Hallo,
man kann hier ja leider keine Beiträge editieren, so daß ich noch etwas ergänzen wollte: Zu Suchtzeiten hatte ich oft das Gefühl, als wenn mein Kopf unter Feuer stehen würde und ich eine besondere Belastung tragen würde, die nahezu "schicksalshaft" zu meiner Person gehört und mich wie eine Art Parasit überfallen hat. Wie ein "dunkles Geheimnis". Nach außen hin war ich extrem kopflastig und konnte, wie schon erwähnt, Gesprächen oft nicht folgen. Die Möglichkeit, in Gespräche "einzutauchen", war im Gehirn "kaltgestellt". Wie eine Gesetzmäßigkeit "Du gehörst nicht dazu". Aus reiner Höflichkeit und Toleranz wurde das von anderen aber nicht thematisiert, sondern einfach so hingenommen ("der ist eben so..."

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Ich denke, daß das stundenlange Sitzen ein großes Problem ist. In der Schule sitzt man vormittags genervt stundenlang rum, lernt angestrengt abstraktes Zeug und hofft, daß der Unterricht bald zu Ende ist. Nachmittags sitzt man dann angeregt und freudig stundenlang vor dem PC rum und die Zeit vergeht wie in Eile. Dieser Kontrast der unterschiedlichen Zeit- und Gefühlsempfindung, über Jahre hinweg so gelebt, führt zu einer Störung des Zeit- und Gefühlserlebens und dem Festhalten an eher einfachen Umgangsformen und sehr eingeschränkter Rhetorik. Es ist eine Art Manipulation. Auf jeden Fall war der Mangel an Bewegung (z.B. durch Laufen) und natürlich der allgemeine Mangel an Aktivitäten suchtfördernd.
Was hat mir geholfen?
Wenn man jahrelang in dieser Sucht wie in einer Hypnose "geschlafen" hat, ist das "Aufwachen" sehr heikel. Ich erlebte Mobbing und das war ein sehr harter Schlag. Ich habe mehrere Jahre verschiedene Psychotherapien machen müssen, litt unter Depression. Inzwischen bin ich seit mehreren Jahren stabil.
Ich möchte Betroffenen aus meinem Lebenslauf mit dieser Sucht einige Empfehlungen geben:
1.) Eingeständnis und Information über die Sucht. Man ist ja kein schlechter Mensch, nur weil ich in diese Sucht geraten ist. Aber man empfindet sich im Vergleich zu anderen geschwächt. Daß ich mich oft so merkwürdig fühlte, hat ganz einfach seinen Grund in dieser Sucht. Für mich war die Entwicklung eines Selbstbildes sehr wichtig, denn wie soll man auf andere zugehen, wenn man sich selbst nie kennengelernt hat? Das ist "technisch" unmöglich. Ich habe das Bild eines Menschen entwickelt, der einmal einen Schlaganfall erlitten hatte. Das hat mir geholfen, denn so wie jeder einen Schlaganfall erleiden kann, genauso kann man auch in diese Sucht kommen. Deswegen ist man ja kein schlechter Mensch. Es ist sehr wichtig, daß man sich nicht mehr wie eine Art "Mysterium" empfindet, was einem die Sucht aber permanent suggeriert.
Ich finde die Informationen von Daniel Plaikner und Dr. Hüther zu diesem Thema für stark Betroffene unverzichtbar.
2.) Sofort und nachhaltig mit der exzessiven Mediennutzung aufhören. Früher hatte ich durch die Medienreizung auch Einschlafstörungen und schlief meist gegen 23:00-23:30 Uhr ein. Inzwischen gehe ich um 21:00-22:00 Uhr ins Bett und brauche meist nur ca. eine halbe Stunde zum Einschlafen.
3.) Sport. Ich jogge regelmäßig und spüre anschließend eine deutliche Besserung der Wahrnehmung und eigenen Zufriedenheit.
4.) Ersatz-Unterhaltung. Anstatt mich von PC+TV stundenlang elektronisch berieseln zu lassen, höre ich Radio. Fernsehen nur, wenn es mich nicht aufregt (keine Gewaltfilme) und aus meiner Sicht pädagogisch wertvoll ist (Informationssendungen, Dokus, Politik etc).
5.) Beschäftigung mit Psychologie. Therapien (aber nur solche Therapeuten nehmen, die einem wirklich sympatisch sind...) Das interaktive Borderline-Skills-Training hat mir sehr gut geholfen.
6.) "Das Leben" ist Unterhaltung...Wie schafft man es, sich von seinem eigenen Leben "unterhalten" zu fühlen?
Die Aufklärungsspots "schau hin" gehen mir jedesmal unter die Haut. Ich finde diese Form der Aufklärungsarbeit sehr gut und unverzichtbar und möchte gern meinen Beitrag dazu leisten, daß diese Sucht wirklich erstgenommen wird.
Das alles schreibt jemand, der extrem in dieser Sucht gefangen war. Wenn etwas unverständlich ist, kann ich gerne helfen.