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        Noch ein Spielsüchtiger

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Dienstag, 12.Jan 2010, 03:24

Johann Benutzer ist offline

Benutzer
Anzahl Beiträge: 4
Mitglied seit: 12.01.2010
Hallo,
ich bin 22 Jahre alt, studiere und bin spielsüchtig.
Ich muss mir meine Geschichte von der Seele schreiben, keine Ahnung ob das jemand liest.

Als Kind hatte ich kaum Zugriff auf Video-/PC-Spiele, und wenn, dann nur in einem von meinen Eltern definierten begrenzten Zeitrahmen. Das funktionierte eigentlich recht gut, bis ich dann einmal genügend gespart hatte und einen Gameboy Advance kaufte. Später folgte eine Spielkonsole und wieder etwas später der eigene PC. Ich spielte immer gern und viel, was meinen Eltern Missmut bereitete. Wenn sie mit mir darüber reden versuchten, hörte ich mir alles schweigend und gelangweilt an und ging danach wieder spielen.

So richtig ging es aber erst so um das Abitur los. Damals bekamen wir erstmals Internet zuhause und irgendwie kam ich auf das Browsergame freewar. (Artikel darüber im Forum -> http://www.aktiv-gegen-mediensucht.de/thema/248/103/1/freewar/ ) Ich spielte meistens von Mitternacht bis halb sechs in der Früh, damit meine Eltern nichts bemerkten und mich dann rügten.
Mit der Zeit registrierte ich mich bei immer mehr (kostenlosen) Browsergames, ua Die Stämme und Ogame. Um browsergameübliche Wartezeiten besser zu nutzen, meldete ich mich bei noch mehr Spielen an... Kampf um Mittelerde, Travian und einige, deren Namen ich schon vergessen habe. Irgendwann hatte ich einen voll ausgefüllten Tag, der nur darin bestand, jeden Tag so viel wie möglich in allen Spielen zu erreichen.
Irgendwann merkt selbst der größte Idiot, dass das nicht so weitergehen kann. Zu der Zeit fand ich eine Arbeitsstelle als technischer Zeichner. Nach zwei Wochen wurde ich wieder entlassen, da ich jeden unbeobachteten Moment genutzt hatte, um diese verdammten Browsergames zu spielen.
Erst als ich zuhause saß, mit dem Entlassungsschreiben in der Hand wurde mir bewusst, wie ich mein Leben und meine Zeit verschwendete. Ich musste deswegen sogar heulen aber meine Eltern belog ich über den Entlassungsgrund. Ich hätte ihre Enttäuschung nicht ertragen können.
Ich löschte fast alle meine Accounts und legte zwei (freewar, ogame) auf Eis. Ich schaffte es nicht, diese beiden zu löschen, da ich schon so viel investiert hatte.

Wer jetzt glaubt, dass es aufwärts ging, irrt, das war nur die erste Phase.
Irgendwann dann, fing ich mit dem Browsergame Arthoria an (Artikel darüber im Forum -> http://www.aktiv-gegen-mediensucht.de/thema/330/103/1/arthoria/ ). Ich hatte die Seite den ganzen Tag geöffnet und ging immer wieder mal am PC vorbei und machte ein paar Klicks oder chattete mal rum. Wenn niemand zuhause war, war ich sowieso den ganzen Tag im Internet. Ich spielte zwar "nur" Arthoria und ogame aber trieb mich auch viel auf Foren rum. Die können nämlich genau so suchterzeugend wirken... wenn man es dann nicht mehr aushält, ohne jeden Tag die neuesten Beiträge zu lesen...
Kurz darauf fand ich wieder eine Arbeitsstelle als Software-Engineer, wo ich mich gegen neun Mitbewerber durchsetzte. Mein Problem aber war, dass der Computer, auf dem ich programmierte, eine Internetverbindung hatte. Zuerst ging ich nur in der Mittagspause online aber mit der Zeit surfte ich dann während der Arbeitszeit herum. Und nicht nur ein paar Minuten... von acht Stunden arbeitete ich effektiv vielleicht drei oder vier, der Rest ging größtenteils für Arthoria drauf.
Die Firma behielt mich relativ lange, fast sechs Monate, bevor sie mich kündigte. Meinen Eltern sagte ich, dass sie Personal abbauen mussten und die neuesten zuerst weggeschickt haben.

Durch die Kündigung besann ich mich erst mal wieder und löschte meinen ogame und Arthoria Account. Ich entschied mich, ein Studium zu beginnen.
Doch weil ich durch meine Arbeitslosigkeit massig Zeit hatte, sank ich noch tiefer. Wie bescheuert muss man eigentlich sein, um nach zwei Kündigungen diese ganze Online-Scheiße nicht einfach zum Teufel zu jagen?
Tja, ich war blöd genug.
Ich hatte irgendwann auf ebay einen Lifetime-Account (muss also keine monatlichen Gebühren zahlen) von Herr der Ringe Online erworben. Das Spiel lag eine Zeit lang nur zuhause rum. Da ich jetzt aber arbeitslos war, installierte und spielte ich es. Und siehe da, sofort war der Suchtfaktor da und ich begann weiter im Sumpf der Onlinespiele zu versinken. Ich spielte vormittags, wenn meine Eltern in der Arbeit waren. Bevor mittags mein Vater heimkam, schaltete ich immer aus und tat alibimäßig etwas anders. Nachmittags spielte ich wieder. Abends wartete ich, dass endlich alle schlafen gingen, um in der Nacht wieder spielen zu können. Ich zockte bis zwei oder drei Uhr, schlief bis neun oder zehn und das Ganze ging von vorne los.
An den Wochenenden konnte ich dauernd nur ans Spiel denken. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und spielte auch, wenn meine Eltern da waren, die zuerst mal nichts zu der ganzen Sache sagten.

Vier Tage lang war Abstinenz vom Zocken angesagt, denn da lernte ich wie verrückt für die Aufnahmeprüfung an der Universität.

Fortsetzung im nächsten Post ->
Dienstag, 12.Jan 2010, 04:14

Johann Benutzer ist offline

Benutzer
Themenstarter
Anzahl Beiträge: 4
Mitglied seit: 12.01.2010
Natürlich reichte dieser, in Relation zur Onlinezeit, mickrige Zeitaufwand nicht; ich schaffte die Aufnahmeprüfung nicht, wodurch ich in Depressionen verfiel.
Wenn man nun denkt, blöder gehts nicht mehr... komme ich daher. Ratet mal, wie ich Genie mich von meinen Depressionen ablenkte...
Richtig, mit meinem Online-RPG, was ja eigentlich schuld an der ganze Misere ist.
Immer wieder gab es Streit mit meinen Eltern, bis mein Vater endlich den Schritt tat und das Internet abmeldete. Was letztendlich nicht viel nützte, denn (erst aus Trotz) widmete ich mich "normalen" PC-Spielen, wie zB der Elderscrolls-, Gothic- und Spellforce Reihe.
Das ging weiter, bis ich im Herbst ein anderes Studium begann, wo es keine Zulassungsprüfungen gab. Mein Vater meldete wieder Internet an, da man hierzulande ohne Online-Zugang kaum studieren kann.
Fazit nach einem Jahr studieren: angetreten zu einer Prüfung (Nicht genügend). Hunderte (oder tausende?) Stunden in das MMORPG investiert. Aufgrund der mangelhaften Leistungen beim Studium wurde die Familienbeihilfe gestrichen.

Ich hatte eindringliche Gespräche mit meinen Eltern und wir einigten uns darauf, das verlorene Jahr sein zu lassen und mich jetzt anzustrengen, um einen ordentlichen Studienerfolg zu bekommen. Das tat ich dann auch und ich hab inzwischen schon einige Prüfungen abgelegt. Doch vor etwa drei/vier Wochen fing es wieder an... scheiße... drei Wochen... und jetzt bin ich wieder ganz unten.
Ich zocke jede Nacht bis etwa fünf Uhr früh, wenn der Wecker meiner Eltern läutet. Dann schlaf ich bis Mittag, verschlafe alle Vormittagsvorlesungen und geh nur nachmittags auf die Uni... außer ich spiele auch am Nachmittag, so wie gestern (Montag).
Ich habe inzwischen wieder zwei Prüfungstermine sausen lassen, weil ich absolut nichts gelernt habe.

Ich bin ein 22-jähriger Parasit, der seine Eltern leersaugt. Ich fühl mich so beschissen und unzufrieden, dass ich es kaum aushalte. Und zur Ablenkung, kehre ich immer wieder zu diesem verdammten Onlinespiel zurück... es ist ein Teufelskreis.

In den letzten vier Jahren meines Lebens habe ich absolut nichts erreicht... außer hochrangige Charaktere, ausgerüstet mit seltenen Items auf irgendeinem Server zu haben. Ich stelle mir vor... was ist, wenn die Server abgeschaltet werden, alle Spieldaten gelöscht werden.... Was habe ich dann?
Dann stehe ich vor dem Nichts, mir sind tausende von Stunden verloren gegangen, und ich hab mich persönlich nicht einen Millimeter weiterentwickelt. Ich habe tausende Stunden investiert und trotzdem habe ich keinerlei Fähigkeiten, die ich nicht schon mit 18 Jahren hatte. Schlimmer noch, ich habe mich sogar zurückentwickelt. In meiner Dekadenz habe ich normales soziales Verhalten verlernt, ich kann fremden Menschen gegenüber kaum normal agieren. Meine Freundschaften aus der Schule sind quasi nicht mehr existent.
Und selbst wenn die Server noch hundert Jahre liefen... wenn ich mit 50 Jahren einen einzigartigen Level 250 Charakter mit der seltensten Ausrüstung hätte... was nützt mir der Schrott?

Vier verfluchte Jahre... ich weiß echt nicht, wie ich das verkraften soll. Vielleicht könnte ich das sogar; vielleicht könnte ich mein Leben sogar einfach so wegwerfen und bis zum Exzess spielen! Aber wegen meinen Eltern kann ich das nicht. Ich ertrage es nicht, sie dermaßen zu enttäuschen, nachdem sie mich immer unterstützt haben.
Fürs Erste hab ich mir genug Dreck von der Seele geschrieben. Ich muss das irgendwie schaffen und wenn nicht... dann weiß ich auch nicht.
Donnerstag, 14.Jan 2010, 13:33

merle Benutzer ist offline

Aktiv-Gegen-Mediensucht Team
Anzahl Beiträge: 268
Mitglied seit: 12.06.2009
reinen Wein einschenken
Hallo Johann,
Dein Bericht geht ganz schön unter die Haut. Nach dem Lesen ist es schwer, sofort und unmittelbar Worte für Dich zu finden, deshalb musste ich Deine Zeilen auch erst einmal verdauen. Ich hätte so gerne ein Patentrezept für Dich, eine Schluckimpfung, damit es ein für allemal aufwärts geht. Es ist verrückt: Jetzt bist Du bereits vollkommen einsichtig, siehst der Tatsache, süchtig zu sein, voll ins Auge, und dennoch kannst Du nicht davon lassen.
Könntest Du Dir vorstellen, Deinen Eltern über Deinen Gefühlszustand, Deine damit verbundenen Ängste, sie zu enttäuschen, und Deine momentane Hoffnungslosigkeit reinen Wein einzuschenken? Bitte sie doch einfach ganz offen um Hilfe und gestehe ein, dass Du alleine nicht weiter kommst. Schilder Ihnen so offen, wie Du das hier im Forum getan hast, was mit Dir los ist. Du brauchst professionelle Hilfe - einen längeren Klinikaufenthalt, eine gute Therapie, Fachleute, die gemeinsam mit Dir heraus finden, warum Du nicht weiter kommst mit all dem.
Du darfst nicht weiter alles wegdrücken, die wahren Ursachen für Dein Verhalten. So drehst Du Dich im Kreis und wirst immer wieder an diesen Punkt kommen. Lass Dir helfen. Deine Eltern werden an Deiner Seite stehen und Dich unterstützen, auch dieses Mal. Und sie werden spüren, dass Du es schaffen willst , dass Du es nur nicht alleine leisten kannst.
Du musst einfach daran glauben, dass irgendwann der Tag kommt, an dem Deine Eltern sehr stolz auf Dich sein werden. Denn wenn Du das alles hier geschafft hast, wenn es dann wirklich hinter Dir liegt, kannst Du durchstarten und bist frei.
Ganz liebe Grüße
Merle
Freitag, 15.Jan 2010, 16:20

Moppel Benutzer ist offline

Benutzer
Anzahl Beiträge: 4
Mitglied seit: 02.01.2010
Hallo Johann

ich glaube bestimmt,das du von deiner Internetsucht wegkommst. Es ist ganz wichtig,dass du gemerkt hast,was mit dir los ist. Spreche mit deinen Eltern. Sie werden dir bestimmt helfen einen Psychologen zu finden.

Alles Gute

Gruß Susanne
Dienstag, 2.Feb 2010, 15:36

Sabina Benutzer ist offline

Benutzer
Anzahl Beiträge: 4
Mitglied seit: 02.02.2010
Facharbeit Computerspielsucht
Lieber Johann,
Ich erarbeite mir derzeit eine Facharbeit im Fach Sozialwissenschaften, in der es um Computerspielsucht gehen soll.
Ich würde gerne ein Interview über dieses Thema führen. Ihr Schicksal hat mich sehr berührt. Wären Sie bereit für ein annonymes, über PC laufendes Interview ?
Ich würde mich riesig freuen
Liebe Grüße
Sabina
Mittwoch, 10.Feb 2010, 03:21

Johann 2.0 Benutzer ist offline

Benutzer
Anzahl Beiträge: 1
Mitglied seit: 14.01.2010
Hallo und danke für die Antworten.
Ich habe Passwort und email-Adresse meines anderen Accounts vergessen (war ne Einweg-email), tut mir leid.

Das Semester ist um, ich hab zwar ein paar absolvierte Prüfungen aber mir fehlen einige, um manche Lehrveranstaltungen des nächsten Semesters zu besuchen. Keine Ahnung, wie ich das deichseln soll.
Es ist wirklich schwer, sich hier nicht als Versager zu fühlen, weil ich genau das bin. Ich brauch doppelt so lange wie andere Studenten.

Was meine Eltern angeht... ich schaff es nicht, mit ihnen ordentlich darüber zu reden. Ich glaube, sie wissen auch nicht, wie es wirklich um mich steht. Selbst im Gespräch im Herbst kam nicht raus, dass das Onlinespiel ein so arges Problem darstellt. Sie unterschätzen das, weil ihnen diese ganze Materie fremd ist.
Es ist schwierig... meine Eltern setzen viele Hoffnungen in mich. Ich weiß, wie enttäuscht sie sein werden, wenn ich ihnen "reinen Wein einschenke", vor allem mein Vater. Ich muss darüber nachdenken, blöderweise hoffe ich noch immer, dass ich das alleine schaffe.
---
@Sabina:
Ich mach das gerne, aber ein Gespräch über Skype oder so möchte bzw kann ich nicht. Per PN oder email wär mir lieber.


---

PS: Wer wissen will, wie ich mein Problem überhaupt richtig registriert habe: Das liegt an einigen Szenen aus der japanischen Anime-Serie "Welcome to the NHK". Der Protagonist verfällt hier auch einem Onlinerollenspiel und die Serie zeigt mit drastischen Mitteln, was daraus wird ->http://www.youtube.com/watch?v=rwd49U9x6Cw

Außerdem kommt später noch eine Szene, die war für mich wie ein Schlag ins Gesicht. Dem Hauptcharakter wird die Frage gestellt, wo er sich in dreißig Jahren sieht und darauf kommt eine Szene, die es in sich hat -> http://www.youtube.com/watch?v=X067FfVnIdA
Mittwoch, 10.Feb 2010, 16:20

HappyHour Benutzer ist offline

Benutzer Hat Erfahrung
Anzahl Beiträge: 129
Mitglied seit: 10.11.2009
Nur nicht aufgeben!
Hallo Johann,

dein Leidensweg scheint mir nach mehrmaligem Durchlesen doch recht verzwickt. Und für meinen Teil lese ich da ein ganz anderes Problem heraus, welches du schnell in den Griff bekommen solltest: deine Eltern!

So, wie ich dich verstehe, setzen sie dich (wenn auch unbewusst) sehr unter Druck. Von "Hoffnungen" und "Enttäuschungen" ist die Rede, von Erwartungen, die du im Moment nicht erfüllen kannst. Der Druck der hier auf dir lastet muss sehr groß sein. Und da es hier keinen Ausweg gibt, ist "WoW" die beste Insel des Verdrängens. Der Kreis schliesst sich.

Aber du schiebst diese Probleme vor dir her, gelöst werden sie dadurch nicht. Vergiss einmal für einen Moment deine "verschwendete" Zeit an WoW, denn was passiert ist kannst du nicht mehr rückgängig machen. Das was vor dir liegt, schon! Versuche vielleicht erst einmal deiner Mutter die momentane Situation so darzustellen, wie sie WIRKLICH ist. Du brauchst einen Vertrauten in deiner Familie, als Einzelkämpfer wirst du nicht bestehen.

Dein excessives Spielen ist eine Flucht, auch vor dir selbst. Du kennst nur zu gut deine Qualitäten und solltest nun den ersten Schritt machen. Dies bedeutet aber auch, sich einmal in Ruhe Gedanken über die momentane Situation zu machen, sich damit wirklich auseinanderzusetzen.

Angst ist ein schlechter Lebensbegleiter, trenne dich von ihr.


Einen guten Start in eine bessere Zukunft wünscht dir von Herzen

HappyHour!


... und denkt daran: die beste Rüstung ist euer Körper, der beste Zauber ist "Phantasie" und eure beste Waffe ist der Verstand!
Freitag, 12.Feb 2010, 16:41

merle Benutzer ist offline

Aktiv-Gegen-Mediensucht Team
Anzahl Beiträge: 268
Mitglied seit: 12.06.2009
nur die Wahrheit ist erträglich
Hallo Johann,
ich bin selbst Mutter von drei Söhnen und habe einfach mal versucht, mich in Deine Mutter hinein zu versetzen: Sie hat einen Sohn, dem sie vertraut und von dem sie der Meinung ist, es würde ihm alles soweit gut von der Hand gehen und er hätte keine schwerwiegenden Probleme. Nun kommt eines Tages dieser Sohn und bittet um ein ausführliches und vertrauliches Gespräch. Sie hat keine Ahnung, um was es gehen könnte, ist aber selbstverständlich bereit, in Ruhe zuzuhören. Und nun öffnet sich der Sohn, offenbart ihr, wie es wirklich um ihn steht und dass er nicht mehr weiter weiß und sehr verzweifelt ist. Wie wird sie reagieren? Wird sie gekränkt sein und ihm Vorhaltungen machen? Wird sie jammern, womit sie das verdient hat? NEIN. Ich bin ganz sicher, dass sie (nach dem ersten Schreck) ihr Herz weit auf machen wird, dass sie Dich in den Arm nehmen und beruhigen wird. Der uralte "Muttergesang" steht im Raum, das "Wir schaffen das. Schschsch, es wird alles gut." Sie wird es als große Wertschätzung empfinden, dass Du soviel Mut und Vertrauen aufgebracht hast, Dich zu "outen", und tief innen drin wird sie es sowieso schon gewusst haben, dass Du Deinen PLatz im Leben noch nicht gefunden hast. Auch sie wird wie erlöst sein, dass die Wahrheit endlich draußen ist, denn nur diese ist erträglich. Auf dieser ehrlichen Basis könnt Ihr gemeinsam die nächsten erforderlichen Schritte besprechen, um den langen und notwendigen Weg der Heilung zu gehen.
Lieber Johann, auch ich war mal Tochter und hatte mit den hohen Erwartungen meiner Eltern an mich zu kämpfen. Das liegt in der Natur der Dinge. Doch jetzt, seit ich Mutter bin, sozusagen auf der anderen Seite, kann ich diese Mechanismen klarer durchblicken. Das mit den Erwartungen ist nämlich gar nicht so wild. Oft sind wir selber es, die sich diesem Druck aussetzen, die das Höchste, Schnellste und Weiteste von sich erwarten, um der fixen Idee, die Eltern würden dies einfordern, gerecht zu werden. Mach diesem Spiel ein Ende. Leg die Wahrheit auf den Tisch. Du schenkst Deinen Eltern dadurch die Gewissheit, dass ihr Sohn ein Mensch ist der kämpft, fühlt, scheitert, leidet, sich wieder aufrichtet, nicht weiter weiß und ratlos ist. Mir sind solche Menschen allemal lieber, als diejenigen, denen alles "locker flockig" von der Hand geht. Die sind mir persönlich nämlich eher unheimlich.
Ich wünsche Dir den ganz großen Mut, Dich Deinen Eltern gegenüber offen und ehrlich zu öffnen.
Viel Glück.
Merle
Montag, 15.Feb 2010, 10:51

NIDRO Benutzer ist offline

Benutzer Anfänger
Anzahl Beiträge: 16
Mitglied seit: 26.10.2009
hol Dir Hilfe
Hallo Johann,

aus dem PC musst Du allein herauskommen. Dennoch gibt es Profis, die Dir helfen können. Helfen, Dich zu sortieren, die Gespräche mit Deinen Eltern vorbereiten (lang eingeübte Muster von Schuldzuweisungen und Verletzungen verhindern oft Gespräche ...), Dir ereichbare Ziele setzen und zu verstehen, warum Du spielst - es ist für etwas gut. Hat sich aber leider verselbständigt und behindert nun.
Profis findest Du in Suchtberatungsstellen (mit Spielsucht- / Glücksspielberatung) die mit Dir diese Themen bearbeiten können. Sollte es so nicht gehen, können diese auch den Antrag auf eine stationäre Therapie stellen. Aber auch dort gibt es dicke Wartezeiten ...

Viel Erfolg und Kraft !

NIDRO


06232 / 2 60 47 NIDRO Speyer/Germersheim
Fachstelle Spielsucht
huegel-nidro@ludwigsmuehle.de
Freitag, 28.Jan 2011, 21:46

Perplex Benutzer ist offline

Benutzer
Anzahl Beiträge: 2
Mitglied seit: 28.11.2010
aus der Sicht einer Mutter
Lieber Johann,

ich finde es als wahrscheinlich auch betroffene Mutter einfach gut, dass du deine Probleme mitteilst und ich als Elternteil wäre froh, wenn unser eigentlich intelligente, sozialkompetente Sohn (über 26Jahre, davon über 7Jahre Student und wahrscheinlich nun ohne Abschluss) mit uns reden würde. Es stimmt, wir haben die Gefahr lange nicht bemerkt .Für uns Eltern,Schwester, ehemaligen Freunde war und ist es schwer vorstellbar, dass man computerspielsüchtig sein kann. Ich bin mit meinem Mann dann zur psycho Beratungsstelle, da ich dachte jetzt bin ich verrückt. Die Empfehlung aus dieser Beratung war, wir sollten das Gespräch mit unserem Sohn suchen und ihn bitten professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Leider bricht er den Kontakt nun unterr fadenscheinigen Gründen eher ab. Wir haben ihn dummerweise finanziell so gut ausgestattet, dass er weiterhin bis mittags schlafen und abends,nachts durchspielen kann.
Unser Sohn hatte einige schwierige,enttäuschende mitmenschliche Situationen im realen Leben auszuhalten und ich wäre froh, wenn er seine Kämpfernatur, die wohl in diesen Spielen sehr gut sein muss, in dieser Welt und mit den oftmals ohne moralische Regeln agierenden, tatsächlich lebenden Menschen einsetzen würde. Ob man dafür eine Belohnung bekommt, ist leider nicht sicher. Aber ich hoffe auf den Sieg des Guten und hoffe auf die Vernunft und den Kampfgeist gegen die Spielsucht unserer intelligenten Söhne und Töchter.

Viel Glück und alles Gute
Perplex

Freitag, 4.Feb 2011, 14:08

merle Benutzer ist offline

Aktiv-Gegen-Mediensucht Team
Anzahl Beiträge: 268
Mitglied seit: 12.06.2009
verkümmerte Fähigkeiten
Hallo Perplex,
das ist es ja, was einen so "staunen" läßt: Im virtuellen Leben werden die strengsten Regeln aufs Akribischste eingehalten, während im realen Leben allmählich alles im Chaos versinkt. In der virtuellen Welt gibt es für schwierige und enttäuschende Situationen ganz einfach die Resettaste, wer einem nicht genehm ist, wird weggedrückt und ignoriert, und wenn man gestorben ist, wird man einfach wiederbelebt. Das wahre Leben dagegen ist anstrengend, oft frustrierend, deprimierend und unüberschaubar ,und es winken nicht an jeder Ecke Belohnungen, die unseren Glückspegel in einem dauerregten Zustand halten. Hier müssen wir uns dem, was uns widerfährt, stellen und müssen auch lernen, mit denjenigen klar zu kommen, die uns nicht passen. Ich denke, dass diese Fähigkeiten verkümmern, je länger ein junger Mensch sich überwiegend in der virtuellen Welt aufhält. Beim "Wachwerden" wird entsetzt festgestellt, dass viele wichtige und unwiederbringliche Jahre ins Land gegangen sind und man den Anschluss an die Realität vollkommen verloren hat. Tobias Schall hat dieses böse Erwachen in seinem Artikel "Heroin aus der Steckdose" in der Stuttgarter Zeitung hautnah zum Ausdruck gebracht. (http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2657780_0_9223_-onlinesucht-heroin-aus-der-steckdose.html)
LG Merle


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