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München Selbsthilfegruppe Angehörige
Selbsthilfegruppe rollenspielsucht / onlinesucht im Münchner Selbsthilfezentrum,...
18-06-2012   Details

München Selbsthilfegruppe Betroffene
Selbsthilfegruppe rollenspielsucht / onlinesucht im Münchner Selbsthilfezentrum,...
20-06-2012   Details

Neu-Ulm Vortrag von rollenspielsucht.de
2 Voträge für Schüler der Staatl. Berufsschule in Neu-Ulm
30-07-2012   Details

Neu-Ulm Vortrag von rollenspielsucht.de
2 Vorträge von rollenspielsucht.de für Schüler der Staatl. Berufsschule in...
31-07-2012   Details

Oberschleißheim Vortrag von rollenspielsucht.de
Vortrag von rollenspielsucht.de In der Jugendfreizeitstätte Planet 'O' in...
18-10-2012   Details
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DAS MACHEN DOCH JETZT ALLE


Onlinesucht in der Familie – Elternbetroffenheit: Referat von Christoph Hirte bei Paritätischen Gesamtverbandin Berlin


Vortrag als PDF-Datei herunterladen



„10 Stunden am Tag vor dem Computer zu sitzen, gehörte zu meinem Tagesablauf. Spielen war keine Nebensache mehr, es war meine Bestimmung. Während dieser 3 Jahre verlor ich meine Existenz. DAS SPIEL NAHM MIR MEIN LEBEN!...... „

Eine Mutter schreibt: „Zur Zeit spielt meine 19-jährige Tochter ca. 9 - 10 Std. am Tag. Sie zieht sich immer mehr zurück. Neulich wurde ein Bewerbungsgespräch abgebrochen, weil sie zu aggressiv war. Wenn Sie nicht spielen darf, rastet sie völlig aus. Neulich hat sie fast unsere ganze Inneneinrichtung demoliert.“


Sehr geehrte Damen und Herren,

dies waren zwei Berichte, wie wir sie tagtäglich seit fast fünf Jahren erhalten.

Vielen Dank für die Einladung, hier beim Paritätischen Gesamtverband sprechen zu dürfen.

Bevor ich aus unserer praktischen Erfahrung mit unseren Selbsthilfegruppen berichte, möchte ich Ihnen im Vorlauf kurz erklären, wie es dazu kam, dass wir uns so intensiv mit diesem Thema auseinander-setzen.


Wir sind dazu gekommen, weil unser ältester Sohn, heute 27 Jahre alt, ehemals Informatikstudent, vor fast fünf Jahren von „World of Warcraft“ abhängig geworden war. Er hatte sämtliche Kontakte nach draußen abgebrochen, seine Wohnung verwahrlosen lassen, hatte sich damals, um uneingeschränkt spielen zu können, exmatrikulieren lassen, hatte Hartz IV beantragt und war auf der sozialen Leiter ganz unten angekommen. Nach einem langen Kampf hat er sich aus eigener Kraft mittlerweile weitestgehend von den Fesseln der Spiele befreit. Von der krankmachenden Exzessivspielerei sind ihm allerdings Depressionen geblieben, die ihm den Einstieg in seine neu erworbene Selbständigkeit immer wieder erheblich erschweren.

Um unserem Sohn helfen zu können, auch um verstehen zu können, was ihm widerfahren war, hatten wir damals versucht, mehr über die nach wie vor nicht als Krankheit anerkannte Onlinesucht in Erfahrung zu

 bringen und hatten uns bei Beratungsstellen, Kliniken, im Internet und bei diversen anderen Stellen intensiv über diese Thematik informiert. Mehr und mehr wurde uns klar, dass dies mit unserem Sohn wahrlich kein Einzelfall ist, sondern dass es mittlerweile in Deutschland laut Sucht- und Drogenbericht der Bundesregierung bis zu 2,8 Millionen Onlinesüchtige und ebenso viele Gefährdete gibt. Hinter jedem Einzelnen steht eine verzweifelte Familie!

Wir beschlossen, mit unserer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, um andere darüber zu informieren, was passieren kann, wenn jemand die Kontrolle über seine PC-Zeiten und damit oft auch die Kontrolle über sein Leben verliert. Wir sind der Meinung: Umfassend informiert zu sein, schützt und kann verhindern helfen. Allerdings scheint die Bereitschaft, sich intensiv mit diesem Thema auseinander zu setzen, noch kaum vorhanden zu sein. Offenbar ist es leichter zu sagen: „DAS MACHEN DOCH JETZT ALLE!

Wir haben damals die Elterninitiative www.rollenspielsucht.de ins Leben gerufen……..

…..   und anderthalb Jahre später den Verein AKTIV GEGEN MEDIENSUCHT e.V.
(
www.aktiv-gegen-mediensucht.de gegründet.

Die Internetseite www.rollenspielsucht.de wurde bis heute über 850.000 Mal aufgerufen. Täglich haben wir auf beiden Internetseiten zwischen 300 und 500 Zugriffe. Der Informationsbedarf ist enorm!

Im August 2008 wurde in der ARD-Dokumentation von Anja Reschke u.a. über unsere Arbeit berichtet und dieser Bericht verstärkte die Hilferufe aus allen Richtungen. Wir brauchten Monate, um die Mails zu bearbeiten.

Die Beiträge in unseren Foren (Erfahrungsberichte von Angehörigen, Spielern und Aussteigern) liefern einen wichtigen Einblick in das, was in vielen Familien los ist im Gegensatz zu diversen Statistiken oder wunderschön formulierten theoretischen Abhandlungen zu diesem Thema.

Durch die vielen Telefonate mit den betroffenen Familien, durch die an uns gerichteten Briefe und den ständigen Erfahrungsaustausch mit Angehörigen und Betroffenen, sind wir tief in diese Materie hineingewachsen und lernen weiterhin tagtäglich dazu.

Austauschforen mit ausführlichen Situationsberichten: bei AKTIV GEGEN MEDIENSUCHT e.V.:
(
Angehörigen-Forum, Aussteiger-Forum, Forum für Alleinerziehende, Betroffenen-Forum, Partner-Forum)

Berichte bei rollenspielsucht.de: aus Familien (420) , Aussteigerberichte (223),  

(Stand: 08.12.2011)

Bereits im Sommer 2007 haben wir einige hundert Suchtberatungsstellen angeschrieben, verbunden mit der Bitte, Fortbildungsmaßnahmen anzuregen, damit der enorm hohe Bedarf längerfristig besser abgedeckt werden kann. Wir haben immer für alle Hilferufenden bundesweit vor Ort eine Beratungsstelle gesucht. Dies hat häufig viele Tage gebraucht und eine Vielzahl von Telefonaten erfordert.

Aus der anfänglichen Zettelwirtschaft wurde nach und nach ein System, und so entstand unser Netzwerk für Ratsuchende, eine umfangreiche, für alle zugängliche Datenbank. Hierfür waren erneut viele viele Anrufe erforderlich, um die Stellen zu bitten, sich selbst dort einzutragen, damit sie schneller gefunden werden können. Mittlerweile gibt es dort über 350 Einträge. 2x im Jahr verschicken wir eine Aktualisierungsbitte. Wenn Ihr Angebot noch nicht eingetragen ist, möchten wir Sie bitten, dies nachzuholen.

 

Unser Netzwerk wurde im März 2011 von der Drogenbeauftragten der Bundesregierung als Projekt des Monats ausgezeichnet.

Seit März 2008 betreuen wir in München eine Selbsthilfegruppe für Angehörige und seit Sommer 2009 auch eine Gruppe für Betroffene. Selbsthilfegruppen können unserer Meinung nach therapeutische Angebote äußerst sinnvoll ergänzen. Der Erfahrungsaustausch mit Menschen, die in der gleichen Situation stecken, holt die Betroffenen und die Angehörigen aus ihrer gesellschaftlichen Isolation. Onlinesucht wird meist von den betroffenen Familien nach draußen nicht thematisiert. Zu groß ist die Scham, in der Erziehung versagt zu haben, zu groß das völlige Unverständnis, das einem von nicht betroffenen Familien oder auch von aktiv Spielenden entgegengebracht wird: Wir hören unentwegt von allen Seiten: „DAS MACHEN DOCH JETZT ALLE“, „das ist doch völlig normal“ und „da kann man ja eh nichts machen.“ Uns wird suggeriert, dass die uneingeschränkte Nutzung von Spielen mit hohem Suchtpotential und die exzessive Nutzung von sogenannten sozialen Netzwerken notwendig und nicht verhinderbar seien.

Was unser gesamtes Thema so schwierig macht, ist die Tatsache, dass der Computer mittlerweile selbstverständlich zum Lebensalltag gehört. Doch es ist nach unserer Überzeugung ein großer Unterschied, ob man ihn als äußerst sinnvolles Werkzeug benutzt oder ihn als Spielzeug missbraucht. Wir möchten aufzeigen, was passieren kann, wenn man die Kontrolle über den PC-Konsum und dadurch vielfach auch die Kontrolle über sein Leben verliert.
 



Ich möchte Ihnen von unserer Selbsthilfegruppe für Angehörige berichten: Unsere Teilnehmer haben auf unterschiedlichste Weise zu uns gefunden. Sie sind entweder durch einen Zeitungsartikel, unsere Internetseiten oder einen Vortrag auf uns aufmerksam geworden oder wurden von ihrem Arzt oder einer Beratungsstelle zu uns geschickt. Meist stehen sie unter enormem Leidensdruck. Durch die über Jahre gewachsene schwierige Situation sind sie am Boden zerstört.

Die Therapeutin einer Reha-Klinik schilderte mir, dass Viele ihrer Patienten mit Herzinfarkt oder massiven Rückenproblemen, Eltern eines onlinesüchtigen Kindes seien – „ihnen wurde das Herz gebrochen oder sie konnten die Last nicht mehr tragen“, sagt sie.

Wir bemühen uns, die Teilnehmer in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken, damit sie wieder handlungsfähiger werden. Wir machen die Erfahrung, dass der Schlüssel zur Veränderung im Wesentlichen bei den Angehörigen liegt.

Bei vielen Müttern ist das Gefühl der Schuld riesengroß. Sie zermartern sich das Hirn, was sie falsch gemacht haben könnten und werden durch diese immense Kraftanstrengung von der produktiven Suche nach Lösungswegen abgelenkt. Die Schuldgefühle werden noch gefördert durch Sätze wie den einer jungen Medienpädagogin:  „Wenn ein Kind genug Liebe und Halt bekommt, kann es nicht mediensüchtig werden“ – ein Schlag ins Gesicht einer jeden betroffenen Mutter. Bedauerlicherweise werden viele Eltern nicht nur im privaten Bereich sondern auch bei diversen Beratungsstellen oder von Jugendämtern mit solchen Aussagen konfrontiert. Wir dagegen animieren dazu, nach vorne zu schauen.

Besonders schwierig ist die Situation bei volljährigen Spielsüchtigen, die noch zu Hause wohnen und sich weder um einen Ausbildungs- oder Studienplatz, noch um eine Arbeitsstelle bemühen. Die bequeme Situation der Rundumversorgung daheim wird den Abhängigen kaum dazu bewegen, eine Veränderung seines Suchtverhaltens aktiv herbeizuführen. Freie Kost und Logis, das Suchtmittel stets verfügbar – ein Paradies. Viele Eltern halten aus lauter Angst, dass ihr Kind vollends abstürzen könnte, diese Ist-Situation lieber aus, statt den Mut aufzubringen, das volljährige Kind vor die Tür zu setzen. Es ist ein langer Weg, sich innerlich an diesen Punkt hin zu arbeiten und wiederum ein langer Weg, das Erarbeitete dann auch umzusetzen. Wird schließlich den erwachsenen Kindern schriftlich –mit Frist- das Zimmer in der elterlichen Wohnung gekündigt oder die finanzielle Unterstützung gänzlich oder in Schritten entzogen, führt dieser konsequente Weg oft zu zeitnaher, positiver Veränderung. Es ist wichtig, dass die jungen Erwachsenen endlich lernen, Verantwortung zu übernehmen.

Wir haben es oft erlebt, dass der Versuch, durch Streichung der Finanzen zwangsläufig ein Umdenken beim Betroffenen herbeizuführen, durch spendable Großeltern oder einen großzügigen Ex-Partner, der das volljährige Kind auf seine Seite ziehen will, unterlaufen wird. Auch hier heißt es immer: DAS MACHEN DOCH JETZT ALLE!“ Nicht selten haben ebenfalls exzessiv spielende Väter ein großes Eigeninteresse daran, die Situation so wie sie ist, zu erhalten, weil sie das Kind als Spielkumpan (Saufkumpan) nicht verlieren wollen.

Eine ganz schwierige Situation entsteht auch, wenn, meist junge Männer, ihren Lebensunterhalt durch Pokern im Internet z.T. „locker“ erwirtschaften. Letztendlich braucht ein Mediensüchtiger nur wenig, um sein Leben zu bestreiten, was Hanna wahrlich bestätigen kann: „Mein Sohn hat sich an seinem 18. Geburtstag von der Schule abgemeldet. Er will jetzt Hartz IV beantragen, sich eine kleine Wohnung nehmen und bis an sein Lebensende World of Warcraft spielen.“

In vielen Fällen zeigt sich, dass sich allein schon dadurch, dass die Angehörigen einen festeren Ton und den Mut zu einer klaren Sprache gefunden haben, bei den Betroffenen eine Veränderung einstellt. Häufig wirkt es sich auch positiv aus, wenn die Betroffenen wissen, dass die Eltern in eine Selbsthilfegruppe gehen. „Aha, gehst Du wieder zum `Rat der Weisen`?“ fragte Fabian seinen Vater, doch letztendlich wirkte er beeindruckt.

Es gibt aber auch Situationen, bei denen sich über Jahre hinweg nichts verändert. Manchmal kommen auch Angehörige, die von uns eine Pille haben wollen, eine Patentlösung nach nur einem Treffen, damit sofort und gleich alles wieder gut ist. Meist kommen sie kein zweites Mal oder vielleicht erst viel später wieder, wenn die Situation daheim vollends eskaliert ist und nichts mehr geht.

 

Das, was die Angehörigen z. T. erzählen, lässt vermuten, dass bei den Betroffenen offensichtlich eine große Sehnsucht besteht, aus der Abhängigkeit herausgeholt zu werden. Folgende Fälle haben uns ganz sprachlos gemacht: Max war in der 10. Klasse durchgefallen, weil er seit zwei Jahren fast ausschließlich nur noch WoW gespielt hatte. Die Mutter hätte am liebsten aus ihrem Bauchgefühl heraus den Laptop des Sohnes konfisziert, doch die Sozialpädagogen der Schule, die Familie, alle sagten, sie ginge das zu streng an, „DAS MACHEN DOCH JETZT ALLE!“, das sei völlig normal und sie dürfe den PC nicht wegnehmen. Nachdem Max zum zweiten Mal durchgefallen war, bat er selbst seine Mutter in seiner Verzweiflung aus eigenen Stücken darum, doch endlich seinen PC weg zu geben. Er wolle die Schule jetzt schaffen. Seine zutiefst erleichterte Mutter stellte fest, dass er seitdem wie ausgewechselt ist, wieder am Familienleben teil nimmt, sanft ist und viel lacht. „Mir ist das Ganze richtig unheimlich“ sagte sie fassungslos. „Da muss doch noch was kommen.“

Erik, der durch drei Jahre WoW das Abitur verpasst hatte, hadert mit seiner Mutter. Sie berichtete uns ganz aufgeregt: „Er hat gesagt, ich hätte es verhindern müssen und wäre nicht streng genug gewesen.“

Ungläubig hörten wir den Bericht von Renate, der Mutter von Bertram. Sie erzählte, dass er sich eines Morgens durch das Demolieren der Wohnungseinrichtung und Androhung von Gewaltanwendung von ihr die Autoschlüssel erpresst und Geld bei der Bank abgehoben hatte. Anschließend fuhr er mit ihrem Auto nach Holland und stellte dieses irgendwo am Hafen ab. Auf der „Suche nach Frieden“, wie er sagte, setzte er mit der Fähre nach England über, um nach einer Woche total abgestürzt, ohne Auto aber auch ohne Laptop zurück zu kommen. Den Laptop hatte er dort einem Pfarrer zur Aufbewahrung gegeben! Vielleicht hat er in seiner Verzweiflung den Laptopentzug durch diese radikale Handlung selbst herbeigeführt?

Mitte 2009 haben wir schließlich auch eine Selbsthilfegruppe für Betroffene angeboten, weil sich die Nachfrage häufte. Eigentlich hatten wir geplant, dieser Gruppe lediglich organisatorisch auf die Beine zu helfen und uns dann zurück zu ziehen, aber bis heute besteht bei den Teilnehmern der Wunsch, dass wir dabei bleiben.

Bisher haben wir hier die ganze Palette der Mediensuchtbereiche erlebt.

Auch zwei und mehr Jahre nach dem Ausstieg kämpfen die meisten immer noch mit Rückfällen und sprechen offen über ihr Gefährdetsein.

THOMAS ist die Sehnsucht nach einer endgültigen Veränderung körperlich anzumerken. Man spürt, wie er kämpft und sich durch konzentriertes Zuhören die Kraft holen will, seine schwierige Situation endlich in den Griff zu kriegen. Traurig erzählt er uns, dass er gestern Abend wieder versucht hat, fürs Studium zu lernen und das dafür unentbehrliche Internet zielgerichtet zu nutzen. Doch wieder war es vier Uhr morgens geworden und er hatte sich im endlosen Surfen völlig verzettelt. „DAS MACHEN DOCH JETZT ALLE ?

MORITZ erzählt sehr eindringlich, dass er mehrere Ansätze gemacht hatte, mit WoW aufzuhören, aber immer wieder schwach geworden ist und doch wieder gespielt hat. Leise sagt er: „Ich habe die Stille einfach nicht ausgehalten.“

BERND hat aus freien Stücken beschlossen, nach drei exzessiven Jahren mit WoW zum Selbstschutz in Zukunft völlig ohne PC, I-Phone und sonstige elektronische Medien zu leben. Völlig begeistert erzählt er uns immer wieder, wie er seit seinem Ausstieg das Leben neu kennen lernt. Wie ein kleines Kind, das seine Umgebung mit allen Sinnen begreift, staunt er über den Wind in den Bäumen, Fahrradfahren bei Regen oder einen grandiosen Sonnenuntergang.

JOHANNES berichtet stolz, dass er das Internet zu Hause für 3 Jahre ganz abgeschafft hat.
Die wichtige Korrespondenz für seine berufliche Selbständigkeit erledigt er im Internetcafé.

KILIAN jedoch sagt mit leiser, verzweifelter Stimme: „Vier Jahre lang war ich gedanklich pausenlos mit dem Spiel WoW beschäftigt, auch bei der Arbeit. Ich war nicht bei mir, sondern ausschließlich in der virtuellen Welt. Selbst heute noch, zwei Jahre nach meinem Ausstieg, fehlt mir das Glücksgefühl, das mir durch das Belohnungsprinzip in WoW einen ständigen Kick garantiert hatte, und noch heute kann ich kein wirkliches Interesse mehr aufbringen für das, was man Hobby nennt. Gegen die Welt von WoW erscheint mir noch heute alles fahl, wie ausgebleicht.“

Nicht alle Teilnehmer sind in der Lage, sich wieder vollständig zurechtzufinden. Manche berichten, dass sie vor dem Abgleiten in die Sucht ein ganz normales Leben geführt hatten, sozial aktiv und ohne gravierende psychische Verhaltensauffälligkeiten. Doch nach Überwinden der Medienabhängigkeit leiden sie zum Teil über Jahre noch an erheblichen Depressionen.

Interessanterweise kommt von beiden Selbsthilfegruppen die Beobachtung, dass viele Betroffene offenbar durch Langeweile immer ausdauernder online waren. Schleichend und fast unmerklich wurde dann die Schwelle zur Sucht überschritten. Der allzeit verfügbare PC macht es allzu leicht, sich für diese bequeme Freizeitbeschäftigung zu entscheiden. Irgendwann scheint es dann völlig normal zu sein, die Freizeit ausschließlich online zu gestalten. „DAS MACHEN DOCH JETZT ALLE.“

Dabei fällt mir immer die Geschichte von Michael Ende ein: mit Momo und den Zeitdieben...

Im Rahmen eines kleinen Sommerfestes haben sich beide Gruppen bereits schon zweimal gemeinsam getroffen. Als jeder in der Runde berichtete, in welcher Situation er steckt und was ihm alles widerfahren ist, konnte man die tiefe, ernste und außergewöhnliche Stimmung förmlich greifen. Den Betroffenen wurde durch die bewegenden Berichte der Eltern das ganze Ausmaß des Kampfes und der Verzweiflung in den Familien bewusst. Die Angehörigen wiederum hingen fast gierig an den Lippen der Aussteiger, in der Hoffnung, ihre eigenen abhängigen Kinder besser verstehen zu lernen und dadurch besser mit der schmerzlichen Gesamtsituation umgehen zu können.
 

Immer wieder empfehlen wir unseren Teilnehmern und denen, die sich telefonisch oder schriftlich hilfesuchend an uns wenden, die Unterstützung von Fachleuten in Anspruch zu nehmen. Manchmal erleben wir aber, dass Hilfesuchende schon „überall“ gewesen sind, doch mit ihrem Problem nicht wirklich ernstgenommen wurden. Auch hier heißt es oft: DAS MACHEN DOCH JETZT ALLE!

Eine alleinerziehende Mutter z.B., bei der sich die Situation daheim massiv zugespitzt hatte, gab erschöpft und verzweifelt das Aufenthaltsbestimmungsrecht über ihren Sohn vorübergehend an das Jugendamt ab und ging selbst für einige Wochen in stationäre Behandlung, weil sie psychisch und körperlich am Ende war. Sie war u.a. bereits etliche Male von ihrem Sohn körperlich massiv attackiert worden. Der 16-Jährige verließ nach wenigen Tagen die ihm zugeordnete WG, hauste allein und ohne Aufsicht in der mütterlichen Wohnung und konnte ungehindert rund um die Uhr im Internet aktiv sein. Nach der Rückkehr aus der Klinik sieht sich nun die ratlose Mutter mit der ungeheuerlichen Tatsache konfrontiert, dass sie sich wohl eine eigene Wohnung suchen muss. Eine Mutter ohne Rechte? Ein Aufenthaltsbestimmungsrecht, über das der minderjährige Sohn bestimmen darf?

Meist fehlt die Vorstellungskraft, was in den Familien wirklich los ist.

Eine andere Mutter war nach ihrer verzweifelten Schilderung, Ihr Sohn säße rund um die Uhr nur noch am PC, mit den lakonischen Worten nach Hause geschickt worden: „Bei uns im Amt läuft der Computer auch den ganzen Tag. DAS MACHEN DOCH JETZT ALLE.“ Die Suche nach Hilfe empfinden viele Angehörige leider immer noch als Farce.

Uns wird auch immer wieder berichtet, dass sich die Zusammenarbeit zwischen dem Therapeuten des Abhängigen und dessen Eltern eher schwierig gestaltet. Selbstverständlich steht der Therapeut unter Schweigepflicht, aber dennoch sollte ein Weg gefunden werden, die Eltern mehr in die neue Entwicklung des Klienten einzubinden. Manche Therapeuten werden von den Abhängigen um den Finger gewickelt und, was die Mediennutzung und die daraus resultierenden Probleme anbetrifft, schlichtweg belogen. So haben Eltern es des Öfteren erlebt, dass der Therapeut sozusagen aus allen Wolken fiel, als sie endlich die Chance bekamen, ihm aus ihrer Warte zu berichten, was sich daheim abspielt. Hier wäre eine produktivere Zusammenarbeit wünschenswert.

Wir sind mit der Mediensucht–Selbsthilfe so stark nach draußen gegangen, weil wir beobachten, dass nicht nur im Bereich der Medienpädagogik und im Bereich der Schulpsychologen und Sozialpädagogen nach wie vor zu wenig Kenntnisse bezüglich der Auswirkungen ungehemmter Mediennutzung vorliegen oder diese vielfach ignoriert werden. Der Satz: „DAS MACHEN DOCH JETZT ALLE!“ ist die Generalabsolution für ungebremstes Spielen, Chatten und Surfen. Werden Mütter von älteren, spielsüchtigen Kindern jedoch im Nachhinein gefragt, was sie getan hätten, wenn sie früher gewusst hätten, wohin die exzessive Mediennutzung führt, ist die übereinstimmende Antwort: „Wir hätten ganz klar eingegriffen und die Mediennutzungszeiten radikal reduziert.“ Häufig hatten sie den Rat etlicher Medienpädagogen befolgt, eher freizügig mit den PC-Zeiten ihrer Kinder umzugehen, um ihnen den erfolgreichen Weg in die berufliche Zukunft nicht zu verbauen. Es darf nicht sein, dass hilfesuchende Angehörige bezüglich der Mediennutzungszeiten ihrer Kinder weiterhin verunsichert werden und sich dadurch die Situation in den Familien verschärft. Hierbei drängt sich immer wieder der Eindruck auf, dass in erster Linie die Interessen der Spieleindustrie, in keinem Fall aber die Interessen der Familien und der Betroffenen vertreten werden. Wir denken, es liegt an uns, auch an uns Eltern, ob wir uns diesem unumkehrbaren Diktat und diesem unkritischen Fortschrittsglaube unterwerfen. Die vielfach theoretischen medienpädagogischen Konzepte können nicht greifen, weil der Sog der neuen Medien die meisten Kinder massiv mitreißt. Der gesunde Menschenverstand bei Angehörigen und Betroffenen wird völlig ausgeblendet.

Eine Mutter schreibt: „Nachdem mein 12 jähriger Sohn vom Gymnasium auf die Realschule gewechselt war (ganz sicher auch ein Nebeneffekt seiner Spielsucht,) wurde eigentlich alles noch viel schlimmer. Wir sind immer mehr und mehr in Streit geraten über die Computer-Zeit, ja, es gibt eigentlich nur ein einziges Thema: Wann und wie lange darf ich an den Computer. Sein Freund darf am Wochenende solange spielen wie er will. (Er ist erst 11!) DAS MACHEN DOCH JETZT ALLE! sagen seine Eltern. Die Tatsache, dass woanders bis zur Besinnungslosigkeit gespielt werden darf, macht es uns nicht leichter!“

 


Das Heroin aus der Steckdose macht mittlerweile generationsübergreifend und  flächendeckend großen Therapie- und Behandlungsbedarf notwendig. Den verantwortlichen Politikern muss noch deutlicher aufgezeigt werden, wie unausweichlich es ist, dafür Gelder zur Verfügung zu stellen. Insgesamt ist eher zu beobachten, dass Gelder gestrichen werden. Wir empfinden es als skandalös, dass dem kontinuierlich zunehmenden Beratungsbedarf in diesem Bereich nicht Rechnung getragen wird, sondern hier immer mehr auf das freiwillige Engagement der Mitarbeiter abgewälzt wird. Wie in anderen Suchtbereichen auch, müssten die Mitverursacher, d.h. die Industrie mit ihren Milliardengewinnen, zur Kasse gebeten werden.

Im Internet gibt es keinen Kinder- und Jugendschutz. Immer mehr Grundschulkinder sind bereits allein und unbeaufsichtigt unbegrenzt im Internet aktiv. Es gibt drei Milliarden Internetseiten mit den Stichworten Sex und Pornographie zur freien Auswahl.  Ist dies ein Mit-Bestandteil der „großen Freiheit?“ Wird hier vergessen, dass vielgepriesene Medienkompetenz psychosoziale Reife erfordert. Jugendliche sind noch nicht in der Lage, sich eigenständig vor problematischen Inhalten zu schützen. Es ist nicht nur Aufgabe der Eltern, ihnen den Zugang dazu zu erschweren. Christoph Möller, Herausgeber des neuen Praxishandbuches zur Internet- und Computersucht, hat in einem Interview den wunderbaren Satz gesagt: „Medienkompetenz beginnt mit Medienabstinenz.“

Auch das in vielen Spielen vorhandene Gewalt- und Suchtpotential müsste bei der Alterskennung zwingend berücksichtigt werden. Browserspiele werden gar nicht bewertet. Es gibt Spiele, die eigentlich gar nicht Spiele genannt werden dürften, weil sie als Trainingsprogramme für Soldaten konzipiert worden sind, um diese auf den Einsatz in Kriegsgebiete vorzubereiten. Oft gehören sie zur Standardausrüstung in den Kinderzimmern. Wir fragen uns, was die Kinder nachts träumen, wenn sie tagsüber stundenlang damit beschäftigt waren, zu töten. Warum bestimmen die Spieleindustrie und die Spieler die Diskussion um die Gewaltspiele? Uns Eltern hat niemand gefragt, ob wir diese Spiele haben wollen und es wird Zeit, dass wir uns klar und kompromisslos entscheiden, sie aus unseren Haushalten zu verbannen. Statt „DAS MACHEN DOCH JETZT ALLE“ ist hier ein klares „ABER WIR NICHT!“ erforderlich.

Durch das Internet und insbesondere durch den missbräuchlichen Umgang damit, wurden Fakten geschaffen, mit denen Viele nicht umzugehen gelernt haben, weder die gigantische Zahl von „verlorengegangenen“ Spielern, noch die verzweifelten Angehörigen. Niemand von uns wurde gefragt, ob wir dies alles überhaupt wollen. Auch der volkswirtschaftliche Schaden, der unserer Gesellschaft durch den Ausfall zahlloser junger Menschen zugefügt wird, macht ein klares und mutiges Umdenken dringend erforderlich.

Viele junge Menschen haben kaum eine Perspektive: Billig-Löhne - 400-Euro-Job - Dauer-Praktikum. Selbst Akademiker werden nur noch befristet eingestellt, stecken in Praktika fest oder finden erst gar keinen Job. Ein Spieler hat uns geschrieben, dass er „keinen Bock hat, für einen Hungerlohn so zu malochen wie sein Vater“ - da würde er doch lieber spielen.

Wir als Elterninitiative rollenspielsucht und als Verein AKTIV GEGEN MEDIENSUCHT hoffen, dass wir aktiv und mutig an dieser Stelle eine Bewusstseinsveränderung mit bewirken können. Wir dürfen nicht länger wegsehen, wenn wir Verantwortung in unserem Umfeld tragen wollen. Bei amnesty international habe ich gelernt: „Wer schweigt, wird mitschuldig“.

DAS MACHEN DOCH JETZT ALLE“ darf nicht mehr als Argument dafür herhalten, dass so Viele - vor allem so viele Kinder- in der virtuellen Welt verloren gehen.                           

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.



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Kontakt und weitere Informationen über:
www.aktiv-gegen-mediensucht.de, www.netzwerk-fuer-ratsuchend.de, www.rollenspielsucht.de









 






 



 

Geschrieben von: Team-ch am 07.01.2012

 

 


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