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Donnerstag, 22.Dez 2011, 16:33

skspiess Benutzer ist offline

Benutzer
Anzahl Beiträge: 2
Mitglied seit: 25.11.2011
Hallo liebe Foren-Mitglieder!

Durch unsere Recherchen in Sachen Computerspiel-/Internetabhängigkeit sind wir auf diese sehr interessante Seite aufmerksam geworden. Wir finden es toll, dass es so ein Forum gibt, wo Betroffene und Angehörige sich so offen austauschen können.

Nun ist es so, dass wir - die SPIESSER GmbH (die auch die Schülerzeitung SPIESSER herausgibt, siehe www.spiesser.de) - zusammen mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) an einem Internetportal für Jugendliche zur Prävention vor Computerspiel- und Internetsucht arbeiten, das im Januar online gehen soll! Es soll also darum gehen, Jungen und Mädchen zwischen 12 und 18 Jahren über die möglichen Gefahren von Computerspielen und Internet aufzuklären.

Hierfür suchen wir junge Menschen, die Erfahrungen mit Computerspiel- oder Internetsucht haben und die Lust haben, uns ihre Geschichte zu erzählen, z.B. wie ihr Medienalltag so aussieht/aussah, wie sie vielleicht abhängig geworden sind von Computerspielen oder Chatten und so weiter. Wir finden, gerade wenn junge Betroffene selbst erzählen, ist es am authentischsten für die jungen Leserinnen und Leser.

Deshalb würden wir uns freuen, wenn ein Kontakt zustande kommt. Details kann man dann ja eins zu eins besprechen.

Freue mich auf Antworten auf diesen Post oder eine Nachricht an "skspiess"!

Viele Grüße
Freitag, 3.Feb 2012, 18:56

trachodon Benutzer ist offline

Benutzer
Anzahl Beiträge: 6
Mitglied seit: 08.11.2010
Hallo,

das finde ich sehr gut. Ich bin inzwischen 41 Jahre alt und kann dazu hier meine Lebensgeschichte mit dieser Sucht anbieten:

http://www.aktiv-gegen-mediensucht.de/thema/648/132/1/erfahrungsbericht-exzessive-mediennutzung/

Zu den Fragen:

Wie bin ich abhängig geworden?
Bereits als Kind war ich eher einzelgängerisch und schaute eher Fernsehen, als daß ich etwas mit anderen unternahm. Dann kam der Wechsel zum Gymnasium und der damit verbundene erhöhte Leistungsdruck. Ich empfand die Schule nicht mehr "unterhaltsam", sondern eintönig leistungsbezogen und fühlte mich dort nicht richtig wohl. Da ich von Anfang an mich in der Klasse nicht richtig integriert fühlte und eine Art kopflose Panik vor den nächsten Schuljahren entwickelte, brauchte ich eine Art "Ersatzbefriedigung" zur Erhöhung des Selbstwertes. In der 8. Klasse brachte mir dann ein Schüler aus einer höheren Klasse das Programmieren bei und führte mich an Computerspiele heran.

Wie sah der Medienalltag aus?
Nach Schule und Mittagessen sofort an den Computer (so gegen 13:30 Uhr). Dann stundenlang Computer, dabei ist die Zeit wie im Eilflug vergangen. So gegen 17:00-18:00 Uhr Hausaufgaben gemacht, manchmal später. Dann abends wiederum Computer, zwischendurch "zur Entspannung" Fernsehen geguckt. Abends im Bett im Gesicht eine Art elektronische Spannung gespürt. Nachdem ich den PC ausgestellt und mich ins Bett gelegt hatte, hatte ich die Vorstellung, als wenn auch ich gleich "abschalten" muß, wie vorher mein Computer. Ich sehe darin eine Aussage von dem Gehirnforscher Dr. Hüther bestätigt, der davon berichtet, daß sich Computerabhängige irgendwie selbst wie ein Computer fühlen (Aufbau einer Beziehung zu einer Maschine...).
Am Wochenende noch viel mehr elektronische Medien konsumiert, den ganzen Tag über, zwischendurch nur die Mahlzeiten, teilweise bis morgens um 02:00-03:00 Uhr. Und das auch in den Ferien.

Symptome?
Vor dem Computer: Hier fühle ich mich richtig wohl und "zuhause". Im Alltag ("Real life": Unterschwellige Ängste, schlechte Träume, Gefühlsschwankungen, Wahrnehmungsstörungen, soziales Isolationsverhalten. Viele virtuelle Bilder aus Kriegsfilmen oder Kriegsspielen blieben in mir unverarbeitet/nicht richtig im Gehirn integriert haften. Aufgrund des Mangels an "realen" Erfahrungen bin ich Gesprächen oft aus dem Weg gegangen und gab mir selbst auch das Recht, einfach wegzugehen, weil die Gespräche "so anstrengend" waren. Vor allem habe ich durch diese Sucht das Zeitgefühl verloren und eine Haltung entwickelt, daß man mich versorgt und ich nicht selber für mich sorgen brauche (Ablehnen von Verantwortung, ich habe alles auf einen undefinierten Zeitpunkt "irgendwann später..." verschoben). Brennende, starre Augen, die kaum Blickkontakte suchen. Abgehackte, ruckartige Bewegungen.

Dennoch habe ich das Abitur gut abgeschlossen, was mich selbst ein wenig erstaunt. Dazu habe ich mich aber auch sehr gequält und die naturwissenschaftlichen Fächer, mit denen ich Abitur gemacht habe, waren mir natürlich in praktischer Hinsicht kaum eine brauchbare Lebenshilfe.

Später im Berufsleben jedoch hatte ich aufgrund Mobbings Depressionen. Ich konnte den Attacken einfach nichts entgegensetzen und verstand auch überhaupt nicht, warum ich gemobbt wurde, was mich sogar noch am meisten fertigmachte. In diesen Depressionen nahm ich halluzinationsähnliche "starre Bilder" wahr, die mir selbst "fremdartig" vorkamen. Meine Hausärztin konnte damit nichts anfangen. Ich hatte das Gefühl, als wenn mein Gehirn in meinem negativen Mobbingerlebnis zwar versuchte, mich mit guten Erinnerungen zu beruhigen, dies aber nicht möglich war, weil ich einfach zu wenig "Real life" gelebt hatte und daher mein Gehirn mir "nichts Gutes zu bieten" zur Kompensation der negativen Mobbing-Gefühle hatte, sondern nur diese virtuellen unnatürlichen Eindrücke "abspielen" konnte.

Ich hoffe, daß meine Erläuterungen hilfreich sind. Ich habe bereits verschiedene Formen von Therapien angenommen, um mit den negativen Auswirkungen dieser Sucht klarzukommen. Ich bin seit mehreren Jahren aus dieser Sucht raus und möchte auch nie mehr etwas damit zu tun haben...

Noch Fragen?
Samstag, 4.Feb 2012, 10:07

trachodon Benutzer ist offline

Benutzer
Anzahl Beiträge: 6
Mitglied seit: 08.11.2010
Hallo,

man kann hier ja leider keine Beiträge editieren, so daß ich noch etwas ergänzen wollte: Zu Suchtzeiten hatte ich oft das Gefühl, als wenn mein Kopf unter Feuer stehen würde und ich eine besondere Belastung tragen würde, die nahezu "schicksalshaft" zu meiner Person gehört und mich wie eine Art Parasit überfallen hat. Wie ein "dunkles Geheimnis". Nach außen hin war ich extrem kopflastig und konnte, wie schon erwähnt, Gesprächen oft nicht folgen. Die Möglichkeit, in Gespräche "einzutauchen", war im Gehirn "kaltgestellt". Wie eine Gesetzmäßigkeit "Du gehörst nicht dazu". Aus reiner Höflichkeit und Toleranz wurde das von anderen aber nicht thematisiert, sondern einfach so hingenommen ("der ist eben so...".

Ich denke, daß das stundenlange Sitzen ein großes Problem ist. In der Schule sitzt man vormittags genervt stundenlang rum, lernt angestrengt abstraktes Zeug und hofft, daß der Unterricht bald zu Ende ist. Nachmittags sitzt man dann angeregt und freudig stundenlang vor dem PC rum und die Zeit vergeht wie in Eile. Dieser Kontrast der unterschiedlichen Zeit- und Gefühlsempfindung, über Jahre hinweg so gelebt, führt zu einer Störung des Zeit- und Gefühlserlebens und dem Festhalten an eher einfachen Umgangsformen und sehr eingeschränkter Rhetorik. Es ist eine Art Manipulation. Auf jeden Fall war der Mangel an Bewegung (z.B. durch Laufen) und natürlich der allgemeine Mangel an Aktivitäten suchtfördernd.

Was hat mir geholfen?
Wenn man jahrelang in dieser Sucht wie in einer Hypnose "geschlafen" hat, ist das "Aufwachen" sehr heikel. Ich erlebte Mobbing und das war ein sehr harter Schlag. Ich habe mehrere Jahre verschiedene Psychotherapien machen müssen, litt unter Depression. Inzwischen bin ich seit mehreren Jahren stabil.

Ich möchte Betroffenen aus meinem Lebenslauf mit dieser Sucht einige Empfehlungen geben:

1.) Eingeständnis und Information über die Sucht. Man ist ja kein schlechter Mensch, nur weil ich in diese Sucht geraten ist. Aber man empfindet sich im Vergleich zu anderen geschwächt. Daß ich mich oft so merkwürdig fühlte, hat ganz einfach seinen Grund in dieser Sucht. Für mich war die Entwicklung eines Selbstbildes sehr wichtig, denn wie soll man auf andere zugehen, wenn man sich selbst nie kennengelernt hat? Das ist "technisch" unmöglich. Ich habe das Bild eines Menschen entwickelt, der einmal einen Schlaganfall erlitten hatte. Das hat mir geholfen, denn so wie jeder einen Schlaganfall erleiden kann, genauso kann man auch in diese Sucht kommen. Deswegen ist man ja kein schlechter Mensch. Es ist sehr wichtig, daß man sich nicht mehr wie eine Art "Mysterium" empfindet, was einem die Sucht aber permanent suggeriert.

Ich finde die Informationen von Daniel Plaikner und Dr. Hüther zu diesem Thema für stark Betroffene unverzichtbar.

2.) Sofort und nachhaltig mit der exzessiven Mediennutzung aufhören. Früher hatte ich durch die Medienreizung auch Einschlafstörungen und schlief meist gegen 23:00-23:30 Uhr ein. Inzwischen gehe ich um 21:00-22:00 Uhr ins Bett und brauche meist nur ca. eine halbe Stunde zum Einschlafen.

3.) Sport. Ich jogge regelmäßig und spüre anschließend eine deutliche Besserung der Wahrnehmung und eigenen Zufriedenheit.

4.) Ersatz-Unterhaltung. Anstatt mich von PC+TV stundenlang elektronisch berieseln zu lassen, höre ich Radio. Fernsehen nur, wenn es mich nicht aufregt (keine Gewaltfilme) und aus meiner Sicht pädagogisch wertvoll ist (Informationssendungen, Dokus, Politik etc).

5.) Beschäftigung mit Psychologie. Therapien (aber nur solche Therapeuten nehmen, die einem wirklich sympatisch sind...) Das interaktive Borderline-Skills-Training hat mir sehr gut geholfen.

6.) "Das Leben" ist Unterhaltung...Wie schafft man es, sich von seinem eigenen Leben "unterhalten" zu fühlen?

Die Aufklärungsspots "schau hin" gehen mir jedesmal unter die Haut. Ich finde diese Form der Aufklärungsarbeit sehr gut und unverzichtbar und möchte gern meinen Beitrag dazu leisten, daß diese Sucht wirklich erstgenommen wird.

Das alles schreibt jemand, der extrem in dieser Sucht gefangen war. Wenn etwas unverständlich ist, kann ich gerne helfen.


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