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        World of Warcraft und ein Neubeginn

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Freitag, 12.Aug 2016, 13:39

Dasbinich Benutzer ist offline

Benutzer
Anzahl Beiträge: 2
Mitglied seit: 12.08.2016
Einen schönen guten Tag an alle,

Mein Name ist H., ich bin 25 Jahre alter Student und ich hatte eine bedeutende Zeit lang auch das Problem der Mediensucht. Klassisch war dies bei mir durch World of Warcraft bedingt, weshalb ich euch erzählen möchte, wie das bei mir kam und wie ich es geschafft habe dem Teufelskreis zu entkommen.

Alles fing damit an, dass meine Eltern mit mir und meinem Bruder umgezogen sind. Damals war ich 11 Jahre alt und habe auch recht schnell in der Schule und im Ort Anschluss gefunden. Als ich 12 Jahre alt war, haben Freunde von mir in der Schule mit World of Warcraft angefangen und so war es nur eine Frage der Zeit, bis ich es auch mal ausprobierte. Es ging alles recht schnell und man hatte sich einen Charakter geschaffen, mit dem man sich identifizieren konnte und durch die bunte, digitale Spielwelt rannte. Ich wurde innerhalb zweier Jahre recht erfolgreich in dem Spiel und das integriere Sozialsystem ("gemeinsam" in die Schlacht ziehen etc.) führte dazu, dass ich mich zunehemend isolierte. In der Schule sprach ich nur noch mit Freunden, die das selbe Spiel spielten und es war unser einziges Gesprächsthema. So ging es drei Jahre lang.

Meine Eltern haben den Onlinezugang stets via Zeitschaltuhr beschränkt. In der Woche konnte ich von 18-22Uhr spielen und am Wochenende von 14-23Uhr. Letztendlich führte diese Begrenzung allerdings bei mir dazu, dass ich gegen Ende, mit 15, den ganzen Tag zuhause hockte und mir die Zeit vertrieb, bis endlich die Zeitschaltuhr wieder grünes Licht gab. Ich kann an dieser Stelle Familien nur empfehlen das selbe zu tun, da diese Zeit ohne Spiel doch erschreckend viel Zeit zum Nachdenken bringt und wenn man den 4. Nachmittag in Folge zuhause hockt und wartet, dann hat man einige Zeit zu überlegen. Auch mussten am Wochenenden zunehmend die Essenszeiten nach meinem Spiel "getimed" werden. Ich hatte meinen Eltern klar gesagt, wann ich 20 Minuten Zeit habe, um etwas zu essen. Meine Eltern haben zu diesem Zeitpunkt vermutlich noch nicht das Ausmaß dieser Sucht erkannt und haben deshalb oft mitgespielt, auch weil sie mit meinem Bruder beschäftigt waren, der krankheitsbedingt oft mehr Aufmerksamkeit brauchte.

Als ich dann kurz vor meinem 16. Geburtstag stand, stellte sich mir die Frage, wer überhaupt von "meinen Freunden" kommen würde. Ich habe zwar noch so etwas wie einen Freundeskreis gehabt, wobei es eigentlich mehr der meines Bruders gewesen ist. Ich vertraute mich einem der wenigen Freunde an, die ich noch hatte und beichtete ihm, dass ich mich vor meinem Geburtstag fürchtete, zumal der 16. ja oft als DAS erste Ereignis bei Heranwachsenden ist. In Gesprächen mit diesem Freund entschloss ich mich dazu meinen Account nicht nur zu löschen, sondern auch sämtliche Charaktere mit ihm. Im nachhinein kann ich darüber schmunzeln, aber ich saß wirklich vor meinem Computer, löschte alle Charaktere und habe dabei bitterliche Tränen vergossen. Ich wusste einfach nicht, wie es weitergehen sollte.

Und danach kam die Zeit des "kalten" Entzugs. Ich wurde in der Schule ein Außenseiter. Mit den vorherigen Klassenkameraden konnte ich nicht mehr reden, da der Gesprächsstoff fehlte. Bei den anderen war ich schon als "WoW-Suchti" bekannt und die hatten dementsprechend auch wenig Verlangen sich mit mir abzugeben. Dennoch schaffte ich es nach und nach durch Sport (Sportvereine sind eine herausragend gute Möglichkeit, um wieder Kontakte zu knüpfen) und meinen Bruder mir einen Freundeskreis aufzubauen. Mein 16. Geburtstag wurde auch keine Lanparty, sondern wirklich eine Feier, zu der auch einige Leute kamen.

Dennoch gab es so etwas wie ein unangenehmes Nachspiel. In dieser angreifbaren Zeit geriet ich an die "falschen" Freunde und wir driffteten gemeinsam in eine ungünstige politische Richtung ab. Es war nicht übermäßig schlimm, wir begannen keine Straftaten, aber dennoch hätte dies der Wendepunkt werden können, an dem sich alles dem Schlechten [...]




Freitag, 12.Aug 2016, 13:39

Dasbinich Benutzer ist offline

Benutzer
Themenstarter
Anzahl Beiträge: 2
Mitglied seit: 12.08.2016
zuwendet. Aber auch diese Phase ging vorbei. Dennoch soll dies deutlich machen, dass es auch hätte anders laufen können. Jegliche radikale Gruppierungen, egal ob politisch oder religiös, können sich solche junge Menschen sehr leicht zu eigen machen. Das "Wir-Gefühl", welches durch WoW zerstört wurde, kann dort erschreckend leicht wiederhergestellt werden. "Komm zu uns und du bist ein Teil unserer Gemeinschaft" und wenn man sich dazu entschlossen hat den Absprung zu schaffen, so wollte zumindest ich nichts anderes als wieder dazu zu gehören!

Aber das Leben ging weiter. Einen selbstständigen, eigenen Freundeskreis habe ich erst aufgebaut, als ich mein Studium begonnen habe. Die zwischenmenschlichen Erfahrungen, die ich nach dem Absprung von WoW allerdings gesammelt habe, haben den Aufbau eines neuen Freundeskreises erst ermöglicht. Auch bin ich aktuell in meinem Studium sehr erfolgreich und habe seit 4 1/2 Jahren eine bildhübsche, intelligente Freundin gefunden. Sie hat mir einmal gesagt, dass als ich sie kennenlernte wie ein trauriger Mensch wirkte und sie hat durchaus recht gehabt. Auch heute vebringe ich noch viel Zeit am Computer, allerdings habe ich mir den Grundsatz gelegt, dass nie wieder soziale Beziehungen darunter leiden dürfen, was ich bis heute eingehalten habe. Auch beschränke ich mich bei der Spielwahl auf rundenbasierte Spiele, wie zb Counterstrike, da dort das aufhören problemlos möglich ist. Rollenspiele wie World of Warcraft spiele ich auch gern, allerdings nur solche, die offline spielbar sind. Vor einiger Zeit habe ich übrigens an meiner Uni einen meiner ehemaligen "Weggefährten" aus WoW-Tagen getroffen, der mir berichtete, was aus dem Rest geworden ist. Es ist denjenigen, die das Spiel nicht aufgegeben haben oft nicht gut bekommen. Er sagte mir im Vertrauen, dass er das Gefühl habe, dass ihm "Seine Jugend fehlt". Also Ereignisse, wie das erste mal verliebt sein, den ersten Absturz haben, das erste mal Feiern geben usw. Niemand ist im Nachhinein glücklich darüber seine gesamte Jugend vor dem Computer verbracht zu haben!

Ich möchte an dieser Stelle den Betroffenen eine handvoll Ratschläge geben. Zum ersten ist eine Begrenzung der Onlinezeit immer sinnvoll. Egal wie groß das Geschrei sein wird, am Ende wird sich dies auszahlen, da dort Räume zur Selbstreflexion geschaffen werden. Zweitens ist es enorm hilfreich die Betroffenen wieder in ein soziales Gefüge einzubinden, z.b in Form eines Vereins (ob Sportverein oder Interessensverein, Kirche oder Schützenverein ist unerheblich), damit diese wieder ihr eigenes Potenzial erkennen können ("Ich kann auch außerhalb von diesem Spiel was erreichen!". Zum dritten erscheint es mir einleuchtend, dass man Betroffene auf "Schlüsseldaten" hinweist. Das wären z.b. der 16. 18. oder 21. Geburtstag etc. Die Frage wer denn kommen würde, da man sich ja schon darauf freut, löst oft Angst aus. Das kombiniert mit Zeit zum Nachdenken hat bei mir zu dem Entschluss geführt mit WoW aufzuhören! Zum vierten sollte in der Zeit "nach der Sucht" zumindest deutlich gemacht werden, dass der Betroffene nicht allein ist. Besonders die Eltern sollten zudem ein Auge darauf haben, mit wem sich der Sohn oder die Tochter umgibt. Also die Freunde kennen lernen ist eine Absicherung, um ein Abdrifften in die nächste Katastrophe zu vermeiden. Und als letzten Rat kann ich nur geben: Ruhe bewahren. Wenn mich damals jemand vom PC geholt hat, der selbst bereits aufbrausend war, dann hat das nur zu einer explosiven Mischung geführt, die alle hat "ausrasten" lassen. Dies sind alles Eindrücke, die auf meiner Wahrnehmung basieren. Ob sie auch bei anderen hilfreich sind, wage ich nicht zu prognostizieren, allerdings möchte ich gerne andere davor bewahren, dass 3 Jahre eines Spiels sich auf 10 Jahre des eigenen Lebens auswirken. Es ist schwer diesen Weg zu gehen und es ist beim besten Willen auch nicht leicht auf einmal "allein" da zu stehen, aber es lohnt sich so sehr!

Ich hoffe ich konnte euch einen Einblick in das Leben eines "WoW-Suchtis" geben können und vielleicht hilft es euch ja irgendwie in einer Situation einmal weiter.

H.
Freitag, 19.Aug 2016, 21:06

merle Benutzer ist offline

Aktiv-Gegen-Mediensucht Team
Anzahl Beiträge: 788
Mitglied seit: 12.06.2009
Hallo,
ich finde es toll, dass du uns deine Geschichte erzählt hast und hoffe, dass deine Zeilen von Vielen gelesen werden. Es ist beachtlich, dass du ganz aus eigener Kraft den Weitblick hattest, zu erfassen, was aus dir werden wird, wenn du nicht die Reißleine ziehst. Wo stündest du wohl jetzt mit dir und deinem Leben, wenn du nicht aufgehört hättest mit WoW? Eine interessante Frage.......
LG Merle
Samstag, 3.Sep 2016, 03:35

Vedrfölnir Benutzer ist offline

Benutzer Benutzer
Anzahl Beiträge: 194
Mitglied seit: 03.06.2013
Schön dass du dich nicht mehr fessel lässt!



“The only way to deal with an unfree world is to become so absolutely free that your very existence is an act of rebellion.”
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