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Ohne Netz Mein halbes Jahr offline

 Autor: Alex Rühle  Herausgeber: Klett-Cotta  Erscheinungsjahr: 2010  ISBN: 978-3608946178  Seiten: 223  Sprache: Deutsch  Bei Amazon kaufen
 Beschreibung:

»War ein eher ruhiger Tag: 68 Mails im Eingang, 45 geschrieben. Ich mach den Rechner aus, zieh meine Jacke an, stell mich in den Aufzug und denke: “Harakiri. Gute Nacht, du schöne Welt.”«

Alex Rühle ist ein erfolgreicher Journalist, er kommt ganz schön rum, ist glücklich verheiratet und hat zwei Kinder und er ist süchtig. Er ist ein Internet-Junkie. Kein Extremfall, nicht mal die Ausnahme. Er ist gerade so abhängig wie Sie und ich es sind, nur dass wir es nicht immer wissen. Doch Alex Rühle weiß es und macht Ernst: Ein halbes Jahr wird digital gefastet, und das Leben als Journalist und Vater muss offline weitergehen. Dabei ist das Porträt einer Zeit entstanden, in der alles immer schneller geht und man doch keine Zeit hat, und in der das Allein-Sein zur Tortur geworden ist.

»Alles abschalten! Dieses kluge und lustige Buch lesen! Danach weiß man, welches Netz man im Leben wirklich braucht.«
Doris Dörrie

Klappentext

»War ein eher ruhiger Tag: 68 Mails im Eingang, 45 geschrieben. Ich mach den Rechner aus, zieh meine Jacke an, stell mich in den Aufzug und denke: »Harakiri. Gute Nacht, du schöne Welt.««Alex Rühle ist ein erfolgreicher Journalist, er kommt ganz schön rum, ist glücklich verheiratet und hat zwei Kinder und er ist süchtig. Er ist ein Internet-Junkie. Kein Extremfall, nicht mal die Ausnahme. Er ist gerade so abhängig wie Sie und ich es sind, nur dass wir es nicht immer wissen. Doch Alex Rühle weiß es und macht Ernst: Ein halbes Jahr wird digital gefastet, und das Leben als Journalist und Vater muss offline weitergehen. Dabei ist das Porträt einer Zeit entstanden, in der alles immer schneller geht und man doch keine Zeit hat, und in der das Allein-Sein zur Tortur geworden ist.

»Alles abschalten! Dieses kluge und lustige Buch lesen! Danach weiß man, welches Netz man im Leben wirklich braucht.« Doris Dörrie

 

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Alex Rühle, lebte vierzig Jahre vor sich hin, ohne je irgendeiner lebenszerrüttenden Sucht zu verfallen: Er studierte Literaturwissenschaften, hat zwei Kinder, fährt viel Fahrrad und ist seit neun Jahren Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung.Doch dann kam der Blackberry …

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

30. November – Der Tag davor
Mittags, auf dem Weg in die Kantine, bitte ich Christopher und Bernd, mit mir einen Umweg zu machen, bei den Jungs von der IT vorbei, im zweiten Stock. Ich will die beiden als Zeugen dabeihaben, glaubt mir ja sonst keiner. Der Sachbearbeiter, der mir das Gerät vor etwa einem Jahr ausgehändigt hat, fragt zuerst, ob das ein Scherz sein soll.
– Nein, ich will nur, dass Sie das Ding in Verwahrung nehmen. Am 31. Mai komme ich und hol’s mir wieder ab.
– Aber warum denn nur?
– Ich geh ein halbes Jahr offline.
– Da können Sie den Blackberry doch auch zu Hause in eine Schublade stecken.
Ebenso gut könnte ein Dealer seinem Kunden sagen, um clean zu werden reiche es, das Crack auf den Schrank zu legen, außer Sichtweite, vielleicht noch unter einer Kaufhoftüte verstecken, dann werde das schon klappen mit ein bisschen gutem Willen. So etwas klappt nicht. Jedenfalls nicht bei einem wie mir. Ich halte dem Mann stumm meinen Blackberry hin. Er sieht mich regungslos an und verschränkt die Arme. Die anderen Mitarbeiter im Büro sind mittlerweile verstummt und schauen uns bei unserem merkwürdigen Duell zu, Christopher und Bernd stehen feixend in der Tür, Bernd sagt: “Der meint’s ernst.” Da werden die Fragen sorgenvoller: Ob mit mir alles in Ordnung sei, ob ich irgendwelche Probleme hätte. “Ja, hab ich, deswegen sollen Sie das Ding ja zurücknehmen.” Da steckt er den Blackberry achselzuckend in die oberste Schublade seines Schreibtischs und sagt: “Sie kommen doch eh nachher ohne Ihre Freunde zurück und holen ihn sich heimlich wieder.”
Als ich dann nach dem Kantinenbesuch beim IT-Support anrufe, versteht die Mitarbeiterin erstmal gar nicht, was ich will. Ob denn irgendwas nicht stimme mit meinem Internet. “Doch, alles wunderbar und makellos, ich will’s bloß mal ein halbes Jahr los sein.” Da war Stille in der Leitung. “Hallo? Sind Sie noch dran?” “Ja. Schon. Ich weiß bloß gar nicht – … Ist das denn erlaubt?” Erst als ich der Frau mehrfach versichere, dass das wirklich abgesprochen sei, mit der Chefredaktion und mit der Ressortleitung, verspricht sie mir, heute abend, um 22.30 Uhr, bevor der Letzte aus ihrer Abteilung geht, Mozilla Firefox, Skype, Lotus Notes und den Internet Explorer von meinem Rechner zu schmeißen.
Nach diesem Anruf werde ich plötzlich unsagbar nervös, Übersprunghandlungen allerorten, ich schreib nochmal wie besessen E-Mails und ziehe mir panisch Zeug aus dem Netz, für die Zeitungsthemen der nächsten Wochen, aber auch für dieses Buch, wer weiß, vielleicht finde ich ja noch gute Texte über digitale Sucht, Beschleunigung, Überforderung. Oder umgekehrt eine weitere geistreiche Lobpreisung der Allzeitvernetzung und Intelligenz des Internets. Noch vor einer halben Stunde fühlte sich das Ganze an,als würde ich heimlich auf Abenteuerurlaub fahren. Jetzt ist es plötzlich, als würde ich für eine gnadenlose Arktisexpedition packen, ein Fehler, Greenhorn, und Du verreckst elendig zwischen Eisschollen …
1. Tag – Höhlenmensch auf Arbeit
Als ich im Büro den Rechner starte, klaffen auf dem Desktop drei Löcher, da, wo die Icons für Firefox, Internet Explorer und Skype standen, ist nichts mehr. In Down by Law von Jim Jarmusch gibt es diese Szene, in der Roberto Benigni, Tom Waits und John Lurie in einer Gefängniszelle sitzen. Benigni, der in dem Film nicht besonders gut Englisch kann, malt mit dünner Kreide ein Fenster an die graue Zellenwand und fragt: “Zack, Jack, is it I look at the window or I look out the window?” Lurie knurrt: “In this case I’m afraid it’s I look at the window.” Jetzt, da ich nur noch auf Windows schauen kann, auf dieses eine Dokument, kommt es mir so vor, als habe bis gestern direkt hinter der Benutzeroberfläche eine endlose, cinemascopisch schöne Weite gelegen, in die man jederzeit hineinspazieren konnte, um sich darin zu verlieren, die Great Plains des Netzes. Jetzt hingegen ist da nur die gnadenlos glatte, weiße Fläche, ein Blatt, das

Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

30. November – Der Tag davorMittags, auf dem Weg in die Kantine, bitte ich Christopher und Bernd, mit mir einen Umweg zu machen, bei den Jungs von der IT vorbei, im zweiten Stock. Ich will die beiden als Zeugen dabeihaben, glaubt mir ja sonst keiner. Der Sachbearbeiter, der mir das Gerät vor etwa einem Jahr ausgehändigt hat, fragt zuerst, ob das ein Scherz sein soll.

– Nein, ich will nur, dass Sie das Ding in Verwahrung nehmen. Am 31. Mai komme ich und hol’s mir wieder ab.
– Aber warum denn nur?
– Ich geh ein halbes Jahr offline.
– Da können Sie den Blackberry doch auch zu Hause in eine Schublade stecken.

Ebenso gut könnte ein Dealer seinem Kunden sagen, um clean zu werden reiche es, das Crack auf den Schrank zu legen, außer Sichtweite, vielleicht noch unter einer Kaufhoftüte verstecken, dann werde das schon klappen mit ein bisschen gutem Willen. So etwas klappt nicht. Jedenfalls nicht bei einem wie mir. Ich halte dem Mann stumm meinen Blackberry hin. Er sieht mich regungslos an und verschränkt die Arme. Die anderen Mitarbeiter im Büro sind mittlerweile verstummt und schauen uns bei unserem merkwürdigen Duell zu, Christopher und Bernd stehen feixend in der Tür, Bernd sagt: »Der meint’s ernst.« Da werden die Fragen sorgenvoller: Ob mit mir alles in Ordnung sei, ob ich irgendwelche Probleme hätte. »Ja, hab ich, deswegen sollen Sie das Ding ja zurücknehmen.« Da steckt er den Blackberry achselzuckend in die oberste Schublade seines Schreibtischs und sagt: »Sie kommen doch eh nachher ohne Ihre Freunde zurück und holen ihn sich heimlich wieder.«

Als ich dann nach dem Kantinenbesuch beim IT-Support anrufe, versteht die Mitarbeiterin erstmal gar nicht, was ich will. Ob denn irgendwas nicht stimme mit meinem Internet. »Doch, alles wunderbar und makellos, ich will’s bloß mal ein halbes Jahr los sein.« Da war Stille in der Leitung. »Hallo? Sind Sie noch dran?« »Ja. Schon. Ich weiß bloß gar nicht – … Ist das denn erlaubt?« Erst als ich der Frau mehrfach versichere, dass das wirklich abgesprochen sei, mit der Chefredaktion und mit der Ressortleitung, verspricht sie mir, heute abend, um 22.30 Uhr, bevor der Letzte aus ihrer Abteilung geht, Mozilla Firefox, Skype, Lotus Notes und den Internet Explorer von meinem Rechner zu schmeißen.

Nach diesem Anruf werde ich plötzlich unsagbar nervös, Übersprunghandlungen allerorten, ich schreib nochmal wie besessen E-Mails und ziehe mir panisch Zeug aus dem Netz, für die Zeitungsthemen der nächsten Wochen, aber auch für dieses Buch, wer weiß, vielleicht finde ich ja noch gute Texte über digitale Sucht, Beschleunigung, Überforderung. Oder umgekehrt eine weitere geistreiche Lobpreisung der Allzeitvernetzung und Intelligenz des Internets. Noch vor einer halben Stunde fühlte sich das Ganze an,als würde ich heimlich auf Abenteuerurlaub fahren. Jetzt ist es plötzlich, als würde ich für eine gnadenlose Arktisexpedition packen, ein Fehler, Greenhorn, und Du verreckst elendig zwischen Eisschollen …

1. Tag – Höhlenmensch auf Arbeit

Als ich im Büro den Rechner starte, klaffen auf dem Desktop drei Löcher, da, wo die Icons für Firefox, Internet Explorer und Skype standen, ist nichts mehr. In Down by Law von Jim Jarmusch gibt es diese Szene, in der Roberto Benigni, Tom Waits und John Lurie in einer Gefängniszelle sitzen. Benigni, der in dem Film nicht besonders gut Englisch kann, malt mit dünner Kreide ein Fenster an die graue Zellenwand und fragt: »Zack, Jack, is it I look at the window or I look out the window?« Lurie knurrt: »In this case I’m afraid it’s I look at the window.« Jetzt, da ich nur noch auf Windows schauen kann, auf dieses eine Dokument, kommt es mir so vor, als habe bis gestern direkt hinter der Benutzeroberfläche eine endlose, cinemascopisch schöne Weite gelegen, in die man jederzeit hineinspazieren konnte, um sich darin zu verlieren, die Great Plains des Netzes. Jetzt hingegen ist da nur die gnadenlos glatte, weiße Fläche, ein Blatt, das mich anstrahlt und vor dessen Leere ich mich nirgends hinflüchten kann.

Viele Kollegen machen Höhlenmenschenwitze über mich. Das Funkeln des pointengewissen Witzbolds in den Augen,fragt wirklich fast jeder beinhart dasselbe. Ob ich denn jetzt meine Wohnung noch heize. Ob ich ab sofort meine Mails mit dem Toaster schicke. Ob ich noch mit der elektronischen Karte in der Kantine bezahle oder hinterm Hochhaus Gemüse anbaue. Ob ich mich noch rasiere. Ob ich noch Aufzug fahre oder in Zukunft immer zu Fuß in den 19. Stock hoch laufe. Ob ich meine Texte jetzt handschriftlich verfasse. Nach dem sechsten Witz dieser Art habe ich Lust, all das wirklich zu tun, dann lauf ich halt in Gottes Namen mit rauschendem Vollbart und meiner Gemüsekiste allein die Treppen hoch in den 19. Stock, aber muss mir wenigstens diese Sprüche nicht mehr anhören.Leute,ich leb weiterhin in einer beheizten Wohnung, habe ein Telefon, einen Kühlschrank und einen Fernseher,den ich freilich seit einigen Jahren kaum noch anmache,weil mein Leben größtenteils im Netz stattfindet.Pardon: stattfand.Jetzt,ohne Netz,kann ich da ja mal wieder reinschauen und kucken,was ARD und ZDF so treiben mit meinen GEZ-Gebühren.Mir schwant Übles.Ich hab auch meinen Apple noch,auf dem ich diese Zeilen schreibe, nur benutze ich ihn eben die nächsten Monate wie eine Schreibmaschine.

Ich mache all das nicht, weil ich das Internet doof finde. Im Gegenteil, ich verbringe darin den Großteil meiner wachen Zeit, weil ich es großartig finde, ein riesiges Versprechen, und es geht ja alles gerade erst richtig los. Allein schon die Homepage der New York Times kommt mir vor wie der Eingang in ein Bergwerk voller Goldadern: Egal in welchen Text man klickt, dahinter tun sich unendliche Verbindungsstollen voller funkelnder Nuggets auf. Jeden Tag finde ich auf Arts and Letters Daily fantastische Sachen. Ich prangere die Monsterkrake Google natürlich aufs schärfste dafür an, eine solche Monsterkrake zu sein, noch dazu so eine verlogene, »Don’t be evil« ist nun wirklich das ekligste aller Firmenmottos, aber bin ihr gleichzeitig dankbar dafür, dass sie die ganze Welt für mich ordnet. Ich war seit Jahren in keiner Bibliothek, man findet ja mittlerweile so gut wie alles im Netz. Weihnachten ohne Amazon-Bestellungen wird sicher mühsam. Und mir graut schon vor Recherchen aller Art. Kurzum: Das Netz sei mit Geschmeiden behängt und mit Ölen gesalbt, es möge ihm wohl ergehen immerdar, der Herr lasse leuchten sein Angesicht über ihm und gebe ihm Frieden.

Ich habe aber das Gefühl, dass ich mir darin selbst abhanden komme. Dass es mich schluckt. Mein Kopf gleicht abends, wenn ich von der Arbeit heimradel, oft einem neuronalen Flipperautomaten, dessen Drähte nach der Arbeit noch stundenlang im Dunkel nachglühen. Im Nachhinein kommen mir solche Tage vor, als hätte ich in der staubtrockenen Luft eines Kopierladens fortwährend nur leere Blätter in die Luft geworfen, bleiche, zerfaserte Zeit. Als würde da einer hinter meinem Rücken, während ich in den Bildschirm starre, mit dem Tintenkiller über den Tag drübergehen: Kaum vergangen, ist alles wieder verblasst.

Vladimir Nabokov schreibt, Erinnerung sei »der lange Sonnenuntergangsschatten der Wahrheit«. Was für ein wunderbares Bild. Das aber von sehr ruhigen, natürlichen Zyklen ausgeht, einem Baum in der Sonne, dessen Schatten am Endes eines langen Sommertages unmerklich länger wird, bis sich irgendwann die Nacht des alles nivellierenden Vergessens wie ein Tuch über die Welt legt. Ich konnte mich nach einem Arbeitstag, wenn ich im Dunkel heimfuhr, oftmals an nichts erinnern. Und ich konnte mich während des Tages manchmal nicht mal mehr erinnern, was ich zwei Minuten vorher getan hatte. Als verschwinde die Zeit direkt hinter mir in einem riesigen Hecksler.[…]

Quelle: www.amazon.de


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