WoW-Story
Hallo zusammen,
ich möchte Euch meine Geschichte erzählen, die so typisch für einen World of Warcraft Süchtigen ist (vielleicht nicht mit diesen heftigen Konsequenzen)
Bevor ich mit dem Spiel begann führte ich ein ganz normales Leben. Ich hatte einen Beruf, der auch gleichzeitig mein Hobby war. Meine Verlobte und ich lebten seit acht Jahren zusammen. Wir besaßen eine tolle Wohnung und bei uns lebten zwei Katzen. Uns ging es sehr gut und wir genossen das Leben.
Wir hatten beide einen gemeinsamen aber auch einen eigenen Freundeskreis.
Beruflich war ich bei einer großen Elektromarktkette beschäftigt und bin dort primär für Video- und PC Games verantwortlich gewesen. Ich hatte immer einen Fable für Videospiele und deshalb machte mir der Job auch unheimlich Spaß. Ich besaß alle Spielkonsolen und zwei
spieltaugliche Computer. Um beruflich auf dem Laufenden zu sein, aber auch aus Eigeninteresse, las ich regelmäßig mehrere Computer- und Videogame Zeitschriften und wusste stets was angesagt war.
Als das Spiel World of Warcraft in die Beta Phase ging und man endlich spielen konnte sollte sich mein Leben schleichend aber stetig verändern.
Anfangs teilte ich mir die Online Zeit so ein, dass ich mich weder beruflich noch privat einschränken musste. Dies gelang mir aber im Laufe der Zeit immer schlechter. Je größer mein Avatar in dem Spiel wurde, desto mehr Zeit verschlang er. Ich blieb also länger auf.
Gemeinsame Unternehmungen mit meiner Verlobten oder auch mit Freunden schränkte ich ein. Es passierte nun häufiger, dass ich übermüdet zur Arbeit erschien und meine Leistungsfähigkeit zurückging.
Ich sagte ehemals regelmäßige Verabredungen zum Tennis oder Fußball immer häufiger ab. Streitigkeiten zu Hause nahmen zu- und stets ging es um von mir nicht eingehaltene Versprechen oder gemeinsame Termine.
Um es kurz zu machen: Ich versackte vollends in diesem Spiel. Ich trennte mich von meiner Verlobten und nahm eine kleinere Wohnung. Nach etlichen Termin- und Verabredungsabsagen an meine Freunde und Bekannten hatte ich irgendwann keine realen sozialen Kontakte mehr. Meine Arbeit gab ich auf, ich bin irgendwann nicht mehr hingegangen. Ich wurde nach zwei Abmahnungen gekündigt. Es gab nur noch mich- und das nur noch in diesem Spiel. Ich verließ meine Wohnung nicht mehr. Tag und Nacht war ich online. Der einzige Kontakt nach draußen war letztendlich der Paketbote, der mich mit dem lebensnotwendigstem versorgte, welches ich im Internet bestellte. Ab und zu tauchte mal ein Pizzabote auf. Ich schluckte Amphetamine um länger wach bleiben zu können. Mittlerweile war ich auf mehreren Servern des Spiels aktiv und spielte mehrere Chars. Ich aß und schlief am Schreibtisch. Meine Wohnung glich über die Zeit einer Messiwohnung, auch ich selbst verwahrloste vor dem PC. Aber meine Avatare strahlten in den besten Rüstungen und waren mit dem Besten was das Spiel hergab ausgestattet.
Irgendwann klopfte mein Vermieter an meine Tür. Die Miete war zum zweiten mal nicht bezahlt. Ich wimmelte ihn ab, er störte nur. Meine Wohnung wurde zwangsgeräumt und ich war von jetzt auf gleich wohnungslos. Bis zur letzten Sekunde als man mich aus meiner Wohnung führte war ich online und habe gespielt. Sechs Jahre in völliger Isolation gingen so zu Ende und ich stand auf der Strasse mit nichts außer dem, was ich am Leibe trug und einer eilig gepackten Tennistasche.
Nach Obdachlosenheim und stationären Klinikaufenthalten bin ich jetzt knapp ein Jahr offline
und lebe wieder in einer kleinen Wohnung. Der Wunsch zurück in die WoW-Welt ist noch nicht vollends erloschen, was den Wiedereinstieg in ein „normales“ Leben nicht unbedingt leichter macht.
Gruss Lennard
Hallo Lennard,
danke, dass Du uns auf so eindrückliche und drastische Weise Deine Geschichte erzählt hast. Ich bin sicher, dass manch einer, der sich mit dem Gedanken trägt, mit WoW anzufangen, nach dem Lesen Deines Beitrages mehr als nachdenklich werden wird. Wie oft hören wir das Argument, dass diejenigen, die diesen Spielen verfallen, von vorneherein schon psychisch labile Menschen mit einer sozialen Inkompetenz gewesen sind. Dein Leben "vor WoW" spricht da eine andere Sprache....
Ich wünsche Dir, dass Du Dich auch weiterhin stabilisierst, dass der Wunsch, wieder in die WoW-Welt abzutauchen immer mehr verblasst und einem prallen und lebenswerten realen Leben Platz macht.
LG Merle
re Antwort von Merle
Hallo Merle,
danke sehr für deine Zeilen und besonders für deinen Wunsch, dass ich wieder in ein lebenswertes Leben zurückfinde.
Im Moment bin ich damit beschäftigt meinen Gesundheitszustand wieder in Ordnung zu bringen. Durch die jahrelange Isolation und die damit verbundene
Vernachlässigung meiner selbst, hat auch mein Körper eine Menge mitmachen müssen. Ich bin gerade frisch aus dem Krankenhaus, wo ich mich einer Wirbelsäulenoperation unterziehen musste. Das Leben und Schlafen am Schreibtisch vor dem PC hat meinem Rücken erheblich geschadet, und die OP hätte
ich bestimmt vermeiden können, wenn ich mich eher hätte behandeln lassen. In einigen Wochen steht dann eine orthopädische stationäre Reha an.
Bezüglich meiner Sucht befinde ich mich in guten Händen- sprich in therapeuthischer Behandlung. Es hat sich schon eine Menge getan und ich arbeite sehr hart an mir und meinen Problemen. Letztendlich ist es mein Ziel wieder einer geregelten Arbeit nachgehen zu können und auch privat mich soweit zu stabilisieren,
daß ich mich wieder unter Menschen ganz normal bewegen kann. Ich hätte nicht gedacht, daß man viele Dinge, die früher normal waren (einkaufen gehen, U-Bahn fahren, durch die Einkaufsstrasse zu laufen ect.) teilweise verlernen kann, bzw. daß man durch die lange Isolation Angst vor diesen Dingen entwickeln kann. Durch World of Warcraft habe ich alles verloren, fast auch mein Leben, habe Verhaltensstörungen entwickelt, die so einfach nicht wieder abzulegen sind.
Das Schreiben hier in Euer Forum ist Teil meiner Art und Weise mit all dem umzugehen und es tut gut einige Dinge nieder zu schreiben. Natürlich könnt ihr nicht direkt in den "Hilfeprozess" eingreifen, aber für Menschen wie mich, deren soziales Umfeld völlig weggebrochen ist- praktisch nicht mehr existiert, kann das hier schon eine kleine Hilfe sein.
Gruss
Lennard
Entwicklungsdefizite
Hallo Lennard,
es ist beeindruckend, wie Du Dich da durchbeisst und sowohl medizinisch als auch therapeutisch Hilfe annimmst. Den wichtigsten Faktor hast Du ja bereits geschafft: Du hast Deine Situation und deren verheerende Folgen auf Deine Gesundheit und Deine sozialen Kompetenzen erkannt. Das, was Du schilderst bezüglich der Angst vor ganz normalen Dingen, wird uns immer wieder geschrieben: Panikattacken beim Straßenbahnfahren, Brechreiz beim Stehen in einer Schlange an der Kasse, Fluchtgedanken, wenn mehr als drei Menschen um einen sind. Ein Aussteiger schrieb uns: "Dieses Spiel (WoW) macht krank. Andere entwickeln sich weiter, doch man selbst entwickelt sich zurück."
Du bist dabei, ganz aktiv diese Entwicklungsdefizite Schritt für Schritt aufzufüllen, und es ist spannend, von Dir geschildert zu bekommen, wie es Dir dabei ergeht.
Wir alle in diesem Forum begleiten Dich gedanklich und drücken Dir die Daumen.
Merle
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