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        WoW, der Gipfel meiner Computerspielsucht

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Donnerstag, 19.Nov 2015, 11:14

Manuel Benutzer ist offline

Benutzer
Anzahl Beiträge: 5
Mitglied seit: 19.11.2015
Hallo, ich bin Manuel und 28 Jahre alt. Seit ca. zwei Jahren spiele ich kein einziges PC-/Konsolenspiel mehr.

Wahrscheinlich zeichneten sich bei mir bereits während der Kindergartenzeit bestimmte Verhaltensweisen ab, die einen gewissen Suchtcharakter aufweisen. So sah ich mir, damals noch auf VHS, alle möglichen Disney Filme zum xxten Male an und konnte bereits synchron mitsprechen. Im Laufe der Grundschulzeit bekam ich dann einen eigenen Fernseher und ein Super Nintendo in mein Zimmer. Auch mein bester Freund hatte Konsolen (Sega und NES) und irgendwann haben sich dessen Eltern einen PC gekauft, den wir auch nutzen durften. Damals war ich wohl ca. 10 Jahre alt. Angefangen hat es mit Klassikern für den PC wie Hugo, Prinz of Persia, Simon the Sorcerer, Lords of the Realm und Die Siedler und für den Gameboy Kirby's Dreamland und Pok©mon. Dann bekam ich auch meinen eigenen PC und es kamen Titel wie KKND, Die Siedler 2, Heroes of Might and Magic 2+3, Age of Empires 1+2, Caesar 2+3, Pharao, Command&Conquer (Alarmstufe Rot, Tiberian Sun, Alarmstufe Rot 2, Generals) Warcraft 1+2, Diablo 1+2 und schließlich Half-Life hinzu.

Half-Life und dessen Mods Team Fortress, Day of Defeat und Couterstrike führten dann in den folgenden Jahren zu einer Fokussierung des Ego-Shooter Genres. Hier begann ich und mein Freundeskreis auch die ersten LAN-Partys bei uns zu veranstalten, an kleineren Turnieren in Internetcaf©s teilzunehmen oder online gegen andere Teams zu spielen. Es folgten Titel wie Medal of Honor, Return to Castle Wolfenstein, Call of Duty, Battlefield 1942 und Half-Life 2. Ich benenne hier extra die Titel einzeln, um einen ungefähren Eindruck zu vermitteln, wie hoch der Konsum von Computerspielen war. Außerdem geht mit solchen Erinnerungen immer auch eine gewisse Melancholie einher, die leider so gefährlich und verharmlosend ist, wie sie Sehnsüchte nach Befriedigung weckt.

Bis zu diesem Punkt habe ich noch keinen Gedanken daran verloren, mein Computerspielgenuss sei eventuell pathogen oder habe negativen Einfluss auf mich und mein soziales Umfeld, obwohl ich Diablo 2 zu diesem Zeitpunkt schon so intensiv spielte, dass ich bereits sog. "bots" für mich spielen ließ, deren gesammelte Gegenstände ich dann bei ebay verkaufen konnte. Ich war 17 Jahre alt, als die open-beta von WoW veröffentlicht wurde, an der ein Freund und ich teilgenommen haben, bis WoW schließlich im Frühjahr 2005 erschien. Von da an nahm meine Computerspielsucht ein Ausmaß an, das unmittelbare reale Konsequenzen hatte. Meine Noten in der Schule verschlechterten sich zusehends, ich fehlte so oft, dass ich zwei Direktoratsverweise und Attestpflicht erhielt, ich musste die elfte Klasse wiederholen und schaffte mit Ach und Krach das Abitur. Ich hatte zu keiner Zeit eine engere Beziehung zum anderen Geschlecht, mein Zimmer war die allermeiste Zeit in einem verwahrlosten Zustand und andere Hobbys wie Fußballspielen (im Verein aktiv von ca. 7-17 Jahren) wurden vollends aufgegeben. Meine Mutter klagte oft an "ich sei doch schon süchtig", aber ich tat es immer als Überreaktion einer Mutter ab, die eben nicht versteht, wie die Spiele der virtuellen Welt funktionieren. Ich befand mich in einer Abwärtsspirale, in der es nur Sinn machte, sich noch mehr, noch länger, noch ausschweifender mit dem Spiel zu beschäftigen. Dann kam der Wehrdienst.

Ich entschied mich, vielleicht um von dieser scheinbar ausweglosen Situation auch physisch so viel Abstand wie möglich zu gewinnen, für die Deutsche Marine und war von nun an quasi nicht mehr in der Lage, meine Computerspielsucht so auszuleben wie bisher. Gelegentlich spielte ich zwar Singleplayer ein wenig auf meinem Laptop, wenn es die Zeit erlaubte, die bisherigen Ausmaße erreichte ich in dieser Zeit aber nicht.
Nach 13 Monaten verlängertem Wehrdienst kam ich wieder zurück in alte Gefilde und begann ein Studium mit großer Naivität und Überheblichkeit. Der alte Trott war schnell wiederhergestellt, der sein jähes Ende im Studienabbruch nach zwei Semestern und Wiederholung des ersten Lehrjahres der darauffolgenden Ausbildung, schmerzhaften Beziehungsabbrüchen der ersten romantischen Beziehungen und einem geschädigten Verhältnis zu meinem Vater fand, das eine zweijährige "Funkstille" nach sich zog. Das war die Zeit, in der ich zum ersten Mal einem Arzt meine Traurigkeit und Niedergeschlagenheit schilderte. Die Überweisung an einen Psychiater, der mich zwar einmal anhörte und mir anschließend Citalopram verschrieb, brachte keine nennenswerte Besserung. Für eine Psychotherapie war ich noch zu voreingenommen.
Donnerstag, 19.Nov 2015, 11:15

Manuel Benutzer ist offline

Benutzer
Themenstarter
Anzahl Beiträge: 5
Mitglied seit: 19.11.2015
Ich hatte den Ernst der Lage erkannt, jedoch war ich noch nicht bereit, mich ganz vom Computerspielen zu trennen. So schaffte ich es zwar, nach unzähligen De- und Reinstallationen und zwei Verkäufen des Accounts auf ebay und ein paar Wochen/Monate darauffolgender Reaktivierung des als "gestohlen" gemeldeten Accounts, WoW irgendwann komplett den Rücken zu kehren, aber nur indem ich mich auf eine "flexiblere" Art des Konsums beschränkte. So dachte ich, die Reduzierung auf Counterstrike und Heroes of Newerth würde es mir erleichtern, die Kontrolle über den Spielkonsum zurückzugewinnen. Die rundenbasierten Spiele sollten mir mehr Gelegenheiten geben, aus dem Spiel auszusteigen und mich vom PC loszureißen. Diese Hoffnung scheiterte in der folgenden Zeit häufig an einer simplen Ausrede: "Can't quit on a loss, can't quit on a winning streak." Trotzdem schaffte ich es meine Ausbildung abzuschließen, eine Arbeitsstelle zu finden, alten sowie neuen Hobbys im realen Leben nachzugehen und eine tiefenpsychologische Gruppentherapie zu beginnen, die mir bis dato, auch bei anderen Themen, Rückhalt gibt. Ich konnte mich relativ gut beherrschen, solange ich nicht mit dem Spielen begann. Sobald ich jedoch angefangen hatte, verlor ich schnell die Kontrolle über die Spieldauer. Mir wurde zudem bewusst, welchen Einfluss das Spielen auf meine Konzentration, Denkfähigkeit und Stimmungslage nach dem Spielen hatte. Ein Gefühl von Gleichgültigkeit und Aggressivität während man in einem Tunnelblick gefangen ist, in dem alte, sich immer wiederholende Muster abgespult werden, wodurch man in einen tranceähnlichen Zustand versetzt wird. Im Herbst 2013 lernte ich dann meine derzeitige Freundin kennen.

In der Vergangenheit hatte ich schwer unter den gescheiterten romantischen Beziehungen gelitten, was nicht zuletzt auf mein bis dahin quasi nicht vorhandenes Selbstwertgefühl zurückzuführen ist. Umso ernster nahm ich zur Kenntnis, dass der Einfluss des gelegentlichen Spielens auf mich ihr nicht verborgen blieb. Für mich war hier der Scheideweg gekommen, bei dem ich einzig die unbedingte Entscheidung für die Beziehung zu meiner Freundin sah, die ich nicht durch meine Sucht und deren Auswirkungen gefährden wollte.

Seitdem spiele ich nicht mehr. Mein Leben läuft nun in geregelten Bahnen und vor gut einem Jahr habe ich mich entschlossen meine Arbeit auf Teilzeit zu reduzieren und wieder ein Studium anzugehen, mit bisher sehr gutem Erfolg. Es fällt mir leichter nicht in Versuchung zu geraten, solange ich mich mit anderen Dingen beschäftige. Sobald ich aber in irgendeiner Art und Weise in dieser Hinsicht stimuliert werde, spüre ich diesen fanatischen Drang wieder aufglimmen. Ich tue mich immer noch schwer zuzugeben, dass sich diese Maßlosigkeit nicht bessern wird und der einzige Weg zu einem gesunden Leben, wie beim trockenen Alkoholiker, die Abstinenz ist. Vielleicht geht es Anderen anders, ich sehe für mich aber keine wirkliche Möglichkeit eines selbstbestimmten, kontrollierten Umgangs mit Computerspielen, die mir auch während der restlichen Zeit, in der nicht gespielt wird, einen freien und kühlen Kopf sichert. Und so wird es vermutlich ein ewiges Ringen mit der Sucht bleiben.
Donnerstag, 19.Nov 2015, 22:00

der_dau Benutzer ist offline

Benutzer Benutzer
Anzahl Beiträge: 87
Mitglied seit: 10.11.2015
Toll das du da bist Manuel,

ich bin jetzt fast 100 Tage ohne Spielen und ich kenne das nur zu gut.

Ersteinmal aber Respekt, dass du es ohne stationäre Therapie geschafft hast und das du jetzt dein Studium wieder aufgenommen hast.

Geht es dir auch so, dass du gegen alte Verhaltensmuster ankämpfen musst?
Das Grübbeln, ankämpfen gegen lustlosigkeit usw. sprich depressive Verstimmung?
Wie hälst du es mit Fernsehen, Computer, Handy, usw. ?

Das wäre wirklich mal interessant und hilfreich richtig darüber zu diskutieren wie man sich den am besten ablenkt und motiviert.

grüßle



Freitag, 20.Nov 2015, 09:33

Manuel Benutzer ist offline

Benutzer
Themenstarter
Anzahl Beiträge: 5
Mitglied seit: 19.11.2015
Nach über zwei Jahren bin ich aus dem Tief der ersten Phase der Abstinenz heraus. Die Lustlosigkeit und depressive Verstimmung ist eine normale Reaktion auf den Entzug der Suchtsubstanz. Das Belohungssystem ist so auf die virtuellen Reize und Stimulationen getrimmt, dass es harte Arbeit ist, sich im realen Leben wieder schöne Momente zu verschaffen. Alles verliert seinen Glanz und scheint nicht so erstrebenswert zu sein, wie die Erfolge, die man im Spiel erreichen kann. Der Prozess der Umgewöhnung ist lang und mühselig. Ich kann auch nicht sicher sagen, ob man seine neuronalen Bahnen des Belohnungssystems, gerade in den sensiblen Phasen der Kindheit und Jugend, nicht schon soweit verändert hat, dass Glücksgefühle im realen Leben nie mehr die Intensität haben werden, die sie vor oder während der Suchtzeit hatten.

Die beste Art damit fertig zu werden ist die gleiche, wie man eine gescheiterte Beziehung zu einem geliebten Partner beenden sollte.

1. rigoros alle Erinnerungsstücke an die Suchtsubstanz entfernen

2. ablenkende, möglichst positive Beschäftigungen, um den Dopaminspiegel zu erhöhen (Sport, mit Freunden etwas unternehmen, Hobbys pflegen)


Meinen Fernseher habe ich aus meinem Zimmer in's Wohnzimmer gestellt. Denn ja, was soll man denn mit der ganzen freien Zeit anfangen? Natürlich sucht man sich zuerst den nächstmöglichen, einfach zugänglichen Ersatz. Ich bin mir schon so vor gekommen, als bestrafe ich mich selber, da ich mir ja quasi alles was mir Spaß machte, selbst beraubte. Natürlich kann man in der heutigen Zeit ohne PC nicht vernünftig am Arbeits-, sowie sozialen Leben teilhaben, oder zumindest würde ein Verzicht das Leben um einiges verkomplizieren. Solange ich aber keine Spiele auf meinem PC installiert habe, sehe ich in ihm auch keine Gefährdung. Auch weckt er keine Erinnerungen an alte Zeiten.

Ich denke jeder hat seine speziellen Spielsysteme, die in mehr oder eben weniger "stimulieren". Das Smartphone ist in dieser Hinsicht mit Vorsicht zu genießen, da es mit dem harmlosen Anschein eines Telefons, Organizers oder Nachschlagewerk daherkommt, aber im Grunde ein voll funktionsfähiger PC mit kleinem Monitor ist. Aus Interesse hatte ich mir einmal einen Ego-Shooter heruntergeladen, um zu sehen wie flüssig mein Smartphone ihn abspielen kann. Nach kurzer Zeit hatte ich die Lust jedoch verloren und habe es nicht mehr gespielt. Dann wiederum habe ich von Clash of Clans gehört und habe es während einer langen IC-Busfahrt dazu genutzt mir die Zeit zu vertreiben. Schnell habe ich gemerkt, dass Clash of Clans das Potential hat mich süchtig zu machen. Umso schwerer man sich mit der Deinstallation eines Spiels tut, desto eher sollte man die Gefahr riechen und es gleich beenden, bevor man Konflikte im realen Leben produziert.

Auch Facebook, Youtube oder 9gag haben das Potential süchtig zu machen. In meinem Fall trifft dies bisher aber, nach meinem Empfinden, nicht zu.
Freitag, 20.Nov 2015, 09:56

der_dau Benutzer ist offline

Benutzer Benutzer
Anzahl Beiträge: 87
Mitglied seit: 10.11.2015
was du da beschreibst ist quasi das alkoholfreie bier für Alkoholiker.
Ich hab keine spiele mehr, weder aufbdem pc, tablet oder handy.
Ich schaue auch keine lets plays oder sonstige youtube videos die etwas mit spielen zu tun haben.
Auch wenn die leute neben mir wii spielen geh ich weg.
Das Problem ist, man fängt mit einem dieser Beispiele an was nach einiger Zeit zum Rückfall führen könnte.
Dann fängt man nämlich im Unterbewusstsein an zu grübeln und denkt man kann es beherschen.

In meinem Zimmer ist kein Pc und kein Fernseher.
Wenn ich emails checke dann mit dem Handy.
Programmieren und lernen am Pc mach ich in der Uni. Da bin ich ja sowieso jeden Tag und werde dort auch nicht so leicht abgelenkt.
Mein Tablet habe ich verkauft.
Ich hab kurz nach der Reha bemerkt das ich zu viele Filme schaue und ich mich wieder nur ablenke.
Ich hab dann alle Scripte ausgedruckt und nimm die immer mit

Das schlimmste ist eigentlich wie du sagst das Belohnungszebtrum zu stimmulieren.
Wenn ich keinen vernüftigen Tagesablauf hingriege (schlafen, essen,trinken) ist der Tag so im Arsch das ich von Anfang an leer bin und wie in Trance versuche den Tag zu überleben.

Sobald ich mich schleifen lasse rutsche ich in einen kleinen depressiven Teufelskreis.
Anderst als das Verlangen nach Spielen oder Zigarretten hat das nicht abgenommen sondern sich verschärft.

:(
Sonntag, 22.Nov 2015, 14:23

merle Benutzer ist offline

Aktiv-Gegen-Mediensucht Team
Anzahl Beiträge: 782
Mitglied seit: 12.06.2009
Hallo Manuel,

wie der_ dau schon sagte: Schön, dass du da bist. Auch du schilderst sehr anschaulich, wie kontinuierlich du in die Sucht hinein gerutscht und wie schnell du nach dem Wehrdienst wieder in die alten Muster zurück gefallen bist. Das ist wie ein Trampelpfad, der eingegraben ist in dein Hirn und keine neu begehbaren Wege erlaubt. Toll, dass du dich da aus eigener Kraft heraus gekämpft hast.

Du kannst das, was du mit dir erlebst, eins zu eins mit dem Erleben eines Alkoholikers vergleichen. Deine Sucht wird für immer bestehen bleiben. Ein Alkoholiker wird nie mehr etwas trinken dürfen, um die Gefahr eines Rückfalles zu vermeiden - und du wirst das, wonach du süchtig warst (Spiele) zeitlebens meiden müssen, wenn du eine dauerhafte Stabilität erreichen und behalten willst. Es sieht danach aus, dass du generell den Umgang mit dem PC als Werkzeug nicht zu fürchten brauchst. Dein Trigger sind die Spiele. Aus diesem Grund würde ich mir auch keine Hintertürchen über das Handy offen halten. Erstens belügst du dich damit selbst und zweitens hast du ja selber gemerkt, dass auch hier die Gefahr einer erneuten Abhängigkeit lauert.

Ich hatte ein interessantes Gespräch mit einem jungen trockenen Alkoholiker. Er hatte sein Leben nach einer langen Therapie und konsequenter Abstinenz so gut im Griff (so dachte er), dass er sich zutraute, mal ein alkoholfreies Bier zu trinken. So fand er sich auf einem Straßenfest wieder, von Stand zu Stand laufend, um endlich sein 0,0 % Bier zu finden. Kein Stand hatte es und er wurde immer aggressiver und unruhiger, bis ihm bewusst wurde, dass sein Suchtgedächtnis wieder voll aktiviert war. Als er sein alkoholfreies Bier endlich gefunden hatte und trinken konnte, war die Erinnerung an sein Bier von früher plötzlich wieder übermächtig. Er musste einsehen, dass dieser Weg eine Sackgasse war. Hier ging es gar nicht mehr um den Alkoholgehalt, sondern an den für immer im Hirn eingegrabenen Suchtpfad, auf den er ohne Umwege wieder geraten war.

Genau so wird es wahrscheinlich für dich niemals mehr ein kontrolliertes Spielen geben können, egal ob "hochprozentig" oder "0,0 Promille". Finde mit dieser Tatsache deinen Frieden, dann fällt diese quälende Option des "vielleicht kann ich ja doch..." ganz klar weg. Wie gut, dass du im realen Leben so fest Fuß gefasst hast, dass du nicht vor einem großen Loch stehst. Und wie gut, dass du mittlerweile so sensibel in der Lage bist, die "Gefahr" zu riechen, wenn du in Versuchung gerätst.

Ich grüße dich herzlich.
Merle

Montag, 23.Nov 2015, 12:27

Manuel Benutzer ist offline

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Anzahl Beiträge: 5
Mitglied seit: 19.11.2015
Sehr interessant, dass du meinen Trigger, die Spiele, vom PC oder dem Handy abgegrenzt und den Begriff "Suchtpfad" verwendet hast. In gewisser Weise war mir das natürlich selbst schon klar, aber nichts desto trotz hast du mich damit auf etwas aufmerksam gemacht. Mein Suchtgedächtnis ist allem Anschein nach nicht nur auf Computerspiele fixiert, sondern lässt sich von ähnlichen Spielen in der realen Welt, mit ähnlichen Spielsystemen und -mechanismen, aktivieren. Offenbar reagiere explizit auf eine bestimmte Art von Spiel mit Suchtverhalten. So habe ich vor kurzem erst das Brettspiel Siedler von Catan kennengelernt und war sofort Feuer und Flamme. Ich spüre es irgendwie, wenn der Eifer im Spiel und die Lust am erneuten Spielen, sich über den normalen Spaß hinwegsetzt.

Meiner kurzen Recherche zufolge müsste es das Genre des Strategiespiels sein, deren Entwickler im Laufe der Zeit auch Elemente aus anderen Computerspielgenres in ihr Spielsystem integrierten oder es in weitere Subgenres ausdifferenzierten (Actionspielgenre/Hack&Slay z.B. Diablo; Rollenspielgenre/MMORPG z.B. WoW; Echtzeitstrategie/MOBA z.B. HoN; Rundenbasierte Strategie/TBS z.B. HoMaM).
Die Ego-Shooter (v.a. Taktik-Shooter) haben in meinem Lebenslauf zwar auch eine entscheidende Rolle eingenommen, jedoch würde ich deren Konsum mit dem von Instant-Kost vergleichen. Das richtige Festmahl waren immer die Strategiespiele, mit deren Storyline, Aufbau- und Entwicklungsmechanismen (siehe C&C, Diablo, Warcraft, WoW etc.). Wahrscheinlich ist es mir auch nur deshalb möglich gewesen, mich trotz des doch alltäglichen Konsums von Counterstrike und HoN , wieder mehr auf Dinge im realen Leben zu fokussieren.

So ist es nicht verwunderlich, dass ich auf Clash of Clans und Siedler von Catan anders reagiere, als auf einen beliebigen Ego-Shooter, Mensch ärger' dich nicht oder Kniffel . Die "nicht-virtuellen" Suchtauslöser haben zum Glück noch eigene externe Kontrollmechanismen. Man braucht halt erstmal genug reale Spieler um es überhaupt spielen zu können und man befindet sich im unmittelbaren, direkten Kontakt mit dem Gegenüber, wodurch die offene Darbietung des eigenen Suchtverlangens schämig zu kaschieren versucht wird. Man könnte diese Suchtauslöser, um deiner Analogie treu zu bleiben, also als meine 0,0% Variante von Strategiespielen bezeichnen. Hochprozentig oder nicht, der Suchtpfad ist der gleiche. Ich weiß, dass ich mich da auf einem schmalen Grad bewege, aber diese Form der Selbstkasteiung fühlt sich für mich derzeit noch sehr übertrieben und irgendwie ungerecht und dogmatisch an. Ich bin natürlich auf der Hut und baue auf externe Kontrollmechanismen, aber dass ich mit dem Feuer spiele, ist mir durchaus bewusst.
Montag, 23.Nov 2015, 14:14

Manuel Benutzer ist offline

Benutzer
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Anzahl Beiträge: 5
Mitglied seit: 19.11.2015
Ergänzung: Um die Online-Version von Siedler von Catan mache ich natürlich einen großen Bogen.
Dienstag, 24.Nov 2015, 17:04

merle Benutzer ist offline

Aktiv-Gegen-Mediensucht Team
Anzahl Beiträge: 782
Mitglied seit: 12.06.2009
Hallo Manuel,

ja, du spielst mit dem Feuer. Aber vielleicht brauchst du es momentan noch, genau auszuloten, was für dich möglich ist und was nicht. Ich möchte das mit einer Allergie vergleichen. Wer z.B. gegen Hühnereier allergisch ist, muss ja abtasten, ob er für immer jegliches Ei meiden muss, oder ob er es vielleicht in gebackener Form im Kuchen bis zu einem gewissen Grad verträgt, bis sich allergische Symptome zeigen. Er wird versuchen, heraus zu finden, ob das eine Ei im Hackbraten für ihn machbar ist oder ob er grundsätzlich ganz und gar als Bestandteil und Ingredienz darauf verzichten muss. Ich halte dich für mittlerweile stark genug, dieses Austarieren hinzubekommen, ohne gänzlich wieder in die Suchtfalle zu tappen. Es ist aber ein schmaler Grat und nur für eine gewisse Zeit zu empfehlen, bis du dir ganz darüber im Klaren bist, was genau du meiden musst. Dann aber schließe deinen Frieden damit und trage Sorge, dass du dein Suchtgedächtnis nicht immer wieder zum Leben erweckst und die ganze Problematik damit am Laufen hälst. Es wird zwar niemals mehr für immer verschwinden, aber ich bin überzeugt davon, dass es mehr und mehr verkümmert, wenn es keinerlei Nahrung mehr erhält. Auch du kommst dadurch im Laufe der Zeit an einen Punkt, an dem dies alles in dir nicht mehr so omnipräsent ist. Das sollte dein Ziel sein.

LG Merle


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