicksalsschlag die Familie getroffen hat usw. Sie wollen es ganz besonders gut machen und dem Kind gerecht werden. Alle negativen Dinge werden von ihm ferngehalten. Zuhause müssen kaum Aufgaben übernommen werden und oft wird für Fehlverhalten den Umständen die Schuld gegeben.

Kinder durchschauen dieses System sehr schnell und nützen das Verhalten ihrer Eltern aus. Das schlechte Gewissen wird geschürt und dadurch werden sie erpressbar. Wir sagen Eltern haben einen Knopf, auf den Kinder nur drücken müssen und dann funktionieren die schon. Man hält damit ein System am Laufen, das ein bestimmtes Verhalten ermöglicht. Bis zu einem gewissen Grad  ist das normal und in jeder Familie zu beobachten. Kommt jedoch eine Abhängigkeitserkrankung dazu, so wirkt dieses Verhalten Sucht verlängernd.

Dazu kommt, dass die Kinderzeit von unserer Gesellschaft immer länger hinausgezogen wird. Mama macht mit 18/19 noch das Frühstück, räumt auf und weiß stets, was das Beste für ihr Kind ist. Kinder werden überall hingefahren, sie müssen nichts mehr allein erledigen. So machen das heute gute und liebevolle Eltern, sie sind immer für ihr Kind da, haben stets Geduld und Verständnis. Eltern die gestresst sind, müde nach der Arbeit heimkommen, die hat es nicht zu geben.

Kinder und Jugendliche haben soviel Taschengeld zur freien Verfügung wie noch nie, aber sie dürfen noch keine wirklichen Aufgaben erfüllen. Sie wissen also gar nicht, wie Geld verdient wird. Meist sind sie schon

Mitte 20, wenn für sie der Ernst des Lebens beginnt. Alle Liebe und Fürsorge, aber auch alle Erwartungen liegen auf den wenigen Kindern, die heute in den Familien sind.
Sie sind einerseits sehr behütet, andererseits aber auch überfordert und in einer verwöhnenden Abhängigkeit gefangen.

Die Verantwortung für ihr Leben Ihren Kindern zu übergeben ist für Eltern der schwierigste Punkt. „Sie dürfen ja machen was und wie sie wollen“ höre ich oft.
Doch leider steht dahinter die Haltung, „Solange er oder sie das macht, was ich für richtig halte“. Seinem Kind zu erlauben, dass es eigene Wege geht, eigene Lösungen für ein Problem entwickelt, diese ausprobiert und manchmal dabei auch negative Erfahrungen macht, fällt Eltern meist sehr schwer. Man will es vor Schaden bewahren.

Kinder sollten von klein an, an Selbstständigkeit herangeführt werden, man darf ihnen das Leben zumuten (hier steckt das Wort Mut drin) und wer Lebensmut besitzt ist auch lebenstüchtig.

Wenn ich selbstständig handle, werde ich aber auch mal Fehler machen, für die ich nun selbst verantwortlich bin. Auch hier lernt man wieder den  Umgang mit Misserfolgen. Selbstständiges Handeln bringt aber auch Selbstvertrauen und Selbstsicherheit. Unselbstständige Menschen haben jedoch kein Selbstvertrauen oder sie überschätzen sich vollkommen.

Diese Erfahrung aus den Elternkreisen kann ich bestätigen. Erst als wir unserem Sohn die Verantwortung für sein Leben übergeben und nichts mehr für ihn erledigt haben, war er gezwungen, der Realität ins Auge zu sehen und begann, sein Leben in die Hand zu nehmen. Er hat dabei Fehler gemacht, aber aus ihnen gelernt und heute sorgt er selbstständig für sich. Treten Schwierigkeiten auf, so steckt er nicht mehr den Kopf in den Sand.


6. Stärkung positiver Eigenschaften und Wertschätzung

Dazu beigetragen hat aber auch, dass wir ihm immer wieder Mut gemacht, seine positiven Eigenschaften gesehen und sie ihm vor Augen gehalten haben.
Wir haben ihn bei Arbeiten am Haus um Mithilfe gebeten. Selbst in seiner schlimmsten Phase konnten wir uns dabei auf ihn verlassen.

Zu oft werden nur negative Dinge angesprochen und die Kommunikation zwischen Eltern und Kind reduziert sich auf Probleme, wie Schulnoten usw.
Positives wird als selbstverständlich angesehen und gar nicht erwähnt. Wesentlich sinnvoller ist es, die gemeinsame Zeit zu nutzen, um die Lebenswelt des Heranwachsenden zu erkunden, seine Interessen und Erfahrungen zu erfragen.
Damit bringt man ihm Respekt und Achtung entgegen.

Pubertierende Jugendliche in ihrer Umbruch- und Orientierungsphase sind einesteils verunsichert, andererseits fühlen sie sich als Helden. Nach der Pubertät sind sie voll entwickelt und auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit. Dann suchen sie nach Herausforderungen. Sie wollen ausziehen und das Leben anpacken, aber genau das dürfen sie heute nicht.

Von ihnen wird verlangt, dass sie zuhause bleiben und für die Schule büffeln. Früher begann der Ernst des Lebens bereits für 16-17 jährige Burschen. Sie wurden damals als Handwerksgesellen für 3 Jahre in die Welt geschickt und mussten sich allein in der Fremde bewähren. Sie wurden nicht von Mutti gefah-ren. Da waren sicherlich viele negative Erlebnisse und Enttäuschungen zu bewältigen.

Heute haben junge Menschen in diesem Alter meist keine reale Herausforderung und werden immer noch als Kind behandelt. Darum darf man sich nicht wundern, wenn sie sich wie Kinder verhalten und spielen wollen. Dabei besteht die Gefahr, dass sie aus Langeweile und Neugier zu Drogen greifen oder sich in die Herausforderung der PC-Spiele verziehen, die ja genau auf diesem Abenteuerdrang aufbauen.

Es gibt viele kreative Ansätze, dem entgegenzuwirken. Z. B an der Gesamtschule in Winterhude beginnt für die Jahrgangsstufen 8-10 das Schuljahr mit einem 3-wöchigen Abenteuer unter dem Motto „Zeig was Du drauf hast“. Da kann man eine Kanutour machen, ein Popkonzert auf die Beine stellen oder die Alpen überqueren.

Das ist eine reale Herausforderung. Nach der Rückkehr von der Tour über die Alpen vom Königsee nach Bozen wurden die Schüler gefragt, was hat diese Tour dir gebracht: Die Antworten waren: Selbstständig sein, weitermachen können, auch wenn es schwierig ist, nicht aufgeben, Zusammenarbeit, mit wenig Geld auskommen, dass man nie zu schnell gehen darf. Ein Junge sagt sich seither immer wieder. „Mann du hast die Alpen überquert, das kriegst du jetzt wohl auch noch hin “.

Wenn Jugendliche Herausforderungen gestellt bekommen und Selbstständigkeit leben dürfen, gewinnen sie Selbstvertrauen, aber auch Kompetenz und Wissen, um zukünftige Aufgaben im Leben meistern zu können. Sie haben sich bestätigt und sich Respekt verdient. Und wer sich Respekt verdient hat, dem wird auch Wertschätzung entgegen gebracht.

Solche Aktionen werden auch schon seit einiger Zeit von Firmen in der Lehrlingsausbildung gemacht, weil die Auszubildenden die vorher genannten Eigenschaften nicht mehr von zuhause und aus der Schule mitbringen. Therapiestätten für Drogenabhängige machen sich das auch zunutze.


7. Sich selbst abgrenzen und Abgrenzung des Kindes akzeptieren

Eltern von Pubertierenden haben eine verrückte Aufgabe zu leisten. Sie müssen einerseits in der Zeit des Umbruchs und der Reifung ihrer Kinder Halt geben und gleichzeitig loslassen. Die Heranwachsenden müssen ihre eigene Identität suchen und finden und brauchen dazu feste, verlässliche Punkte, auch wenn diese nur dazu dienen, sich daran zu reiben. Ihnen geht es meist gar nicht um konkrete Inhalte, sondern um Opposition. Wenn dann Mütter die beste Freundin, der Vater der beste Freund sein wollen, - wie sich Eltern gerne heute sehen - dann verläuft ihre Protesthaltung im Sande. Weil diese ständigen Auseinandersetzungen mit den Jugendlichen aber auch sehr zermürbend sind, ziehen sich Eltern oftmals in eine Laisser-faire-Haltung zurück.

Sich von den Eltern ab zu grenzen ist in unserer heutigen Gesellschaft aber gar nicht so einfach, wenn selbst 50 jährige noch jugendlich wirken wollen. Die Heranwachsenden greifen zu noch extremerer Provokation und geraten manchmal durch Alkoholexzesse, Zerstörungswut, oder Drogenkonsum sogar mit der Polizei in Konflikt.

Von den Eltern wird aber genauso ein Wandel verlangt, wie von ihren Kindern. Je selbstständiger diese werden, desto weniger Aufgaben bleiben für die Eltern.
Sie haben wieder mehr Zeit für sich selbst übrig, die ausgefüllt sein will. Sie müssen erst wieder lernen, ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche wahr zu nehmen und zu äußern.

Je weniger Kinder in einer Familie vorhanden sind, desto schwerer wiegt dann der Verlust. Für Eltern ist die Ablösung schmerzlicher als für die Jugendlichen, denn sie verlieren den Einfluss und die Kontrolle über ihre Kinder.

Freunde kann man sich suchen, und die wechseln durchaus, wenn man sich weiterentwickelt. Aber Eltern gibt es nur einmal. Darum ist es sehr wichtig, dass die ihre Rolle annehmen und damit ihren Kindern ermöglichen, sich selbst zu definieren und eine eigene Identität zu finden. Sie haben von sich und für ihr Leben eine eigene Vorstellung, die sich meist nicht mit der ihrer Eltern deckt.

In unserer Gruppe haben wir den Spruch:
Ich bin ich und du bist du
Und ich bin nicht auf dieser Welt um so zu sein, wie du mich gern hättest.


Fazit

In Elternkreisen haben wir wieder und wieder beobachtet, wenn Eltern konsequent die genannten Prinzipien eingehalten haben, haben suchtgefährdete oder bereits abhängige Söhne und Töchter meist allmählich ein Bewusstsein für ihr Drogenproblem entwickelt und der Konsum wurde reduziert. Viele haben eine Therapie gemacht und so den Ausstieg geschafft. Ebenso von Bedeutung ist aber auch Wertschätzung zum einen durch Zeit, die dem Kind gewidmet wird, zum anderen, dass seine Eigenständigkeit gewürdigt wird. Mit  der Studie INCANT wurden ähnliche Erfahrungen gemacht - der Therapieladen in Berlin ist daran beteiligt.

Ich bin überzeugt davon, was aus der Sucht herausführt, trägt auch dazu bei, Sucht zu vermeiden.

Wenn es zur Suchterkrankung gekommen ist, muss erst mühsam gelernt werden, mit Grenzen umzugehen und sich selbst Grenzen zu setzen, was z. B. im Umgang mit dem PC sehr wichtig ist. Es muss Konfliktfähigkeit, Besonnenheit, Selbstverantwortung eingeübt werden, erst dann ist man fähig selbst-ständig sein Leben zu leben und in Ordnung zu halten. Darum ist es so wichtig, seinem Kind von klein auf klare Grenzen zu setzen. Damit es lernt, dass alles Handeln Konsequenzen nach sich zieht, für die jeder selbst die Verantwortung trägt.

Prävention ist wie Sucht eine sehr komplexe Sache. Um Mediensucht vorzubeugen, muss Prävention schon bei Eltern von Kleinkindern beginnen, denn der verantwortungsbewusste Gebrauch des PC’s will von klein auf gelernt sein. Eltern müssen sich darüber klar werden, wie viel Verantwortung  auf ihnen liegt - was die Nutzung angeht -, denn Kinder ahmen ihre Eltern nach.
Wie schnell ist eine Stunde vergangen, wenn man im Internet surft?

Detaillierte Elternaufklärung ist hier noch wichtiger als bei Drogen. Dass Heroin und Kokain schädlich sind und süchtig machen weiß jeder, bei Cannabis war es das anfangs nicht, mit sehr schlimmen Folgen.

Es ist auch schon lange bekannt, dass Alkohol in den Händen von Kindern nichts verloren hat, doch Heranwachsenden wird ein Probierverhalten zugestanden. Dass aber Sucht vom Gehirn gerade in der Pubertät um ein vielfaches schneller gelernt wird, als vorher und nachher ist nur in Fachkreisen bekannt.

Eltern müssen wissen, welchen Einfluss PC-Gebrauch auf die geistige und soziale Entwicklung ihrer Kinder hat und sie müssen über die Risiken bei Missbrauch aufgeklärt sein. Die viel gerühmte Kompetenz, die Kinder durch Computerspiele für ihr Berufsleben erlangen, spukt noch immer in den Köpfen zu vieler Menschen, weil eine sehr aggressive Werbung das den Eltern immer wieder suggeriert. Das Medium darf jedoch auch nicht verteufelt werden, wir alle kennen seine Vorzüge und möchten es nicht mehr missen.

Eltern müssen aber auch mehr über die Entstehung und Auswirkung von Sucht wissen, damit sie bei riskantem Konsum genau hin schauen und rechtzeitig einschreiten. Vor allen Dingen muss klar gesagt werden, dass es jede Familie treffen kann, trotz aller Vorsorge und Fürsorge in einem guten Elternhaus.

Das Medium PC fand erst in den letzten 20 Jahren Verbreitung und der Umgang damit  ist gesellschaftlich noch nicht geregelt. Wir leben in einer beschleunigten Gesellschaft, haben ein grenzenloses Maß an Angeboten und Erfolge werden zeitnah gefordert, es muss ganz schnell etwas kommen.

Prävention ist eine gesellschaftliche Aufgabe. *In Spanien konsumieren 41 % der 15-16-jährigen Cannabis, in Deutschland sind es 27 % und in Schweden nur 5 %. *(Quelle: Thomasius, Petersen 2006; Settertobulte, Richter, Richter 2007; Tretter, Werner 2007) In Schweden geht man mit Cannabiskonsumenten auch nicht restriktiver um als bei uns, der Konsum ist aber dort verpönt. Der Konsum eines Suchtmittels hängt also auch von der allgemeinen Einstellung dazu ab.

Gesellschaftliche Änderungen erfordern aber Ausdauer und Anstrengung. Wir haben es geschafft, dass heutzutage die meisten Menschen ins Auto einsteigen und sich ohne nach zu denken anschnallen. Der Rückgang der schweren Verletzungen bei Unfällen hat uns gezeigt, dass die Durchsetzung der Anschnallpflicht richtig war.

Den Umgang mit dem PC zu regeln und der Zugang zu manchen PC-Spielen und zu bestimmten Teilen des Internets darf aber nicht allein in der Verantwortung der Eltern liegen. Es muss sichergestellt werden, dass Kinder vor den schädlichen Auswüchsen geschützt werden. Bei gewalttätigen Filmen wird nur konsumiert, - was schon schlimm genug ist - bei PC-Spielen macht man aber mit. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es für die Entwicklung eines Heranwachsenden vorteilhaft ist, in die Rolle eines Mörders zu schlüpfen,
wie das bei so manchen Spielen der Fall ist.

Ein kompetenter Umgang mit dem Computer und Internet ist auch eine wirksame Gewaltprävention. Und mit gewalttätigen Jugendlichen hatten wir in letzter Zeit genug Probleme.

Veränderung und Erziehung ist anstrengend aber das lohnt sich.
Um Zukunft leben zu können, müssen wir die Gegenwart gestalten.

Für die Zukunft unserer Kinder sind wir heute verantwortlich.

Als PDF-Datei


 

Geschrieben von: Team-ch am 10.06.2010

 

 


E-Mail

Format
Elterninitiative rollenspielsucht.de
Hilfe bei rollenspielsucht.de
diagnose Funk
Kein WLAN an Schulen
Neuigkeiten von Diagnose Funk
Selbsthilfe - Interaktiv von Nakos
Benutzer online: 0, Gäste online: 44