Ich war traviansüchtig!
Zur Ergänzung meines "Werdegangs" poste ich hier noch meinen Beitrag aus rollenspielsucht.de:
Ich bin Angestellter, 41, verheiratet und Vater von 2 süßen Kindern (2 und 5), da sollten die Prioritäten eigentlich klar sein.
Dennoch gelangte ich August 2008 über ein Werbebanner auf die Seite von travian.de; eine neue Welt würde dort eröffnet, hieß es. Ich war interessiert und eröffnete einen Account.
In nur leicht abgeschwächter Form bietet Travian alle Suchtpotentiale, die auch WoW bietet.
Man fängt klein an, durch Kämpfe und Raubzüge wird man stärker und größer, mit Geld kann man das Wachstum seines Alter Ego beschleunigen und in einer "Ally" (Allianz, Gilde) kämpft es sich gleich nochmal so schön und man findet virtuelle Freunde.
Der böse Mechanismus in Travian liegt darin, dass man jederzeit angegriffen werden könnte, was dazu verleitet, möglichst oft online zu sein, um zu checken, ob gerade ein Angriff eintrudelt, dem man entsprechend begegnet.
Mit zunehmendem Spiel werden die Anforderungen der Ally auch stärker. Da trennt sich schnell die Spreu vom Weizen. Wer "ernsthaft" mitspielen will, solle sich Skype zulegen, jederzeit erreichbar sein, am besten jederzeit online gehen können und wenn man mal wirklich nicht kann, einen "Sitter" (anderer Travianspieler mit eingeschränkten Rechten) benennen, der bloss aufpassen soll, dass dem Account und der Ally kein Schaden entsteht.
Vielleicht liegt es an meinem Drang, gern zu gewinnen oder der Freude daran, in einem Ranking stetig aufzusteigen, aber auch ich als gestandener Erwachsener war nach wenigen Wochen dem Spiel erlegen.
Mit jedem weiteren Dorf, das ich gründete und mit jeder neu gebauten Truppe erhöhte sich der Zeitbedarf, diese auch optimal zu betreuen. Was mit einer harmlosen Stunde am Tag anfing ("nur eine Flasche Bier am Tag"

, wurde zur tagesbestimmenden Obsession.
Du wachst morgens auf und Dein erster Gedanke ist: bin ich in der Nacht wohl überfallen worden?
Wo ist der nächste Computer!
Dann der nächste Gedanke: morgens um 5:30 sind nur wenige Travianspieler online. DIE Gelegenheit, ein paar gegnerische Dörfer auszuplündern. Das ewige Schicken von Truppen zur Mehrung des eigenen Reichtums gerät dann auf Dauer zum eigentlichen Zeitfresser.
Das Gemeine an Travian ist, dass es mit einer niedlichen Grafik ähnlich der von "Die Siedler" und mit ähnlichen Features aufwartet. Alles dreht sich um Korn, Lehm, Eisen und Holz, woraus man alles bauen kann. Auch wird auf das Animieren der Schlachten und Raubzüge gänzlich verzichtet.
Dadurch ist es auf dem Bildschirm immer sehr ruhig, aber der "Krieg" findet trotzdem im Kopf der Spieler statt. Sollte ein Kind oder Lebensgefährte also versuchen, Sie zu beschwichtigen, "guck mal, ist gar nicht aggressiv und nach ein paar Klicks bin ich fertig", seien sie gewarnt, Travian hat enormes Suchtpotential.
Ich habe im Spiel viele kennen gelernt, die gerne aufhören würden, es aber nicht schafften.
Bei mir ist die Situation in 12 Monaten soweit eskaliert, dass meine Frau mir mit Scheidung gedroht hat und mein Chef mir empfahl, mal professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Was war in 12 Monaten passiert?
Ich war dermaßen viel online, dass alles andere unwichtig wurde.
Morgens vor dem Duschen schnell Account checken, erste Truppen schicken.
Nach den Duschen gucken, was passiert ist, Truppen nochmal schicken;
möglichst so, dass sie erst zurückkommen ins Dorf, wenn ich auf der Arbeit bin.
Auf der Arbeit gehts dann weiter. In jedem unbeobachteten Augenblick wird gezockt,
man ist ja nur ganz kurz drin und schnell wieder draußen!
Manchmal verzichtet man auf das gemütliche gemeinsame Mittagessen mit den Kollegen, um 30 Minuten länger on sein zu können.
Kaum zuhause angekommen, wird jeder freie Moment genutzt, kurz an den Rechner zu flitzen.
Zu diesem Zwecke stand irgendwann immer der Laptop im Wohnzimmer, damit ich nicht immer
zum Desktop unters Dach rennen musste.
Schlimm dann auch die langen Phasen, bis man endlich ins Bett geht - teilweis bis 24 oder 1 Uhr vor dem Schirm, obwohl am nächsten Tag früh die Arbeit ruft.
Und wenn man mal nachts auf Toilette geht, kann man ja mal eben gucken, wie es läuft.
Meine Frau und mein Chef haben diesen Abstieg sehr deutlich wahrgenommen, ich nicht.
Wie bei jeder anderen Sucht habe ich mir ein Gerüst aus Ausreden, zusätzlichen Gelegenheiten der Suchtbefriedigung und -ganz schlimm- Lügen zusammengebaut. Ende August 2009 habe ich beide Accounts gelöscht bzw. weitergereicht. Das Befreiungsgefühl war enorm!
Sooo viel freie Zeit auf einmal!
Daher mein klarer Appell:
Löscht Eure Accounts, verkauft oder verschenkt sie, aber trennt Euch!
Sicher besteht immer die Gefahr der Neuanmeldung, aber wer erstmal so weit ist, ist auch bereit, den nächsten Schritt zurück ins Leben zu gehen.
REAL LIFE statt SECOND LIFE !