Bin ratlos!
Hallo!
Seit gestern abend steht bei meinem Sohn Daniel, 14 Jahre, der Verdacht, mediensüchtig zu sein. Er hat klar gegen die Regeln verstoßen und bis spät abends noch am PC gesessen. Und ich inzwischen bin ich mir sicher, das war nicht das erste Mal. Ich dachte, er würde noch TV schauen und wollte ihn ausmachen, wenn er schon schliefe! Ich war total geschockt und kämpfe seither mit meiner Fassung.
Ich hätte die Entwicklung eigentlich schon kommen sehen müssen, aber ich habe im Mai ein Wunschkind verloren und bin zu sehr mit meiner Trauer beschäftigt. Mir ist schon vor einigen Monaten aufgefallen, das er einfach zuviel vor dem PC saß und es gab dann Regeln, zwei nachmittag die Woche und einen Tag am Wochenende. Wenn er sich mit 'nem Kumpel an einem nachmittag trifft, konnte er einen dritten nachmittag die Woche spielen. Ich wollte ihn damit animieren, das er mehr mit seinen Kumpels unternimmt, was nur bedingt geschah! Er traf sich mit ihnen, um gemeinsam vor dem PC zu sitzen. Toll, genau das, was ich nicht wollte.
Daniel hat früher gern Fußball gespielt, sich aber zum Schluss nicht mehr wohl gefühlt, also gab er es auf. Bei seinem Vater (dort ist er alle 14 Tage) sitzt er auch nur vor dem PC, der Vater macht es nämlich selbst auch. Und sie unternehmen seit Ewigkeiten auch nichts mehr miteinander. Jeder Versuch, ihn auch mal für etwas anderes zu begeistern, ist fehlgeschlagen. Einzig das Kino lockt ihn mal raus und das ist ja leider auch immer sehr teuer.
Seine Erklärung heute morgen zu dem Ganzen: Er will nur ein normaler Junge sein! Das erschreckt mich total, das ein 14jähriger offenbar unnormal ist, wenn er nicht vor dem PC sitzt und spielt. Er spielt gerne Strategie-Spiele und auch Minecraft. WoW bin ich mir jetzt in Moment nicht sicher, ob er es spielt! Ich will ihm den PC nicht grundsätzlich verbieten, da ich selbst gelegentlich mal spiele (immer mal schubweise - paar Tage und dann wieder monatelang nicht), aber das Richtige Maß zu finden.
Ich habe ihm erklärt, was es bedeuten könnte, wenn wir jetzt was dagegen tun können. Ob er es verstanden hat? Weiß ich nicht ...
Wir leben in Hannover und ich habe schon bei der Beratungsstelle Return angerufen, aber sie haben noch nicht zurückgerufen. Ich überlege, eine Mutter-Kind-Kur zu beantragen, damit wir beide psychisch betreut werden (ich mit der Trauer, Daniel wegen der Mediensucht). Ansonsten wüßte ich mir in Moment auch nicht zu helfen. Vom Vater kann ich wohl keine Unterstützung erwarten, er lebt dem Kind das ja vor ...
LG, Elke.
viel Zuwendung
Hallo Elke,
Dein Sohn ist ja Gott sei Dank noch so jung und für Dich emotional sicherlich noch eher erreichbar. Von daher wirst Du mit viel Zuwendung und Liebe ganz sicher Zugang zu ihm finden. Wahrscheinlich ist es nicht von ungefähr, dass Deine Schwangerschaft und dann der Verlust Deines Wunschkindes mit seinem Rückzug an den PC zeitlich zusammen fällt. Durch die Flucht in die virtuelle Welt wird Daniel sicherlich zu kompensieren versucht haben, dass Du stark mit Dir selbst und dem ungeborenen Geschwisterkind (auch Rivalen?) beschäftigt warst. Oft ist ein extremer Rückzug an den Computer ja auch als massiver Hilferuf des Betroffenen zu verstehen.
Steht sein PC denn im Kinderzimmer und hat er freien und uneingeschränkten Zugang dazu? Gut wäre, bezüglich der Mediennutzung eine neue Regelung zu finden und diese in einem produktiven, liebevollen aber klaren Gespräch gemeinsam mit ihm zu besprechen. Kennst Du schon unser Merkblatt "Erste Schritte bei Mediensucht"?
http://www.rollenspielsucht.de/resources/Erste+Schritte+bei++Mediensucht.pdf Dieses Merkblatt kann Dir sicherlich helfen, Dich in Deinem Bauchgefühl zu bestärken. Vielleicht könnt Ihr gemeinsam ein paar Tage wegfahren, schöne Dinge unternehmen und Spass haben. Elke, Du hast Dein Baby verloren und Deine Trauer ist ein Prozess, der Raum braucht, gewiss. Aber Daniel lebt und braucht Dich. Ich bin sicher, dass er seinen Rückzug aufgeben wird, wenn er spürt, wie unendlich wichtig er Dir ist. Wenn Du es schaffst, ihm zusätzlich auch noch spannende Alternativen zum PC anzubieten (siehe auch unsere Offlinealternativen (
http://www.aktiv-gegen-mediensucht.de/foren/19/offline-alternativen/) ) und vielleicht seine Freunde dort mit einzubinden, wird er den PC gar nicht mehr so dringend brauchen. Reduziere seine Nutzungszeiten ganz massiv und unverhandelbar. Und hilf ihm aus der ersten schwierigen Zeit, in der sich große gähnende Leere breit macht zu den Zeiten, an denen der PC an war.
Ich wünsche Dir ganz viel Kraft für diesen Weg. Vielleicht hilft diese wichtige Aufgabe Dir auch ein Stück weit aus Deiner Trauer heraus.
Herzliche Grüße
Merle
Hallo Merle,
vielen Dank für Deine Anregung.
Inzwischen sind ein paar Tage vergangen und ich habe einiges in die Wege geleitet. Allein schaffe ich es sicher nicht, aber er ist wohl auch noch nicht ganz abgestürzt, heißt, es ist natürlich noch nicht zu spät.
Der Rückzug aus dem Leben geschah nicht erst durch die Trauer um unsere Tochter, sondern schon Monate vorher. Bis September/ Oktober 2010 hat er noch Fußball gespielt, da war es noch nicht ganz so exzessiv. Seit er nicht mehr Fußball spielt, ist es so schlimm geworden. Also die Trauer wird nicht Schuld daran sein (ich glaube eher, er hat es für sich ausgenutzt!!!), sondern das Ganze in den letzten Wochen begünstigt haben.
Er sieht den Sinn der Regelungen nicht ein, das hat er mir diesen Montag zu verstehen gegeben. Somit ist für mich klar, das es ein harter erzieherischer Kampf wird. Obwohl ich ihm die Regelungen Montag unmißverständlich mitteilte (er hatte leider keine Ideen dazubeigetragen, somit musste ich sie allein finden), hat er gleich am Dienstag diese wieder ignoriert und versuchte seinen Kopf durchzusetzen. Die Strafe dafür nahm er widerum nicht ernst und wollte heute wieder spielen. Er spekuliert scheinbar darauf, das ich inkonsequent werde, was leider früher häufig der Fall war.
Ich würde meinem Kind gern mehr mit Verständnis entgegen kommen, aber er macht es mir nicht sehr leicht. Von ihm kommt nichts von selbst, auch keine Ideen, was er mit seiner nun vielen Freizeit anfangen könnte. Und alle Vorschläge, die wir ihm machen, lehnt er kategorisch ab. Ich kann ihn nur im Zimmer sitzen und sich langweilen lassen. Mir bricht es das Herz, aber ich kann nicht nachgeben, das würde er dann gleich wieder für sich ausnutzen. Leider hat sich oft gezeigt, auch schon, wo er noch klein war, das er sehr berechnend ist und genau auf das spielt, was mir schwer fällt. Nur dieses Mal muss er sich den Zahn ziehen lassen, das Mama auch mal durchgreift, wenn es sein muss.
Ich signaliere ihm stets, das ich immer gesprächsbereit bin. Aber es kommt nichts von ihm und ich habe keine Lust, immer die gleiche Platte zu spielen, wenn von ihm nichts kommt.
Ich bin mir sicher, er wird es mir später danken.
Viele Grüße, Elke.
durchziehen!
Hallo Elke,
das hört sich doch sehr kraftvoll an, was Du da berichtest, und ich bin sicher, dass Daniel dies auch spüren wird und, ganz tief drinnen, ohne es jemals zuzugeben, Respekt davor hat.
Wichtig ist, dass Du diesen Weg jetzt weiter gehst. Immer wieder berichten uns Eltern, dass sie nur ein Stück des Weges diese Konsequenz an den Tag gelegt haben und sich dann alles wieder einschleift. Oft wähnen die Eltern ihr Kind in Sicherheit, weil es eine Weile stille gehalten hat. Aber genau darauf spekulieren unsere Kinder, schlau wie sie sind, und bekommen ja auch immer wieder Recht. Auf diese Weise wiederholt sich dieses Spielchen unendlich oft und die Situation zurrt sich immer mehr fest. Wir Eltern verlieren an Glaubwürdigkeit und die Kinder verlieren die Achtung vor uns.
Dass Daniel sich jetzt erst einmal kräftig langweilt, ist völlig normal. Er hat ja nun unendlich mehr Zeit zur Verfügung, die er erst auszufüllen lernen muss. Lasse nicht nach, ihm Vorschläge zu machen, so anstrengend und scheinbar unproduktiv dies auch sein mag. Daniel wird schon irgendwann auf das eine oder andere eingehen oder von selbst auf Ideen kommen, wenn er erst merkt, dass Du Dich nicht erweichen lässt. Da brauchst Du einen ganz langen Atem.
Ich wünsche Dir viel viel Durchhaltevermögen.
Merle
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