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dr.robert(Freitag, 20.Aug 2010, 17:45)Hat jemand Erfahrung mit Autisten, die Computersüchtig sind? Hallo. Ich habe einen Integrationsfall, den ich betreue. Er ist als Autist eingestuft und spielt viel Computer. Gemäß der Ansicht von Therapeuten kann Computerspielen ein gutes Medium sein, aus der inneren ´Welt herauszutreten. Hat jemand Erfahrung? Grüße |
Christian(Samstag, 21.Aug 2010, 01:03)Hallo dr.robert, praktische Erfahrung habe ich noch nicht viel. Ich arbeite im Jugendamt einer kleinen Großstadt (ca. 250.000 Einwohner). Wenn man den Statistiken glaubt, sind dort draußen etwa 10.000 - 15.000 spielsüchtige. Ich habe auch alle möglichen Fälle durch und rege mich auf, wenn frühkindlicher mit atypischem Autismus in einen Topf geworfen wird - Trendwort Asperger wird auch gern eingeworfen. *motz* Nee, im Ernst: ich veermute einige Fälle in meinen Akten, ob aber eher Kinder oder Eltern betroffen sind, kann ich noch nicht sagen. Beruflich und privat bin ich aber im Thema drin - mehr als mancher Psychiater oder Sozialpädagoge. Gruß, Chris. |
dr.robert(Samstag, 21.Aug 2010, 01:17)und? hallo chris, wie beurteilst du die situation eines asbergers in dem zusammenhang? würdest du zustimmen, wenn ich behaupte, dass eine computersucht merkmale von atypischem autismus hervorrufen kann? ein jugendlicher computersüchtiger aufgrund seiner emotionalen verarmung eine autistische diagnose bekommt? grüße robert |
merle(Montag, 30.Aug 2010, 20:17)Wachkoma Hallo dr. robert, aus den vielen Briefen, die wir von betroffenen Eltern bekommen, geht deutlich hervor, dass exzessives Computerspielen autistische Verhaltensweisen hervorrufen kann. Der Rückzug in virtuelle Welten, die soziale und emotionale Verarmung und damit einhergehende Ängste, können durchaus dazu führen, dass das Umfeld ausgeblendet und schließlich gar nicht mehr wahrgenommen wird. Ein Aussteiger hat diesen Zustand drastisch mit einem Wachkoma verglichen... Merle |
dr.robert(Dienstag, 31.Aug 2010, 00:33)Ängste Welche Ängste würdest du am stärksten hervorheben? Ich glaube, wer sich damit beschäftigt, kann gut die sozialen Interaktionsängste beobachten. Was mir ganz stark auffält, bei den Kidz, die viel am Zocken sind, ist dass sie sehr stark dazu tendieren, die Verantwortung für ihr Handeln abzulehnen. Grüße Robert |
Christian(Donnerstag, 2.Sep 2010, 22:38)Ich habe mich weiter durch die Akten gewühlt, viel aus dem Bereich "Autismus" dabei, aber nirgendwo wird auf Internetsucht verwiesen. Ich nehme als Gründe an: - die Dianostiker (Sozialpädagogen, Psychiater, Psychologen, Psychiater etc) sind noch nicht sensibilisiert und erkennen die Zusammenhänge nicht - die Betroffenen sind geschickt im Tarnen und Verharmlosen - betroffene Eltern und Lehrer nehmen das Problem nicht ernst oder trauen sich nicht, es anzusprechen. Egal, woran es liegt. Die Welle türmt sich auf und wird irgendwann losbrechen. Meiner Ansicht nach ist die Internetsucht ein Versuch der Selbstmedikation. Man müsste die Zeichen ernst nehmen und nach den zugrunde liegenden Ursachen forschen. Es ist noch völlig unklar, wie Symptome und Grunderkrankung zusammen hängen. Gruß, Chris. |
merle(Samstag, 4.Sep 2010, 17:51)Symptome Hallo Dr. Robert, am häufigsten wird uns geschildert, -dass die Fähigkeit, wichtige und dringende Dinge zeitnah zu erledigen, abhanden kommt. Das Aufschieben auf morgen, auf später, auf irgendwann, führt schließlich dazu, dass das Chaos aus Unerledigtem so unüberschaubar anwächst, dass der Betroffene keine Möglichkeit mehr sieht, dies je abzuarbeiten. -dass die Welt um den Betroffenen herum wie in einem schwarzen Loch verschwindet und es ihm irgendwann nicht mehr möglich ist, am normalen Leben teilzuhaben. -dass Menschenansammlungen (Kaufhaus, Straßenbahn) mit körperlichem Unwohlsein bis hin zum Erbrechen und mit Angstzuständen erlebt werden. -dass die Frustrationsschwelle erheblich sinkt (bei Mißerfolgen im realen Leben gibt es keine Resettaste!). -dass die Verantwortung für eigenes Fehlverhalten dem Umfeld angelastet wird. -dass exzessives Computerspielen depressiv macht bis hin zu Suizidgedanken. All diese Symptome werden uns nahezu von allen betroffenen Familien geschildert. Merle |
dr.robert(Samstag, 4.Sep 2010, 18:08)Danke danke, die symptome kann ich auf einige meiner klienten übertragen. bleibt zu bemerken, dass mediensucht in der bürokratie nicht als solche wahrgenommen wird, sondern in andere bereiche transferiert wird.die suchtmerkmale erinnern zum teil an übermäßigen kokain- und amphetaminkonsum. meinst du, dieses verhalten kommt nur bei computerspielen zustande oder auch bei fernsehen? in einer unterhaltung mit einer kollegin kamen wir an den punkt, wo wir uns das fragten. auch wenn die prozesse im gehirn andere sind, hat fernsehen einen ebenso realitäsverzerrenden charakter und zeigt ja ähnliche symptome. die folge ist meiner beobachtung nach, eine art von (angst-)glocke, die sich über den klienten legt. um ardonos begriff der antiintrazeption zu benutzen. eine emotionale glocke, die jegliche empfindungsfähigkeit minimiert. soziale reize werden, trotz des bedürfnisses danach, aus unsichheit vermieden. bei kindern und jugendlichen habe ich mit freier mal und zeichenarbeit, wie comiczeichnen gute erfolge gemacht. die soziale auseinadersetzung findet hier auch nur im eigenen kopf statt, bewegt sich jedoch im sozialen kontext und wird diskutiert. da ags an schulen ja nur bedingt noten erzeugen, wird die versagensangst eigentlich nicht bedient. in form mit systemischen frage-methoden sind die jugendlichen bis zu einem gewissen grad wieder erreichbar. malen und zeichnen finde ich weitaus effektiver, als theaterspielen oder filmen. @christian in den pädagogischen einrichtungen in denen ich gearbeitet habe, war mediensucht und medienverhalten immer ein thema, problem war immer nur, dass es keine handhabe oder entsprechenden konzepte gab. die aussagen zu dem thema sind wage und familiär tradiert, so dass solche muster schwer aufzubrechen sind. grüße robert |
trachodon(Sonntag, 14.Nov 2010, 19:11)Trifft alles auf mich zu Hallo, genau diese hier beschriebenen Dinge treffen auf mich zu! Auch ich wurde als "Asperger-Autist" eingestuft, obwohl ich genau weiß, daß die Mediensucht das weitaus größere "Übel" ist und diese autistischen Tendenzen bei mir hervorgerufen hat (noch als Kind vor der Mediensucht wurde mir niemals gesagt, ich wäre autistisch). Ich habe meinen Erfahrungsbericht im Betroffenen-Forum als pdf-Download bereitgestellt, da könnt Ihr es nachlesen, und zwar habe ich es dort reingestellt, BEVOR ich dieses Posting hier gelesen habe! Die Ähnlichkeiten sind verblüffend und beweisen mir, daß ich wirklich mediensüchtig war. Die Beschreibung mit dem "Wachkoma" finde ich ganz zutreffend. Bevor ich das gelesen habe, hatte ich, nach eigener Eingeständnis der Mediensucht, es so empfunden, als hätte ich durch die Mediensucht einen Schlaganfall gehabt, was ja dem Begriff Wachkoma wirklich sehr nahekommt. Als wenn mir damals einer mit dem Stock auf den Kopf gehauen hätte. In depressiven Phasen hatte ich dann auch noch das Gefühl, eine Art "starre Bilder" wahrzunehmen, was ich auf die Bilderflut der Medien (vermutlich vor allem vom Fernseher) zurückführe. Für mich ist folgendes wichtig: Wie verhalte ich mich jetzt? Die Mediensucht ist bei mir zwar aktuell zum Glück seit 3 Jahren kein Thema mehr (weil ich sie als solche "identifiziert" habe), aber ich leide unter den "Spätfolgen": Ich wohne als Mann im mittleren Alter immer noch bei meinen Eltern, habe außerhalb des Hauses praktisch keine Kontakte. Mir kommt meine festgefahrene Situation selbst ein wenig komisch vor, obwohl ich sie jetzt endlich nach Eingeständnis der Mediensucht endlich "verstehe". Doch was kann ich machen? Gruß! |
dr.robert(Dienstag, 23.Nov 2010, 18:34)vielleicht so? entschuldigung, dass ich mich erst jetzt melde, aber ich hatte probleme mit meinem zugang.. zum einen gehören depressive pahsen zum autismus dazu. dass ausgeprägtes medienverhalten das verstärkt, ist wohl keine frage. es gibt untersuchen, in den paare, die kein fernsehapperat haben, ich glaube, 3 stunden täglich fernsehen schauen mussten. das ergebnis war, dass nach 4 wochen, die frauen sich deutlich übergewichtig fühlten, obwohl sie nicht zugenommen hatten, die männer störungen des selbstbewusstseins aufwiesen. (psychologie heute) ich denke, es ist wichtig für sie in ihrer besonderen situation, aktiv am leben teil zu haben. da autisten besonders für den visuellen reiz empfänglich sind, sollten sie schauen, ob sie nicht ein kreatives hobby beginnen, wie zum beispiel zeichnen oder filme drehen. versuchen sie ein aktives hobby zu finden, in dem sie kontakt mit anderen menschen aufnehmen können. ein beginn wäre vielleicht erst einmal einen film alleine zudrehen, ihn zu schneiden und die möglichkeiten zu erkennen. anschluss an solche gruppen kann man auch über die volkshochschule finden, wenn sie lust haben theater zu spielen. ich versuche meinen klienten immer beizubringen, dass sie aktiv am leben teilnehmen müssen! wenn menschen im kreativen aktiv sind, dann treten andere defizite automatisch zurück und mitmenschen sehen über bestimmte schwächen hinweg. man hat einen künstlerbonus. wenn sie jedoch grundsätzlich unzufrieden sind mit ihrer situation, dann würde ich ihnen empfehlen professionelle hilfe in anspruch zu nehmen. wenn sie eine nette therapeutin oder therapeuten, dann kann er speziell auf ihre situation eingehen und sie in ihrer selbstständigkeit unterstützen. sie können mir auch eine persönliche mail schreiben. mfg dr.robert |
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