Fette Sau Ich bin gegen Mobbing – und Du?

 Autor: Christiane Kromp  Kategorie: Cybermobbing  Herausgeber: Franzius Verlag GmbH  Erscheinungsjahr: 2021  ISBN: 978-3960502012  Seiten: 300  Sprache: Deutsch Bei Amazon kaufen
 Beschreibung:

Die übergewichtige Lore geht in der Schule täglich durch die Mobbinghölle und hat keine Freunde. Aber die Lehrer unternehmen nichts dagegen. Lore kommt zu dem Schluss, dass nur Abnehmen ihr helfen kann, in der Gruppe Anerkennung zu finden.
So geht sie fast ein Dreivierteljahr in eine bayrische Klinik, um Gewicht zu verlieren. Dort lernt sie Julia kennen, die ihre Zimmerkameradin wird – und ihre beste Freundin. Mit Berliner Schnauze steht sie Lore gegen die “Zombieschwestern” bei.

Doch bei ihrer Heimkehr ist Lore jedoch immer noch die “fette Sau”. Wird es ihr gelingen, ihr Selbstwertgefühl zu stabilisieren und ihr Leben in den Griff zu bekommen?

Anmerkung der Autorin:
“Fette Sau” ist ein Buch gegen Mobbing. Es lässt den Leser aus der Sicht eines Mobbingopfers die Situation erleben, macht dem Leser bewusst, was Mobbing bewirken kann. Die Protagonistin Lore hat durch diese jahrelange Tortur praktisch kein Selbstbewusstsein mehr.

Das ändert sich erst in Bayern, wo sie nicht nur abnimmt, sondern auch wieder lernt, was richtiges Leben bedeutet, nämlich Unternehmungen, Wanderungen, Beschäftigungen mit anderen Menschen. Lore lernt, dass Handyspiele und Mediensucht ihr nicht gut tun. Sie versucht, sowohl das als auch ihre Sucht nach Süßem in den Griff zu bekommen. Sie erkennt, dass all das nur Ersatz für echtes Leben ist. Sie lernt, sich selbst besser anzunehmen und stärkere Unabhängigkeit von der Anerkennung anderer zu entwickeln. Und sie macht die gute Erfahrung der Freundschaft, die aus Sicht der Autorin das beste Mittel gegen Mobbing ist. Schon eine Freundin in der Klasse schützt gegen Mobbing. Zwei Kinder gleichzeitig können nicht so drangsaliert werden wie eines allein.

Außerdem wird Lore klar, dass ihr Übergewicht nur der Aufhänger für das Mobbing war. Die eigentlichen Gründe liegen tiefer und haben nicht unbedingt mit ihrer Person zu tun.

Dieses Buch soll zeigen, was Mobbing bei den Betroffenen anrichten kann. Es soll überdies dazu ermutigen, etwas gegen Mobbing, dessen Mechanismen und dessen Folge zu unternehmen und sich zur Wehr zu setzen, Und dazu kann auch Adipositas gehören, gegen die anzugehen die Autorin ebenfalls ermutigen möchte.

Christiane Kromp, *1965, wurde in Berlin geboren. Nach dem Geologiestudium ging sie mit Ihrem Mann nach Bremen und baute mit ihm gemeinsam ein Geschäft auf. Als der gemeinsame Sohn erwachsen war, suchte sie neue Herausforderungen und begann wieder mit dem Schreiben – was sich in zahlreichen veröffentlichten Kurzgeschichten und Romanen widerspiegelt. Sie lebt bis heute in Bremen.

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Christiane Kromp, *1965, wurde in Berlin geboren. Nach dem Geologiestudium ging sie mit Ihrem Mann nach Bremen und baute mit ihm gemeinsam ein Geschäft auf. Als der gemeinsame Sohn erwachsen war, suchte sie neue Herausforderungen und begann wieder mit dem Schreiben – was sich in zahlreichen veröffentlichten Kurzgeschichten und Romanen widerspiegelt. Sie lebt bis heute in Bremen.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Teil 1: Lore
1. Ein schrecklicher Geburtstag»Schaut mal, da kommt sie ja, die fette Sau!«
Lores Herz zog sich zusammen. Jeden Tag dasselbe, dachte sie. Jeden einzelnen Schultag waren diese Worte die ersten, die sie zu hören bekam.
»Ja, da ist sie, die fette Sau! Fette Sau, fette Sau«, hörte sie die anderen im Chor singen.
Dabei hatte sie doch heute Geburtstag. Aber natürlich war dieser Tag keine Ausnahme. Wie hatte sie denken können, dass das irgendetwas ausmachte? Sie war heute dreizehn Jahre alt geworden. Normalerweise ein Grund zur Freude. Aber die anderen würden ihr den Tag wieder zu verderben suchen, das wusste sie jetzt schon.
Eigentlich sollte sie sich inzwischen dran gewöhnt haben, von ihren Mitschülern auf diese Weise begrüßt zu werden. Aber das konnte und wollte sie nicht über sich bringen. Denn das hatte sie nicht verdient.
Ärgerlich wischte sie eine Träne von ihrer Wange. Sie tarnte die Bewegung damit, dass sie ihre langen Haare nach hinten strich. Die dicken lilablauen Strähnen fielen sofort wieder zurück in ihr Gesicht, doch das war ihr nur recht.
»Schaut mal, ich glaube, die heult!«
Triumphierend klang ihr die Stimme von Saskia im Ohr, ihrer schlimmsten Feindin in der ganzen Klasse. Dabei hatte sie dem Mädchen nie etwas Böses angetan.
»Heul doch, heul doch«, hob der böse Chor von Neuem an.
Seit Lore vor ein paar Minuten den Schulhof betreten hatte bis jetzt, als sie in das Schulgebäude eintrat, hing ihr eine immer größer werdende Traube von Mitschülern an den Fersen. Sie hatte das Gefühl, die anderen hatten ihr aufgelauert, damit sie sie schon auf dem Weg in die Klasse quälen konnten. Wie ein Wespenschwarm, der immer wieder versuchte, sie zu stechen, und das so oft wie möglich. Und es tat weh. Verdammt weh sogar.
Sie mussten über die große Schultreppe bis in den zweiten Stock hochsteigen, um ihren Klassenraum zu erreichen. Wie immer, ging Lore beim Erreichen des ersten Stockwerks die Luft aus. Ihre Lunge pfiff wie ein Blasebalg und ihre Beine schmerzten. Sie musste eine Pause einlegen. Hinter ihr johlten ihre Mitschüler schon wieder über ihre Schwäche.
»Die Treppe ist für Gewichte über dreieinhalb Tonnen gesperrt«, rief Jerome. Das ganze Treppenhaus hallte wider von wieherndem Gelächter. Lore zog den Kopf ein und biss sich auf die Lippe, um nicht zu weinen. Wie gemein das war!
Laut schnaufend zog sich Lore weiter am Treppengeländer empor. Das ging ziemlich langsam. Auf dem dritten Treppenabsatz musste sie zum zweiten Mal ausruhen. Warum, verdammt, war das so schwer? Mit großer Mühe erreichte Lore den zweiten Stock, über ihre Kräfte angetrieben von den Spottrufen ihrer Mitschüler, denen sie lieber keine weitere Schwäche zeigen wollte. Bunte Lichter tanzten für ein paar Sekunden vor ihren Augen und sie atmete schwer.
Jetzt überholten sie Saskia und Jerome, staksten unter dem Gelächter der ganzen Meute breitbeinig auf dem Flur vor ihr her, als wären sie Tonnen auf Beinen. Sie ruderten dabei Gleichgewicht suchend mit den Armen. Als ob sie, Lore, so gehen würde! Dazu schnauften sie geräuschvoll. Es war einfach nur gemein! Lore schluckte mühsam die Tränen hinunter, die schon wieder in ihr aufsteigen wollten. Die Genugtuung, dass sie weinte, wollte sie ihren Feinden nicht geben. Besonders nicht Saskia, die gerade ihre Wangen kugelrund aufblies, dabei schielte und mit all ihrer Schminke aussah wie eine deformierte Barbiepuppe. Sie hüpfte vor Lore auf und ab und winkte mit ihren langen Fingernägeln so vor Lores Gesicht herum, dass diese voller Schreck an eine krallenbewehrte Raubkatze denken musste.
»Lasst mich endlich in Ruhe«, schrie Lore. Sie hörte selbst den panischen Unterton.
»Lasst mich endlich in Ruhe, lasst mich endlich in Ruhe«, äfften die anderen sie nach. Hätte sie bloß gar nichts gesagt. Ihr Herz stach in ihrer Brust, die sich immer noch von der Anstrengung des Treppensteigens viel zu schnell hob und senkte. Wäre sie doch bloß nicht so fett!
Sie atmete tief durch und betrat den Klassenraum. Es war noch vor acht, daher war die Lehrerin noch nicht hier. Es herrschte das übliche Chaos, die Kinder rannten durch das Zimmer und bewarfen einander mit Radiergummis. Laut war es in der 7c. Als Lore aber hereinkam, wurde es schlagartig ruhig. Alle beobachteten sie, flüsterten einander etwas zu. Die Stille hatte etwas Bedrohliches, etwas Lauerndes. Wie ein Raubtier, das sich auf den Sprung vorbereitet.
»Buh«, riefen plötzlich zehn Kinder auf einmal. So laut zerriss das die eben noch herrschende Lautlosigkeit, dass Lore vor Schreck zusammenzuckte und ihren Ranzen mit einem Krachen zu Boden fallen ließ. Die ganze Klasse lachte.
»Hast du gerade gefurzt?«, krähte Jerome und hielt sich die Nase zu.
»Ihhh, die fette Sau hat gefurzt! Rette sich, wer kann«, kreischten Saskia und Bernadette und liefen zur anderen Seite des Klassenraumes. Tosendes Gelächter hallte von den Wänden wider.
Lore fühlte, wie eine Hitzewelle ihr Gesicht bis zu den Haarwurzeln zum Glühen brachte. Am liebsten wäre sie im Boden versunken, versuchte aber, sich ihre Gefühle nicht anmerken zu lassen. Sie schob ihren Ranzen zur Seite des Tisches und setzte sich langsam auf ihren Stuhl.
»Ey, Fettsau, pass auf, dass der Stuhl nicht unter dir zusammenkracht,« kommentierte Ali ihre Bewegung. Ein erneutes Anschwellen des Gelächters belohnte diesen Witz.
»O ja, der arme Stuhl!«
»Ich möchte nicht der Stuhl sein!«
»Seht ihr, wie der sich biegt? Der hat bestimmt schon einen Riss!«
»Kein Wunder, bei der Belastung!«
»Ruhe!«, rief eine energische Stimme. Es war die von Frau Jones, der Englischlehrerin. Frau Jones war sehr streng. Die Kinder drehten sich zu ihr um und setzten sich in dem Moment, als die Lehrerin in die Hände klatschte und rief: »Sit down, boys and girls!«
Die beiden Englischstunden gefielen Lore gut. Da war sie wie in ihrem Element. Sie hatte gute Noten in Englisch. Und Frau Jones gratulierte ihr zum Geburtstag.
»Everybody will now sing Happy Birthday for Hanna!«, wies sie die Klasse an. Hanna war Lores englischer Name, den sie sich in der ersten Englischstunde ausgesucht hatte. Ein lahmer Chor setzte ein. Keiner traute sich, die Lehrerin zu ignorieren. Die Blicke allerdings, die die anderen Lore zuwarfen, waren mörderisch. »Das wirst du uns nachher büßen!«, schienen sie zu sagen.
Frau Jones teilte die Tests wieder aus, die sie in der letzten Woche geschrieben hatten. Lore hatte eine Eins. Ein frohes Lächeln verbreitete sich über ihr Gesicht.
»Was grinst du so blöd, fette Sau?«, fauchte Saskia von schräg vor ihr. Lore riskierte einen Blick auf Saskias Bogen. Saskia deckte sofort ihre Zensur ab, doch Lore hatte sie schon gesehen. Das sah nach einer fetten Fünf aus. Lores Lächeln wurde breiter.
»Das kriegst du wieder!«, schien Saskias Blick zu versprechen. Oh je, sie würde schnell sein müssen nach der Stunde. Oder aber sehr langsam.
Um neun Uhr dreißig klingelte es zur Hofpause. Die Kinder johlten los und die meisten stürmten wie befreite Dämonen aus dem Klassenraum. Lore trödelte. Sie packte langsam ihre Bücher und Hefte wieder ein und ihr Pausenpäckchen aus. Ihre Mutter hatte ihr heute einen Apfel geschnitten, das konnte sie schon durch die Brotbox sehen. Und zwei Schwarzbrotschnitten mit Schinken lagen auch dabei. Lore entschied sich für eines der Brote. Trotz aller Hänseleien, heute Morgen hatte sie richtig Hunger. Immer wenn sie etwas aß, fühlte sie sich besser. Besonders nach einem solchen Morgen.
Langsam und umständlich packte sie das Brot aus und gönnte sich einen ersten Bissen. Hmmm, wie köstlich das schmeckte. Lore schloss die Augen.
»Los, Hanna, es wird Zeit, dass du auf den Hof gehst!«, erinnerte sie Frau Jones. Sie sagte es freundlich, aber sehr bestimmt.
»Na los, husch, husch!«, lachte die Lehrerin und unterstrich ihre Worte mit…

Quelle: www.amazon.de
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